Forum 1

27. Februar 2008

Opfer und Akteure des Klimawandels in Amazonien – Internationale Verflechtungen politischer Entscheidungen sowie offizieller und zivilgesellschaftlicher Reaktionen in Deutschland, Europa und Brasilien  

Vítimas e atores das mudanças climáticas na Amazônia – Análise das vinculações internacionais das decisões políticas e das diversas reações oficiais e da sociedade civil na Alemanha/Europa e no Brasil.

» Paulo Moutinho, IPAM

» Dr. Philip Fearnside, INPA

» Nicole Wilke, BMU,Vertreterin Klimadelegation Bali / Representante da Delegaçao Alemã em Bali

» Dr. Imme Scholz, DIE

» André Lima,MMA

» Almir Suruí, COIAB

» Jürgen Maier,FUE

Moderation / Moderação:
Prof. Dr. Martin Coy, Universität Innsbruck

Rapporteurin / Relatora:
Prof. Dr. Dörte Segebart

Reaktionen (2)

1_ Imme Scholz
28. Februar 2008, 15:35 Uhr

In dem Forum ging es um drei Dinge: die Auswirkungen des Klimawandels auf Amazonien, die Ansätze der brasilianischen Bundesregierung für die Bekämpfung der Entwaldung (und damit einer der Ursachen des Klimawandels) und um die Möglichkeiten eines neuen Klimaregimes, den Schutz Amazoniens zu fördern.

Philip Fearnside vom Amazonasforschungsinstitut INPA in Manaus stellte die Prognose des Hadley Centres vor, nach der bis 2080 das amazonische Ökosystem kollabieren könnte. Diese Prognose beruhe vor allem auf der Annahme stark verringerter Niederschläge und andauernder El-Nino-Bedingungen. El Nino bezeichnet bisher ein Wetterphänomen, das von der Erwärmung des Pazifik ausgeht. Diese führt in Peru zu starken Regenfällen, in Amazonien und dem brasilianischen Nordosten (aber auch in Afrika und Borneo) zu starken Dürren und erhöhter Brandgefahr. Unter den Bedingungen des Klimawandels kann es nach dem Modell des Hadley Centres zu einem "andauernden El Nino" kommen.
Der IPCC hat 2007 erstmals bestätigt, dass die höhere Frequenz und Intensität des El Nino durch den Klimawandel verursacht wird.
Kollabiert das amazonische Waldökosystem, hat dies Folgen für die Niederschläge im Zentrum und Süden Brasiliens und anderer südamerikanischer Länder. Deren hochproduktive Landwirtschaft beruht auf Regenfällen aus Wolken, die u.a. über Amazonien entstehen. Dieser Wasserkreislauf würde durch den Kollaps Amazoniens gefährdet; damit würde die Existenzgrundlage vieler Menschen und Betriebe im ökonomischen Herzen Brasiliens in Frage gestellt. Ein wichtiger Teil des brasilianischen Wirtschaftswachstums in den vergangenen Jahren basiert auf der Steigerung der Agrarexporte.
Die große Dürre in Amazonien 2005 hat Hinweise dafür gebracht, wie sich ein verstärkter El Nino auf die Region auswirkt: es kam zu großen Fischsterben, die Wasserversorgung von 250.000 Menschen musste von Fluss- auf Brunnenwasser umgestellt werden, es kam zu großen Waldbränden und einer starken Zunahme von Atemwegserkrankungen.
Fernanda Carvalho vom brasilianischen Bundesumweltministerium stellte die Maßnahmen zur Bekämpfung der Entwaldung dar. Sie machte deutlich, dass Brasilien zwar der Auffassung ist, dass die Hauptverantwortung für den Klimaschutz bei den Industrieländern liegt, dennoch aber bereit ist, seine eigene Verantwortung im Bereich des Waldschutzes wahrzunehmen. Dies auch aus Gründen des Biodiversitätsschutzes. Dafür benötige es aber finanzielle Unterstützung aus dem Ausland. Brasilien habe die Einrichtung eines globalen Fonds für den Tropenwaldschutz vorgeschlagen, habe die Option eines marktbasierten Mechanismus im Rahmen des Klimaregimes ab 2012 aber noch nicht vollständig ausgeschlossen.
Brasilien sehe eine Reihe von Maßnahmen zur Reduzierung der Entwaldung vor, unter anderem:
- gemeinsame Aktivitäten der Ministerien für Umwelt, Landwirtschaft und Entwicklung
- Konzentration der Maßnahmen auf die 36 Munizipien, auf die sich die Entwaldung konzentriert,
- Fokus auf Einhaltung der Umweltgesetze, d.h. der illegalen Umwandlung von Wald- in Nutzfläche, des illegalen Holzeinschlags; dabei werden nicht nur die Farmer und Sägewerksbesitzer belangt, sondern auch diejenigen Unternehmen, die die illegalen Produkte kaufen; Soja, Fleisch und Holz aus den Munizipien, in denen sich die Entwaldung konzentriert, sollen in Zukunft mit einem Embargo belegt werden, wenn sie aus nicht-legalisierten Betrieben stammen.
In der Debatte ging es u.a. darum, wie dieser Ansatz umgesetzt werden könne, da es in der Region große Probleme mit Gewaltanwendung, Korruption und Straflosigkeit gebe.
Almir Suruí von der Dachorganisation der indigenen Völker Amazoniens COIAB trug die Forderung vor, die Umweltdienstleistungen der indigenen Völker zu entlohnen und den Waldschutz in die internationalen Kohlenstoffmärkte zu integrieren.
Nicole Wilke vom BMU trug vor, worum es bei den internationalen Klimaverhandlungen bis 2009 geht: um die Verabschiedung der Grundzüge eines neuen Klimaregimes, in dem die Verpflichtungen der Industrieländer, ihre Treibhausgasemissionen zu reduzieren, deutlich erhöht werden, und in dem die Entwicklungsländer ihre Emissionen erheblich (ca. 10%) reduzieren. Ob es für die entwaldungsbedingten Emissionen besser sei, ein Fonds- oder ein Marktmodell zu wählen, lasse die EU gegenwärtig prüfen.
Darum drehte sich dann auch ein Teil der Debatte: Wie kann das zukünftige Klimaregime so gestaltet werden, dass beide Emissionsquellen angegangen werden - die Verbrennung fossiler Energieträger wie die Verbrennung tropischer Wälder? Und zwar ohne dass sie gegeneinander ausgespielt werden? Wie können ausreichend Mittel generiert werden - der Klimaschutz wird die Industrieländer erhebliche Summen kosten, und es wäre nicht angemessen, wenn der Waldschutz nur auf Mittel aus der Entwicklungszusammenarbeit angewiesen wäre.
Darüber hinaus wäre es wichtig, über das Klimaregime auch in Entwicklungsländern mittelfristig zur Entstehung nationaler Kohlenstoffmärkte beizutragen - und in Brasilien, den Andenstaaten und Indonesien müssen diese Märkte den Wald einschließen, sonst kommen sie nicht auf eine nennenswerte Größe. Und sie müssen internationale Transfers ermöglichen, denn die Ursachen der Entwaldung sind in Entwicklungsländern vielfältig mit internationalen Märkten und Akteuren verknüpft. Die Industrieländer können ihre Energiestrukturen mit Eigenmitteln umbauen - viele Entwicklungsländer kontrollieren die Ursachen für die Entwaldung auf ihrem Territorium nicht.






2_ Johannes Enssle
28. Februar 2008, 16:54 Uhr

Habe viel gelernt! Vielen Dank für die spannende Dikussion.

Herzliche Grüße
Johannes

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