Böll.Thema 4/2011

Außenansicht Europas aus Singapur: "Von Asien aus wirkt Europa randständig"

Sattelitenaufnahme Europa und Asien
Europa und Asien: Die Machtgewichte verschieben sich. Bild: NASA, gemeinfrei, Original: WikimediaCommons

21. November 2011
Volker H. Schmidt

Könnte eine wachsende Integration der Europäischen Union zu einer Föderation à la Vereinigte Staaten von Europa den Abstieg der "alten Welt  " aufhalten? Das scheint mir, soweit es um die relativen Gewichtsverhältnisse geht, wenig wahrscheinlich. Denn selbst ein solches Gebilde hätte bei größtmöglichem Erfolg, innerem Zusammenhalt und politischem Steuerungsvermögen kaum Einfluss auf die seit langem in Gang befindliche, aber bis vor kurzem weithin unbemerkte Verschiebung der Gravitationszentren wirtschaftlicher, politischer und letztlich wohl auch kultureller Macht von West nach Ost und Süd.

Die Gründe für diese Verschiebung, die das Ende der Epoche westlicher Vorherrschaft markiert (an der Europa nach dem Zweiten Weltkrieg ohnehin nur noch in der Rolle eines Juniorpartners partizipierte) sind tiefer liegender, struktureller Natur und werden durch das institutionelle Design der EU gar nicht berührt. Der Aufstieg der " Anderen" verdankt sich einem im Vergleich zur historischen Erfahrung Europas dramatisch beschleunigten Modernisierungsprozess, der den Entwicklungsabstand wachsender Teile der (ehemaligen) Peripherie zu den ehemaligen Zentren im Norden kontinuierlich verringert. In einzelnen Entwicklungsdimensionen hat der Westen seine globale Führungsrolle bereits eingebüßt und andere setzen nun die Standards. Dieser Modernisierungsprozess, mithin auch das Wachstum der relativen Einflussgewichte außereuropäischer Akteure, wird sich aller Voraussicht nach fortsetzen. Insoweit kann es für Europa also nur nach unten gehen.

Das muss, auch für Europa, keine Katastrophe sein, verändert aber die Umweltbedingungen, mit denen europäische Akteure sich bei der Gestaltung ihrer Lebensverhältnisse konfrontiert sehen: Die policy makers der Vergangenheit, die anderen das Geschehen diktierten, werden mehr und mehr zu policy takers, die sich mit Entscheidungen Dritter zu arrangieren haben, die sie zwar betreffen, aber jenseits ihrer Kontrolle liegen. Unter diesem Aspekt dürfte die institutionelle Gestalt Europas allerdings einen Unterschied machen und letztlich darüber entscheiden, ob der Kontinent sich künftig überhaupt noch Gehör verschaffen kann. Seine geografische Lage am äußersten westlichen Zipfel der eurasischen Landmasse scheint da durchaus symbolträchtig. Von Asien aus betrachtet wirkt Europa ziemlich – nun ja, randständig.

Wenn ich mich nicht täusche, dann spiegelt dieser Eindruck auch zunehmend die Sicht der tonangebenden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten (Ost-)Asiens auf Europa wider. Man würdigt, angesichts der bis heute offenen Wunde der Kolonialisierungserfahrung nie frei von Ambivalenz, die Rolle Europas bei der Erfindung moderner sozialer Arrangements, anerkennt die Leistungsstärke, Innovationskraft, teilweise auch Vorbildrolle bestimmter europäischer Unternehmen und Institutionen. Speziell in Südostasien wird die EU aufmerksam verfolgt, nicht zuletzt, weil davon Lerngelegenheiten für den einstweilen noch sehr viel lockereren Verbund der Asean-Staaten erwartet werden. Aber im Großen und Ganzen hält man Europa für einen Kontinent der Vergangenheit, von dem nennenswerte Impulse für die Zukunft nicht mehr zu erwarten sind: zu klein, zu rückwärtsgewandt, zu parochial.

Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise ruft bittere Erinnerungen an die Selbstgerechtigkeit wach, mit der der von einem Europäer geleitete IWF den seinerzeit besonders stark betroffenen Staaten der asiatischen Finanzkrise von 1997 ein rigides Sparprogramm verordnete, wie die Europäer es sich im Angesicht einer womöglich viel dramatischeren Krise selbst kaum aufzuerlegen bereit sind. Schadenfreude will trotzdem nicht aufkommen, zumal keineswegs sicher ist, dass die von Europa und Nordamerika ausgehende Krise am Ende nicht auch Asien noch mit Wucht trifft. Man weiß um die vielen schwerwiegenden Probleme, Defizite und Hypotheken, mit denen die Europäer sehenden Auges ihre eigene und die Zukunft anderer belastet haben und weiter belasten, wundert sich aber über den offenbar unausrottbaren Hang zur Besserwisserei, mit der sie den Rest der Welt überziehen.

Ein Problem, das sich speziell aus meiner Sicht als Sozialwissenschaftler aufdrängt, ist die Neigung zur (akademischen) Selbstbespiegelung. Europa hält sich augenscheinlich weiter für den Nabel der Welt und beschäftigt sich daher vorrangig mit sich selbst – die Welt jenseits «  des » Westens kommt in seinen Diskursen und Curricula kaum vor und ist (abgesehen von Nordamerika) weitgehend terra incognita. Das könnte sich rächen, denn es verleitet dazu, die Bedeutung der genannten Entwicklungen zu unter- und die eigenen Stärken zu überschätzen.

Volker H. Schmidt

Volker H. Schmidt ist Professor für Soziologie an der National University in Singapur.

Böll.Thema 4/2011: Zur Zukunft Europas

Im Moment reden wir Tag für Tag über Krisenmanagement, doch nebenher wurden in den letzten 18 Monaten Fakten geschaffen, die das Gesicht der Eurozone maßgeblich verändern. Und das merkt die Bevölkerung. Bei allem Optimismus, den wir für die Entwicklung einer europäischen politischen Identität und Kultur aufbringen: Im Moment haben wir zwei Strömungen, die gegeneinander arbeiten. Es gibt durchaus antieuropäische Gefühle und einen antieuropäischen Populismus. Bei uns in Deutschland ist dieser nicht so deutlich in einer Partei manifest. In anderen Ländern schon, und dort findet diese Strömung mehr mediales Gehör. Wir müssen um die Idee Europa kämpfen. Und wenn wir denn am Ende zu einem neuen Vertrag kommen, muss die Frage in eventuellen Referenden nicht mehr heißen: „Ja oder nein zum Vertrag?“, wobei die Neinsager sein Inkrafttreten verhindern könnten. Die Frage muss stattdessen sein: „Wollen wir oder wollen wir nicht beim nächsten Schritt dabei sein?“

Daniela Schwarzer, Stiftung Wissenschaft und Politik

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