Interview

"Wir erleben einen Super-Gau in Zeitlupe"

Gerd Rosenkranz mit Mikrofon in der Hand
Gerd Rosenkranz. Foto: gruenennrw Lizenz: CC-BY-SA Quelle: Flickr

7. April 2011
Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage in Fukushima?
Wir erleben einen Supergau in Zeitlupe. Nichts, was in Fukushima derzeit zur Bewältigung der Katastrophe geschieht, hat irgendjemand jemals geplant. Die Menschen in Japan sind voll und ganz angewiesen auf die Kreativität der Mannschaften im Ausnahmezustand vor Ort. Die Hoffnung ist, dass diese Kreativität weiterreicht als die ziemlich offensichtliche Überforderung der Tepco-Führung. Ich wünsche allen Japanern, dass der ganz große Knall ausbleibt. Er würde bedeuten, dass dort niemand mehr helfen kann und man die Reaktorruinen erst einmal sich selbst überlassen müsste mit voraussichtlich verheerenden Konsequenzen für den Großraum Tokio.  
 
Im Vergleich zu Ländern wie den USA oder Rußland hat Angela Merkel auf Fukushima reagiert und ein Moratorium verkündet. Sind Sie zufrieden?
Angela Merkel und die schwarz-gelbe Regierung spielen immer noch ein doppeltes Spiel. Einerseits setzt ihr Krisenmanagement weiter auf politische Druckentlastung und Zeitgewinn. Man will sich - gerade mit Blick auf andere Länder - nicht dem Vorwurf der Überreaktion aussetzen. Anderseits wissen jetzt alle Parteien, dass mit einer Pro-Atom-Haltung in Deutschland niemand niemals mehr Wahlen gewinnt. Aber ich schließe nicht aus, dass Angela Merkel und andere in der Regierung in ihrem Weltbild auch wirklich verunsichert sind. Jedenfalls wird es ihnen nicht leicht fallen, ihrem Zick-Zack-Kurs in der Atompolitik im Sommer einen weiteren Haken folgen zu lassen.
 
Bis wann ist ein schneller Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland möglich ohne dass hier die Lichter ausgehen?
Wenn es nur um die Lichter ginge, könnten wir vermutlich binnen eines Jahres vollständig aussteigen. Als Deutsche Umwelthilfe plädieren wir als ersten Schritt für eine gesetzliche Regelung, die die sieben sehr schlecht oder gar nicht gegen Flugzeugabsturz gesicherten ältesten Reaktoren und den Pannenmeiler Krümmel dauerhaft stillegt. Die verbleibenden Meiler müssen dann unter Berücksichtigung einer Risikobewertung so schnell wie möglich, jedenfalls binnen weniger Jahre abgeschaltet werden. Ich persönlich finde die von Anti-AKW-Aktivisten, aber auch einigen Kirchenvertretern begonnene Debatte über einen Sofortausstieg trotzdem richtig. Denn eins ist ja klar: Wenn wir uns jetzt auf einen Ausstieg binnen fünf, sechs oder neun Jahren gesellschaftlich verständigen und 2013 passiert ein schwerer Unfall in Deutschland, dann war diese Entscheidung definitiv falsch. Alle Argumente, die man jetzt gegen einen Sofortausstieg anführen kann, wären dann schlagartig albern und lächerlich. Insofern ist das fast eine philosophische Frage. Es bleibt dabei, mit einer Situation, in der es um apokalyptische Schäden, aber sehr geringe Eintrittswahrscheinlichkeiten geht, können wir offenbar nur schwer umgehen. Das wichtigste jetzt ist aber, dass wir uns beim zügigen Ausstieg wirklich in Richtung „Unumkehrbarkeit“ bewegen. Denn natürlich wird die Gegenbewegung bereits vorbereitet. Man muss nur die Einlassungen von Herrn Vahrenholt (RWE Innogy, SPD) lesen, um zu ahnen, was von den Unverbesserlichen vorbereitet wird.      
 
Ist der Preis eines schnellen Ausstieges, dass wieder mehr Kohlekraftwerke ans Netz gehen müssen - auf Kosten des Klimaschutzes?

Das kommt auf die Geschwindigkeit an. Felix Matthes vom Öko-Institut hat einen Pfad konkret durchgecheckt, der zu einem Totalausstieg irgendwann zwischen 2015 und 2020 führt und mindestens mittel- und langfristig nicht zu Lasten des Klimaschutzes geht. Wenn man es schneller macht, wird das vor allem zu einer stärkeren Auslastung von bestehenden fossilen Kraftwerken führen, nicht zum Bau zusätzlicher neuer und zu kurzfristig mehr CO-2-Emissionen aus Deutschland. EU-weit wird das wegen des in Europa festgelegten Deckels bei den CO2-Emissionen sowieso keine Änderung bewirken. Und wir würden unter hohem Druck die Energiewende beschleunigen.  
 

Wie werden sich die Strompreise in Deutschland entwickeln, wenn wir schnell aussteigen?
 Sie werden tendenziell steigen, aber in dem Maße, in dem die Marktmacht der dominierenden Stromkonzerne weiter erodiert, nicht stärker als in den vergangenen Jahren ganz ohne Atomausstieg. Kostenlos ist die Transformation unseres Energiesystems von fossil-nuklear auf nachhaltig-erneuerbar nicht zu haben und das wissen die Leute, wie jede Umfrage bestätigt. Die Stromverbraucher müssen nicht nur die neuen sauberen Kraftwerke bezahlen, sondern auch eine runderneuerte Infrastruktur inklusive neue Netze und Stromspeicher. Das beste Mittel dagegen für die Einzelnen bleibt ein bewusster und effizienter Umgang mit Energie. Steigende Energiepreise bedeuten für die meisten von uns nicht automatisch auch steigende Energiekosten. Langfristig wird das neue System auf jeden Fall günstiger.

....
Das Interview führte Dorothee Landgrebe
 

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Reaktionen (1)

1_ Erlekampf Rolf
12. April 2011, 15:21 Uhr

Es ist schon schwer zu verstehen, wenn wir heute über die Kosten für den Ausbau in eine ungefährliche Energie diskutieren.
Auf der einen Seite werden die hohen Investitionen für die erneuerbaren Energien erwähnt, aber im Vergleich zu den bereitgestellten Geldern für die Rettung der Banken und Euroländer wird von der Politik kaum gesprochen. Meines Erachtens ist das Geld sinnvoller angelegt, so schnell wie möglich aus der Atomindustrie auszusteigen. Es wäre auch eine zukunftweisende Investition für unsere nachfolgenden Generationen.
Politiker werden als Vertrauensleute vom Volk gewählt und müssen deren Interessen vertreten. Wenn sie sich aber an sie nur am Wahltag erinnert und sonst dem Kapital hörig ist, müssen sie auch nicht über die Wahlergebnisse erstaunt sein.
Eine Politik nur den Ereignissen anzupassen ist unglaubwürdig.
Bürgernähe und deren Sorgen, sowie Geradlienigkeit haben Bestand.

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