Böll.Thema 4/2011

Zur Zukunft Europas: Aus Beirut

Fiktiver Pass der Europäischen Union
Fiktiver Pass der Europäischen Union. Autor: S. Solberg J., Lizenz: gemeinfrei, Original: WikimediaCommons.

21. November 2011
Mohammad Ali al-Atassi
Als politisches, wirtschaftliches und kulturelles Projekt ist Europa auch Hoffnungsträger für die Staaten südlich des Mittelmeeres, bedeuten doch der Erfolg und das Aufblühen dieses Projekts ein Mehr an Zusammenarbeit, wirtschaftlichem Austausch und Stabilität in der Region. Hoffnungsträger auch deshalb, weil es als attraktives Beispiel für die Staaten der arabischen Welt dienen kann, die untereinander durch gemeinsame Kultur, Sprache und Interessen verbunden sind. Hoffnungsträger, weil die großen arabischen und muslimischen Gemeinschaften in den meisten europäischen Ländern den Süden der Mittelmeerregion zu einem Teil Europas gemacht haben. Hoffnungsträger aber auch, weil das Schicksal der islamischen Kultur und Religion nicht mehr nur mit den Staaten der islamischen Welt verknüpft ist, sondern inzwischen auch von der Entwicklung, der Anpassung und der Integration der muslimischen Gemeinschaften innerhalb Europas abhängt. Hoffnungsträger, weil der europäische Islam zur faktischen Realität geworden ist, auch wenn das so mancher auf beiden Seiten des Mittelmeeres nicht wahrhaben will.

Europa als entstehende politische und wirtschaftliche Einheit versucht, Brücken der Kommunikation, des Austauschs und des Dialogs zu einer Reihe wirtschaftlich aufstrebender Staaten in der Welt zu bauen. Gleichzeitig dominiert eine Politik von Mauern, Stacheldrahtverhauen und der verstärkten Grenzpatrouillen noch immer seine Beziehungen zu den Ländern am südlichen Rand des Mittelmeeres. Seit dem Gipfel von Barcelona 2002 und der Partnerschaft für das Mittelmeer richtete die EU das Augenmerk auf die Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich, in der Terrorismusbekämpfung und der Eindämmung illegaler Einwanderung. Das ging auf Kosten der Achtung der Menschenrechtsstandards, des Drucks zu politischen Reformen, des Kampfes gegen Korruption und der Förderung des kulturellen und wissenschaftlichen Austauschs.

Es ist mir nie eingefallen, vielleicht hatte ich auch nie die Gelegenheit, die französische oder deutsche Staatsangehörigkeit zu beantragen, ganz abgesehen von der Frage, inwieweit ich die dafür erforderlichen Bedingungen überhaupt erfüllt hätte, solange ich eine Art Fremdheit gegenüber den verwurzelten nationalen Identitäten spürte, aus denen solche Staatsangehörigkeiten entstehen. Soweit ich mich überhaupt zu einer hingezogen fühle, ist es die noch fiktive "europäische Staatsangehörigkeit ". Ich weiß nicht, ob dieser europäische Weg letztlich zur Schaffung einer solchen gemeinsamen europäischen Staatsangehörigkeit mit einem gemeinsamen Pass führen wird, sollte dies aber der Fall sein, werde ich sicher ernsthaft darüber nachdenken, sie zu beantragen, und sei es nur deshalb, weil wir bei uns zu Hause an der Südküste des Mittelmeeres bereits ein kleines, schönes Europa haben.



Übersetzung: Gert Himmler

Mohammad Ali al-Atassi

Mohammad Ali al-Atassi ist Dokumentarfilmer und Journalist.

Böll.Thema 4/2011: Zur Zukunft Europas

Im Moment reden wir Tag für Tag über Krisenmanagement, doch nebenher wurden in den letzten 18 Monaten Fakten geschaffen, die das Gesicht der Eurozone maßgeblich verändern. Und das merkt die Bevölkerung. Bei allem Optimismus, den wir für die Entwicklung einer europäischen politischen Identität und Kultur aufbringen: Im Moment haben wir zwei Strömungen, die gegeneinander arbeiten. Es gibt durchaus antieuropäische Gefühle und einen antieuropäischen Populismus. Bei uns in Deutschland ist dieser nicht so deutlich in einer Partei manifest. In anderen Ländern schon, und dort findet diese Strömung mehr mediales Gehör. Wir müssen um die Idee Europa kämpfen. Und wenn wir denn am Ende zu einem neuen Vertrag kommen, muss die Frage in eventuellen Referenden nicht mehr heißen: „Ja oder nein zum Vertrag?“, wobei die Neinsager sein Inkrafttreten verhindern könnten. Die Frage muss stattdessen sein: „Wollen wir oder wollen wir nicht beim nächsten Schritt dabei sein?“

Daniela Schwarzer, Stiftung Wissenschaft und Politik

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