Studie

Mythos Atomkraft - Ein Wegweiser

15. Februar 2006


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Eine detaillierte Auflistung der Übersetzungen findet sich im englischen Beitrag zur Studie.


Mythos Atomkraft - Ein Wegweiser
   
Herausgeber/in Heinrich-Böll-Stiftung
Erscheinungsort Berlin
Erscheinungsdatum Februar 2006
Seiten
ISBN --
Bereitstellungs-
pauschale
kostenlos


Inhalt

Vorwort

Kapitel 1: Mythos Atomkraft
Gerd Rosenkranz

  1. Einleitung
  2. Zur Erinnerung: Das Restrisiko des Vergessens
  3. Sicherheit: Die Urfrage der Atomkraftnutzung
  4. Selbstmordattentate: Eine neue Dimension der Bedrohung
  5. Atomkraftwerke: Nukleare Ziele im konventionellen Krieg
  6. Siamesische Zwillinge: Zivile und militärische Nutzung der Atomenergie
  7. Der offene Kreislauf: Lecks am Anfang und am Ende
  8. Nuklearer Klimaschutz: Ratschläge vom Milchmädchen
  9. Billige Atomkraft: Wenn der Staat die Rechnung zahlt
  10. Fazit: Renaissance der Ankündigungen

Kapitel 2: Die Risiken von Atomreaktoren
Antony Frogatt

  1. Einleitung
  2. Kommerzielle Reaktortypen und ihre Mängel
  3. Alterung, Laufzeitverlängerung und Sicherheit
  4. Die Terrorgefahr

Kapitel 3: Der nukleare Brennstoffkreislauf
Jürgen Kreusch, Wolfgang Neumann, Detlef Appel und Peter Diehl

  1. Einleitung
  2. Uranabbau: Technologie und Auswirkungen
  3. Die Behandlung von Nuklearabfällen

Kapitel 4: Atomenergie und Proliferation
Otfried Nassauer

  1. Einleitung
  2. Zivile Atomanlagen – ein kurzer Überblick
  3. Proliferationsrisiken
  4. Instrumente der Kontrolle und Begrenzung von Proliferation
  5. Eine Welt auf der Suche nach Energie

Kapitel 5: Die Wirtschaftlichkeit der Atomenergie
Steve Thomas

  1. Einleitung
  2. Der Weltmarkt für Atomkraftwerke: Bestellungsstand und weitere Aussichten
  3. Gängige Reaktortypen
  4. Schlüsselfaktoren der nuklearen Ökonomie
  5. Neuere Studien zu den Kosten der Atomenergie und warum sie differieren
  6. Notwendigkeit und Höhe staatlicher Subventionen
  7. Schlussfolgerungen

Kapitel 6: Atomenergie und Klimawandel
Felix Chr. Matthes

  1. Einleitung
  2. Die Herausforderung des Klimawandels
  3. Business As Usual
  4. Der Umgang mit komplexen Risikostrukturen
  5. Optionen der Emissionsminderung
  6. Schlüsselstrategien: eine Fallstudie zu Deutschland
  7. Schlussfolgerungen

Abkürzungen

Kurzbiografien der Autoren

Atomkraftwerk in Brasilien
Atomkraftwerk in Brasilien

Vorwort

Berlin, Januar 2006

Ralf Fücks und Barbara Unmüßig
Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Die Atomenergie ist wieder verstärkt in der Diskussion. Der Energiehunger aufstrebender Industriestaaten wie China und Indien, steigende Ölpreise, die riskante Abhängigkeit von russischem Erdgas und der galoppierende Klimawandel werden zu ihren Gunsten ins Feld geführt. Die Atomlobby schnuppert Morgenluft, von einem Come back der Atomenergie ist die Rede. Bisher ist das durch Fakten nicht gedeckt. Der Anteil des Atomstroms am gesamten Energieverbrauch ist weltweit rückläufig. Einige Neubauten in Asien und ein Reaktor in Finnland werden diesen Trend nicht umkehren. Auch die Industrie ist zögerlich und fordert umfangreiche staatliche Beihilfen und Garantien, bevor sie sich auf das Abenteuer neuer Atomkraftwerke einlässt.

Die veränderte energiepolitische Landschaft und die Offensive der Atombefürworter sind aber Grund genug, sich wieder intensiver mit der Atomkraft zu beschäftigen. In einer Reihe von Themenpapieren legt die Heinrich-Böll-Stiftung nun Analysen und Informationen zu den großen Streitfragen um die Atomenergie vor:

  1. Reaktorsicherheit: Was sind die spezifischen Risiken alter und neuer Reaktortypen? Welche Probleme entstehen bei der Verlängerung der Laufzeit bestehender AKWs?
  2. Brennstoffkreislauf: Wie lange reichen die Uranvorräte? Welche Risiken birgt der Uranbergbau? Welche Konzepte existieren für die Endlagerung?
  3. Proliferation: Wie eng ist die Verbindung von ziviler und militärischer Nutzung der Atomenergie? Lässt sich auf Dauer das eine von dem anderen trennen?
  4. Ökonomie: Wie wirtschaftlich ist Atomenergie? Welche Unsicherheiten liegen den Kalkulationen zugrunde, und welche Kosten werden auf die Allgemeinheit abgewälzt?
  5. Klimaschutz: Inwieweit bietet die Atomenergie eine Antwort auf die Herausforderung des Klimaschutzes? Was ist von dem Argument zu halten, Atomkraftwerke müssten den Übergang zur Bedarfsdeckung durch regenerative Energien absichern?

Zu Beginn bieten wir in einem eigenständigen Überblicksbeitrag von Gerd Rosenkranz eine umfassende wie kompakte Bewertung der Risiken und Aussichten der Atomenergie.

Die Auseinandersetzung mit der Atomenergie wird nicht nur in Deutschland geführt, sondern in vielen Partnerländern der Heinrich- Böll-Stiftung. Wir haben daher diese Papiere vorrangig in einer internationalen Perspektive für diese Partnerländer in Auftrag gegeben und nicht spezifisch für die deutsche Situation. Ausgaben in verschiedenen Sprachen (u.a. Englisch, Russisch, Ukrainisch, Portugiesisch) sind in Vorbereitung.

In Deutschland wird sich die atompolitische Auseinandersetzung in den kommenden Jahren auf zwei Fragen zuspitzen:

  • Laufzeitverlängerung: Werden Reststrommengen von neueren Reaktoren auf die zur Abschaltung anstehenden Altreaktoren Biblis A, Biblis B, Brunsbüttel und Neckarwestheim 1 übertragen? Eine Ausnahmeklausel im Atomkonsens ermöglicht dies mit Zustimmung der Bundesregierung. Die Konsequenz wäre nicht nur ein Weiterbetrieb der ältesten, störanfälligsten Reaktoren. Es würde dadurch auch die Phase des Atomausstiegs zeitlich stark komprimiert. Der Druck auf einen „Ausstieg aus dem Ausstieg“ würde nach 2010 massiv wachsen, da die notwendigen Ersatzkapazitäten in der Kürze der Zeit kaum zu beschaffen wären. Außerdem sind die dann abzuschaltenden Anlagen noch relativ jung; die Energiekonzerne würden dann mit Sicherheit gegen die „erzwungene Kapitalvernichtung“ Sturm laufen. Die Verlängerung der Laufzeit alter Anlagen wäre deshalb faktisch ein Angriff auf den mühsam errungenen „Atomkonsens“.
  • Endlagersuche: In den vergangenen Jahren sind 1,3 Milliarden Euro in den Bau eines Endlagers in Gorleben gesteckt worden, obwohl erhebliche Zweifel an der geologischen Eignung des Salzstocks bestehen. In dieser Legislaturperiode will die Große Koalition die Endlagerfrage klären – es ist zu befürchten, dass Gorleben entgegen aller fachlichen Bedenken als Standort festgeschrieben werden soll.

Trotz aller Argumente gegen eine katastrophenträchtige, mit hohen Kosten und Langzeitrisiken verbundene Technologie ist die Auseinandersetzung um die Atomenergie neu eröffnet. Eine neue Generation wächst heran, für die Harrisburg und Tschernobyl keine prägende Erfahrung mehr ist. In der öffentlichen Wahrnehmung dominieren Klimawandel, Energiesicherheit und steigende Preise für Öl und Gas den energiepolitischen Diskurs. Wir sehen es deshalb als unsere Aufgabe, atomkritisches Know-how zu aktualisieren und Alternativen zur Atomenergie aufzuzeigen. Dazu will Mythos Atomkraft einen Beitrag leisten. Wir bedanken uns sehr bei den Autoren dieses Bandes, namentlich bei Felix Chr. Matthes vom Öko-Institut, der zugleich die Koordination dieses Projekts besorgte. Auf Seiten der Heinrich-Böll-Stiftung lag das Projekt in den bewährten Händen von Jörg Haas.

Atomkraftwerk Biblis in Hessen. Kuppel und Kühltürme.
Atomkraftwerk Biblis in Hessen. Kuppel und Kühltürme.
© Martin Storz /graffiti/Greenpeace

1. Mythos Atomkraft

Der fundamentale Konflikt um die Atomenergie ist fast so alt wie ihre kommerzielle Nutzung. Die frühen Blütenträume ihrer Verfechter sind verflogen, die hohen Risiken geblieben, ebenso die Gefahren des militärischen Missbrauchs. Terroristische Bedrohungen haben sich dramatisch konkretisiert. Die Klimaerwärmung und die Endlichkeit fossiler Brennstoffe können nicht die großen Sicherheitsprobleme der Atomenergie verdrängen. Den katastrophenfreien Reaktor gibt es seit Jahrzehnten nur als ein fernes Versprechen.

Die vom Menschen verursachte Aufheizung der Atmosphäre gehört ohne Zweifel zu den größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Aber es gibt andere, risikoärmere Optionen, sie zu bewältigen, als die Atomenergie. Der Einsatz der Atomenergie ist nicht zukunftsfähig, weil die nuklearen Spaltstoffe ebenso endlich sind wie die fossilen Brennstoffe Kohle, Öl und Erdgas. Und weil die Zeiträume, die ihre radioaktive Hinterlassenschaft von der Biosphäre ferngehalten werden muss, so lang sind, dass sie jenseits der menschlichen Vorstellungskraft liegen.

Atomenergie ist aber nicht nur sicherheitstechnisch, sondern auch finanztechnisch eine Hochrisikotechnologie. Ohne staatliche Subventionen hat sie in einem marktwirtschaftlichen Umfeld keine Chance. Trotzdem wird es weiter Unternehmen geben, die unter speziellen, staatlich gesetzten Rahmenbedingungen von der Atomenergie profitieren. Laufzeitverlängerungen alter Reaktoren können für ihre Betreiber ökonomisch attraktiv sein – aber sie erhöhen das Risiko eines schweren Unfalls überproportional. Und es wird immer Machthaber geben, die die zivile Nutzung der Kernspaltung vor allem als Etappe auf dem Weg zur eigenen Atombombe sehen und vorantreiben. Darüber hinaus bietet die Atomenergie mit ihren hochgefährlichen und terrorgefährdeten Anlagen einen zusätzlichen Angriffspunkt für die spätestens am 11. September 2001 sichtbar gewordene skrupellose nichtstaatliche Gewalt. Auch deshalb wird die Atomenergie die Menschen spalten, so lange sie genutzt wird.

Bei Apach (Frankreich) entgleisten drei Spezial-Waggons auf dem Weg in die britische Wiederaufbereitungsanlage Sellafield.
Bei Apach (Frankreich) entgleisten drei Spezial-Waggons auf dem Weg in die britische Wiederaufbereitungsanlage Sellafield. Die hochradioaktive Ladung bestand aus je sechs abgebrannten Brennelementen aus dem AKW Emsland. Der Unfall passierte bei Rangierarbeiten bei niedriger Geschwindigkeit, was eine katastrophale radioaktive Freisetzung verhinderte.
© Becker+Bredel/Greenpeace

2. Die Risiken von Atomreaktoren

Dieser Text basiert ausschließlich auf dem im April 2005 von Greenpeace International veröffentlichten Bericht „Nuclear Reactor Hazards, Ongoing Dangers of Operating Nuclear Technology in the 21st Century“.

Der erste Teil befasst sich zunächst mit den Charakteristika und inhärenten Schwachstellen der wichtigsten heute betriebenen Reaktortypen sowie den Risiken neuer Reaktortypen, der zweite Teil diskutiert das Problem der „Alterung“ der in Betrieb befindlichen Reaktoren, und im dritten und abschließenden Teil geht es um die Gefährdung nuklearer Anlagen durch den Terrorismus. Die wichtigsten Schlussfolgerungen sind:

  • Alle in Betrieb befindlichen Reaktoren weisen schwerwiegende inhärente Sicherheitsmängel auf, die sich auch durch nachträgliche Verbesserungen der Sicherheitsmaßnahmen nicht beheben lassen.
  • Ein größerer Unfall in einem Leichtwasserreaktor – der großen Mehrheit der Reaktoren – kann zu radioaktiven Freisetzungen führen, die das Mehrfache dessen betragen, was beim Tschernobyl- Unfall freigesetzt wurde (und über das Tausendfache dessen, was bei der Explosion einer Atombombe freigesetzt wird).
  • Die als prinzipiell sicher gepriesenen neuen Reaktortypen leiden nicht nur unter ganz eigenen spezifischen Sicherheitsproblemen, ihre Entwicklung würde auch – bei mehr als ungewissen Ergebnissen – enorme Summen verschlingen.
  • Das Durchschnittsalter der Reaktoren weltweit liegt bei rund 21 Jahren, und viele Länder planen, die Laufzeit ihrer Reaktoren über die ursprünglich geplante Betriebsdauer hinaus zu verlängern. Längere Laufzeiten führen zum Verschleiß kritischer Komponenten und damit zu einem höheren Risiko ernsthafter Zwischenfälle. Angesichts unseres begrenzten Wissens über altersbedingte Abnutzungsprozesse lassen sich diese nur schwer vorhersagen.
  • Im Zuge der Liberalisierung der Strommärkte haben die nuklearen Energieversorger ihre Investitionen in Sicherheitsmaßnahmen reduziert und Personal abgebaut. Parallel dazu steigern sie die Reaktorleistung durch die Erhöhung des Reaktordrucks, der Betriebstemperatur und des Abbrands, was die Alterung beschleunigt und Sicherheitsabstände vermindert. Dazu kommt, dass die Atomaufsichtsbehörden nicht immer in der Lage sind, auf diese Änderungen angemessen zu reagieren.
  • Atomreaktoren lassen sich nicht ausreichend gegen Terroranschläge schützen. Neben dem Absturz eines Verkehrsflugzeugs auf ein Atomkraftwerk gibt es mehrere andere Szenarien, die zu einem größeren Reaktorunfall führen können.
Am Verladekran am Dannenberger Ostbahnhof trifft der Zug mit zwölf Castor-Behältern aus der Wiederaufbereitungsanlage La Hague ein.
Am Verladekran am Dannenberger Ostbahnhof trifft der Zug mit zwölf Castor-Behältern aus der Wiederaufbereitungsanlage La Hague ein.
© Andreas Schoelzel/ Greenpeace

3. Der nukleare Brennstoffkreislauf

Bevor Atomenergie genutzt werden kann, braucht es etliche Arbeitsprozesse in sehr unterschiedlichen industriellen Anlagen. Jede einzelne dieser Anlagen hat ein spezifisches Gefahrenpotenzial. Es fängt mit dem Staub in den Uranminen an, geht weiter mit den möglichen und tatsächlichen radioaktiven Belastungen bei normalem Betrieb sowie im Fall von Störungen für die Arbeiter in den Atomkraftanlagen bzw. die Menschen, die in der Nähe wohnen, – und endet mit der möglichen Kontamination von Grundwasser in einem Endlager für radioaktiven Abfall.

Nach der Nutzung von Uranbrennstoff in einem Atomreaktor und einer unumgänglichen Lagerungszeit gibt es für abgebrannte Brennelemente zwei Möglichkeiten: Die erste ist eine Behandlung und „direkte“ Endlagerung, die zweite eine Wiederaufbereitung. Wiederaufbereitung bedeutet die Abtrennung des Urans und des erzeugten Plutoniums von den abgebrannten Brennelementen, die Herstellung neuer Brennelemente mit diesem Material und der erneute Einsatz in einem Atomreaktor. Die meisten Länder, die Atomenergie nutzen, bereiten ihre abgebrannten Brennelemente nicht auf.

Die Anreicherung führt zu einer großen Menge verbrauchten Urans. Jede Anreicherungsanlage produziert jährlich einige Tausend Tonnen dieses Materials. Seine Nutzung ist ungeklärt. Möglicherweise kann nur ein kleiner Teil außerhalb des Brennstoffkreislaufs genutzt werden, und der Rest muss endgelagert werden.

In jeder Nuklearanlage wird radioaktiver Abfall produziert. Dieser Abfall kann eingeteilt werden in schwachradioaktiven Abfall, mittelradioaktiven Abfall und hochradioaktiven Abfall. Verglichen mit den beiden anderen Kategorien fällt hochradioaktiver Abfall nur in geringem Umfang an, er enthält jedoch erhebliche Mengen an Radioaktivität. Dieser Abfall setzt sich zusammen aus abgebrannten Brennelementen für die „direkte“ Endlagerung, die zu Glasverbindungen verarbeiteten Spaltprodukte aus der Wiederaufbereitung und die im Reaktor aktivierten Stoffe. Schwach und mittelradioaktive Abfälle entstehen in einem breiten Spektrum von Prozessen. Die Menge des Abfalls und der Umgang mit ihm, die Endlagerung eingeschlossen, hängen vom Reaktortyp ab. Das ist in den Atomenergie nutzenden Ländern unterschiedlich. Zum Beispiel produziert ein 1.300 MW-Druckwasserreaktor in Deutschland etwa 60 m3 schwach- und mittelradioaktive Abfälle und etwa 26 t abgebrannte Brennelemente jährlich. Bei Stillegung produziert dieser Reaktor 5700 m3 schwachradioaktiven Abfall. Wenn man die gültige Laufzeitbegrenzung von 35 Jahren pro Reaktor zur Voraussetzung nimmt, geht man in Deutschland von etwa 300.000 m3 Abfällen für die Endlagerung aus.

Ob mit oder ohne Wiederaufbereitung – eine Lagerstätte für die Endlagerung von radioaktiven Abfällen ist unerlässlich. Das trifft auf die großen Mengen schwach- und mittelradioaktive Abfälle ebenso zu wie auf die abgebrannten Brennelemente, weil bis heute „mixed oxide fuel“ (MOX) nicht in industriellem Ausmaß wiederaufbereitet wird. Nur in Frankreich geschieht das zum Teil. Bis heute gibt es in der ganzen Welt kein Endlager für hochradioaktiven Abfall und abgebrannte Brennelemente. Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle sind in einigen Ländern in Betrieb, die meistens ein größeres Nuklearprogramm haben. Es ist unabdingbar, dass in allen Ländern, die Atomenergie nutzen, so sicher und so schnell wie möglich eine Endlagerung vorgenommen wird. Die Endlagerung bietet größere Sicherheit als andere Optionen, wenn der Endlagerungsstandort sorgfältig ausgewählt und gebaut wird. Auch hier gilt: Man muss diese Lasten der Atomenergie in den Griff bekommen.

Atomkraftwerk Rovno (ukrainisch Rivne) in der Ukraine.
Atomkraftwerk Rovno (ukrainisch Rivne) in der Ukraine. Hier wird mit europäischen Fördermitteln ein 2. Reaktorblock gebaut (K2R4). Links der neue Kühlturm.
© Thomas Einberger/argum/Greenpeace

4. Atomenergie und Proliferation

Jeder zivile Atomenergiekreislauf und einige seiner Elemente ganz besonders konfrontieren die Welt mit bestimmten Sicherheitsrisiken. Atomtechnologie, das entsprechende Wissen und nukleares Material können weitergegeben werden. Nuklearexperten können reisen oder auswandern. Das ist seit Jahrzehnten bekannt, und die Geschichte liefert genug Beispiele. Allein die Existenz einer Vielzahl besonderer Vorsichtsmaßnahmen wie Non-Proliferationspolitik, besondere Exportkontrollen, Durchleuchtung von Personen und Verlässlichkeitstests für Mitarbeiter sind ein zusätzlicher Beweis dafür, dass die Gefahren der Proliferation real sind.

Während des Kalten Krieges richtete sich die Sorge wegen Proliferation vor allem auf Staaten, die an Material, Technologie oder Wissen für Nuklearwaffen herankommen wollten. In den sechziger und den frühen siebziger Jahren gehörten Deutschland, Indien, Israel, Japan und Schweden zu den Ländern, die unter Beobachtung standen. Mitte der siebziger und Anfang der achtziger Jahre zählten Argentinien, Brasilien, Ägypten, Indien, Iran, Irak, Pakistan, Südkorea, Taiwan und Südafrika zu den Ländern, die Grund zur Besorgnis gaben. Seit den neunziger Jahren stehen der Irak, Iran, Pakistan und Nordkorea ganz oben auf der Liste. Beinahe alle Nichtatommächte, die nukleare Forschung für kurz- oder langfristige Energieprogramme betreiben oder damit anfangen, sind in Bezug auf ihre nuklearen Absichten durchleuchtet worden.

Dennoch blieb bis zum Ende des Kalten Krieges die Zahl der Länder, die tatsächlich über Atomwaffen verfügten, bemerkenswert klein: Neben den ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates haben nur Israel, Indien und Südafrika die Bombe gebaut. Non-Proliferationsmaßnahmen wie etwa der nukleare Non-Proliferation Treaty (NPT), nukleare Schutzmaßnahmen durch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) und multilaterale wie nationale Technologie- und Exportkontrollen in Kombination mit der Selbstbeschränkung der Nichtnuklearländer sowie Sicherheitsgarantien durch Atommächte und/oder diplomatische Zwangsmaßnahmen haben dazu beigetragen, die Zahl überschaubar zu halten.

Darüber hinaus hat Südafrika nach dem Ende der Apartheid sein nukleares Arsenal vernichtet. Weißrussland, Kasachstan und die Ukraine haben eingewilligt, ihre von der sich auflösenden Sowjetunion geerbten Atomwaffen aufzugeben. Für einen kurzen historischen Moment, Anfang und Mitte der neunziger Jahre, gab es sogar eine gewisse Hoffnung, dass nukleare Abrüstung und nukleare Non-Proliferation insgesamt die Welt von der Bedrohung durch atomare Vernichtung befreien würde.

Heute sieht die Situation anders aus. Proliferation steht erneut an der Spitze der Gefahrenliste für die internationale Sicherheit. Einige Faktoren haben zu dieser Entwicklung beigetragen. Die Atomstaaten haben ihre nuklearen Lager nicht so schnell reduziert, wie es viele atomwaffenfreie Staaten nach dem Ende des Kalten Krieges erwartet hatten. Einige Atommächte sprachen wiederholt von der Notwendigkeit atomarer Modernisierung. Die Auflösung der Sowjetunion und Russlands Schwäche im Anschluss daran riefen ernsthafte Besorgnis über die Fähigkeit der Nachfolgestaaten hervor, ihre Atomwaffen, das nukleare Material, die Technologie und das Wissen zu sichern. Nach dem Golfkrieg 1991 deckten internationale Inspektoren ein geheimes irakisches Nuklearwaffenprogramm auf, das bis dahin nicht bekannt war und das trotz aller Non-Proliferationsmaßnahmen existierte. 1998 überraschten sowohl Indien als auch Pakistan die Welt mit Atomwaffentests. Pakistan musste mit auf die Liste der Staaten gesetzt werden, die über Atomwaffen verfügen. Schließlich wurde Nordkorea, nach einer mehr als zehn Jahre schwelenden Krise, der erste nichtatomare Staat, der den NPT verließ und erklärte, er verfüge über Atomwaffen.

Seit dem 11. September 2001 ist die öffentliche Aufmerksamkeit für die Risiken der Proliferation schnell gewachsen. Eine ganz neue Gruppe von Akteuren und Nutznießern der Proliferation musste dem Gesamtbild hinzugefügt werden: transnationale nichtstaatliche Akteure wie Terroristen, Angehörige des organisierten Verbrechens, religiöse Extremisten und transnationale Gesellschaften. Während manche Fachleute diese Akteure schon seit vielen Jahren im Visier hatten, machten sich Politiker und die breitere Öffentlichkeit erst im Nachklang der Terrorattacken von New York und Washington Gedanken über das Thema. Was wäre, wenn Terroristen bei künftigen Terrorattacken eine Atombombe oder eine schmutzige Bombe aus radioaktivem Material und herkömmlichen Sprengstoffen einsetzen würden?

Tatsächlich war ein Teil dieser neuen Aufmerksamkeit auf Politiker, Think Tanks und Industrien in den Vereinigten Staaten und anderswo zurückzuführen, die schnell versuchten, die Bedrohung durch den Terrorismus – speziell den Terrorismus durch Massenvernichtungswaffen – zu nutzen, um die eigenen Produkte, Dienstleistungen und Interessen besser verkaufen und durchsetzen zu können. Sie hofften auf einen erheblichen Zufluss von Steuergeldern in ihre jeweiligen Budgets oder ihre politischen Einflussbereiche. Aber ein übertriebener und interessengesteuerter Hype kann nicht als Beleg dafür dienen, dass das Problem an sich nur eine „Seifenblase“ ist. Transnationale nichtstaatliche Akteure wie Terroristen könnten in der Tat versuchen, Zugang zu nuklearem Material, zu Technologie und Wissen zu erlangen. Falls diese Gruppen tatsächlich planten, schmutzige, primitive oder sogar hochwertige Nuklearsprengstoffkörper zu bauen, schafft allein die Möglichkeit, dass sie Erfolg haben könnten, ein Problem, das ernst genug ist, um präventive Maßnahmen zu ergreifen. Heute lautet die „Eine-Milliarde-Dollar-Frage“, bis zu welchem Ausmaß dieses allgemeine Risiko bereits eine konkrete oder gar akute Bedrohung geworden ist. Darauf kann jedoch niemand eine wirklich verlässliche Antwort geben.

Da die Proliferation an die Spitze der Agenda zur internationalen Sicherheit zurückgekehrt ist, gewinnen auch die Proliferationsrisiken, die aus allen möglichen Arten von Nuklearprogrammen erwachsen, wieder zusätzliche Aufmerksamkeit. Die gegenwärtige Diskussion über das iranische Nuklearprogramm ist ein gutes Beispiel. Man misstraut dem iranischen Programm nicht nur, weil Iran Nukleartechnologie geheim eingeführt und einige seiner Verpflichtungen als nicht-nukleares Mitglied des NPT bezüglich der Sicherheitsregeln der IAEA verletzt hat, sondern auch aufgrund der Erfahrungen, die mit dem Irak und Nordkorea gemacht wurden. Das irakische Beispiel hatte deutlich gemacht, dass ein Land ein militärisches Atomprogramm vorantreiben und vor den Kontrollen durch die IAEA verbergen kann. Auch Nordkorea könnte Nuklearwaffen auf dem Weg eines „zivilen“ Nuklearprogramms erhalten haben, trotz der Maßnahmen zur Non-Proliferation. Obwohl Nordkorea sich massivem internationalen Verdacht wie auch Sanktionen ausgesetzt sah, war das Land so erfolgreich, dass es an die Entwicklung von Atomwaffen nah genug herankam und den Rückzug aus dem NPT riskieren konnte. Heute sind viele Länder darauf bedacht, Iran daran zu hindern, eine Art zweites Nordkorea zu werden. Selbst wenn das iranische Nuklearprogramm und die Absichten des Landes rein ziviler Natur wären, wie Teheran behauptet, würde man Iran misstrauen. „Nach Nordkorea“ werden alle zivilen Nuklearprogramme, die aus mehr bestehen als Leichtwasser- und Leichtwasser-forschungsreaktoren, vermutlich mit sehr viel größerer Skepsis betrachtet als vorher. Iran ist nur das erste Land, das mit diesem sich neu entwickelnden Non-Proliferationsklima konfrontiert wird. Andere werden wohl folgen.

Dieses Kapitel gibt einen kurzen Überblick über die Proliferationsrisiken, die mit der zivilen Nutzung der Atomenergie verbunden sind. Es untersucht die wichtigsten Elemente des Energiezirkels und ihres Potentials, eine Rolle in der Proliferation zu spielen. Es wirft einen Blick auf die staatlichen wie nichtstaatlichen Akteure und ihre Fähigkeit, die Proliferationsrisiken ziviler nuklearer Einrichtungen zu nutzen, um Zugang zu nuklearem Material, nuklearer Technologie und nuklearem Wissen zu bekommen. Die wichtigsten existierenden und geplanten Non-Proliferationsmaßnahmen werden kurz vorgestellt. Schließlich soll ein Ausblick in die Zukunft gewagt werden. Was sind die Aussichten für die zivile Nutzung der Atomenergie und welche Implikationen für künftige Proliferationsrisiken lassen sich vorhersagen?

Wohnhäuser vor dem Kühlturm des stillgelegten Atomkraftwerkes Mühlheim-Kärlich.
Wohnhäuser vor dem Kühlturm des stillgelegten Atomkraftwerkes Mühlheim-Kärlich. Das umstrittene Atomkraftwerk, das an einer gefährlichen Stelle errichtet wurde, war nur ein Jahr lang in Betrieb.
© Paul Langrock/Zenit/Greenpeace

5. Die Wirtschaftlichkeit der Atomenergie

Die ernste Herausforderung, die die Notwendigkeit zur Verminderung der Treibhausgasemissionen insbesondere im Sektor der Stromerzeugung darstellt, hat zu einem wiedererwachten Interesse am Bau neuer Atomkraftwerke geführt. Diese sollen zu Beginn den alternden Bestand bestehender Reaktoren ersetzen, dann die wachsende Nachfrage nach Strom befriedigen und schließlich gegen einen Teil der mit fossilen Brennstoffen betriebenen Kraftwerke ausgetauscht werden. Auf lange Sicht lautet das Versprechen, dass eine neue Generation von Atomkraftwerken zur Wasserstoffproduktion eingesetzt und damit die Verbrennung von Kohlenwasserstoffen in Kraftfahrzeugen überflüssig gemacht werden kann.

Wenn die Öffentlichkeit hinsichtlich der Frage, ob die Atomenergie eine günstige Stromquelle darstellt, verwirrt ist, ist das nur zu verständlich. In den letzten Jahren wurde die Atomenergie in einer großen Anzahl offenkundig autoritativer Studien in einem guten Licht präsentiert, und die meisten Energieversorger scheinen entschlossen, ihre bestehenden Anlagen so lange wie möglich weiter zu betreiben. Gleichzeitig scheuen die Energieversorger angesichts mangelnder Preis- und Marktgarantien und Subventionen vor dem Bau neuer Atomkraftwerke zurück. Ein Teil dieses scheinbaren Widerspruchs erklärt sich durch die Differenz zwischen den laufenden Kosten der Stromerzeugung aus Atomenergie, die generell relativ gering veranschlagt werden, und den Gesamtkosten der Atomstromerzeugung – einschließlich der Rückzahlung der Baukosten –, die beträchtlich höher liegen. Mit anderen Worten: Ist ein Atomkraftwerk erst einmal gebaut, könnte es wirtschaftlich durchaus sinnvoll sein, die Anlage weiter zu betreiben, und zwar selbst dann, wenn die gesamten Erzeugungskosten einschließlich der Baukosten höher sind als die Kosten alternativer Techniken. Die Baukosten einer Anlage sind nämlich „Sunk Costs“, versunkene Kosten, die nicht rückgängig gemacht werden können, die Grenzkosten der Erzeugung einer zusätzlichen Kilowattstunde (kWh) dagegen können vergleichsweise gering sein.

Allerdings rührt ein Großteil des Unterschieds zwischen der Wirtschaftlichkeit bestehender Anlagen und der Wirtschaftlichkeitsprognosen für zukünftige Anlagen von unterschiedlichen Annahmen beispielsweise zu den Betriebsleistungen und laufenden Kosten her, die sich nicht so ohne weiteres auf die Gesamtzahlen umlegen lassen.

In diesem Kapitel sollen die zentralen ökonomischen Parameter identifiziert, ihre bestimmenden Faktoren kommentiert und die Annahmen der wichtigsten Prognosen aus den letzten fünf Jahren überprüft werden, um zu ermitteln, inwiefern und warum diese Prognosen voneinander abweichen. Gleichzeitig werden auch die Garantien und Subventionen identifiziert, die Regierung möglicherweise bieten müssen, damit neue Kernkraftwerke gebaut werden.

Atomkraft und Windkraft in friedlicher Koexistenz vor dem Atomkraftwerk Brunsbüttel.
Atomkraft und Windkraft in friedlicher Koexistenz vor dem Atomkraftwerk Brunsbüttel. Die Windräder erzeugen je eine Leistung von 2 Megawatt umweltfreundlichem Strom, das AKW der Kernkraft Brunsbüttel GmbH mit seinem Siedewasserreaktor mehr als 770 Megawatt.
© Paul Langrock/Zenit/Greenpeace

6. Atomenergie und Klimawandel

Die globale Erwärmung ist eine der größten Bedrohungen des 21. Jahrhunderts. Die umfangreichen Forschungen und Modellanalysen auf diesem Gebiet zeigen immer deutlicher, dass erhebliche Emissionsreduktionen notwendig sind, wenn die Auswirkungen dieser Klimaveränderung auf ein noch tolerierbares Maß begrenzt werden sollen.

Für eine ambitionierte Klimapolitik ist vor allem der Energiesektor von großer Bedeutung. Kohlendioxid (CO2) aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe bilden den Großteil der weltweiten Treibhausgas- Emissionen. Falls in diesem Jahrhundert gravierende Einschnitte beim CO2-Ausstoß notwendig werden, müssen sich der Energiesektor und insbesondere die Stromwirtschaft fundamentalen Veränderungen unterziehen.

Unter den Technologien, die möglicherweise einen Beitrag zur Emissionsreduktion leisten könnten, spielt die Atomenergie eine herausgehobene Rolle. Sie wird seit Beginn ihrer Nutzung für die Stromerzeugung allerdings sehr kontrovers diskutiert, denn die mit dieser Technologie verbundenen Risiken reichen von katastrophalen Unfällen bis hin zum militärischen oder terroristischen Missbrauch von radioaktiven Materialien. Nach der Katastrophe von Tschernobyl und anderen Unfällen stagnierte die Atomenergieproduktion. Infolge der Liberalisierung der Elektrizitätsmärkte in den meisten OECD-Ländern sahen sich zahlreiche Atomkraftwerke mit gravierenden wirtschaftlichen Problemen konfrontiert, und neue Investitionen in die Atomenergie erwiesen sich für viele Investoren als unattraktiv.

Doch mit der zunehmenden Debatte zum Klimawandel ist die Diskussion über die Atomenergie wieder auf die Agenda gesetzt worden. Vor allem seit in der Europäischen Union ein Emissionshandelssystem für CO2 eingeführt wurde und der Ausstoß von CO2 nunmehr mit Kosten verbunden ist, wird die Atomenergie wieder vermehrt als eine Schlüsseltechnologie zur Emissionsminderung diskutiert.

Politische Maßnahmen gegen den Klimawandel, die Risiken der globalen Erwärmung und die spezifischen Risiken der Atomenergie bilden ein komplexes Konfliktfeld. Die Debatte umfasst das Problem unterschiedlicher Risikostrukturen und die Frage nach Alternativen: Risiken für die menschliche Gesundheit und die Ökosysteme sowie die gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen müssen gegen die Verfügbarkeit und die Kosten potenzieller Alternativen abgewogen werden. Vor diesem Hintergrund muss der Umfang künftiger Emissionsreduktionen ebenso wie der potenzielle Beitrag der verschiedenen Optionen zur Emissionsreduktion eine wichtige Rolle einnehmen. Wären lediglich moderate Emissionsreduktionen erforderlich oder stünde ein sehr großes Potenzial an attraktiven Alternativen zur Verfügung, so wäre die Debatte um die Atomenergie von geringer Bedeutung.

Mit dem hier vorliegenden Beitrag wird versucht, die Debatte um Klimawandel und Atomenergie zu strukturieren und aus der einschlägigen Literatur und den Diskussionen Schlüsse zu ziehen. Der folgende Teil gibt einen Überblick über die notwendige Größenordnung der Emissionsreduktion und definiert die Basis für die Rolle der Atomenergie im Rahmen einer ambitionierten Klimapolitik. Teil 3 beschreibt eine „Business As Usual“-Projektion für die CO2- Emissionen und die Entwicklung der Atomenergie in den nächsten Jahrzehnten. Diese Projektion dient als Grundlage für die Darstellung der Optionen zur Verringerung der Emissionen. Vor dem Hintergrund der sehr unterschiedlichen Risikostrukturen von globalem Klimawandel und Atomkraft wird im Teil 4 ein Modell für die systematische Analyse und die Beurteilung unterschiedlicher Risikotypen vorgestellt. Teil 5 beschreibt und erörtert die verschiedenen Optionen für eine langfristige Emissionsreduktion. Teil 6 zeigt, wie eine Emissionsreduktion von 80 Prozent in einem hoch industrialisierten Land wie Deutschland aussehen könnte. Danach wird im Einzelnen untersucht, welche Schlussfolgerung aus den Analysen in den vorausgegangenen Abschnitten gezogen werden können. Der letzte Teil dient der Zusammenfassung und den Schlussfolgerungen, die aus den vorgestellten Analysen gezogen werden können.

Da die globale Erwärmung ein langfristiges Problem darstellt, müssen die unterschiedlichen Lösungsoptionen über lange Zeiträume betrachtet werden. Dennoch wurden die Analysen auf den Horizont bis zum Jahr 2050 begrenzt, denn mit einer Ausweitung der zur Diskussion stehenden Periode wird die Einschätzung von Technologien und anderen Optionen zunehmend spekulativ. Eben aus diesem Grund wurde der Zeithorizont der Analyse und Diskussion auf etwa fünf Jahrzehnte begrenzt.

Zwar orientieren sich alle Analysen am globalen Maßstab, aber für viele in dieser Arbeit angeschnittene Probleme wäre ein spezifisch regionaler Bezug sicherlich sinnvoll, denn er würde in den für die verschiedenen Länder und Regionen sehr unterschiedlich verlaufenden Entwicklungen und Debatten gewiss zu weiteren interessanten Erkenntnissen führen.

Kurzbiografien der Autoren

Detlef Appel studierte Geologie in Hannover und Wien. Von 1971 bis 1981 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hannover, wo er 1979 promovierte. Seit 1981 ist er als selbständiger Berater und Gutachter im Bereich „Umweltbezogene Geowissenschaften“ tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind konzeptioneller und objektbezogener Grundwasser- und Bodenschutz, Umweltverträglichkeits- Beurteilungen, Deponiestandorte, Altlasten und Endlagerung radioaktiver Abfälle.

Peter Diehl beschäftigt sich seit 1982 mit den Problemen der Urangewinnung, seit er sich bei einer regionalen Umweltgruppe gegen die Erschließung eines neuen Uranabbaugebietes in Südwestdeutschland engagierte. Seit 1995 leitet er das Uranprojekt des World Information Service on Energy (WISE), eine in Amsterdam ansässige Nichtregierungsorganisation, die ein Netzwerk von Anti-Atomgruppen aus der ganzen Welt koordiniert.

Antony Froggatt arbeitet seit 1997 als unabhängiger Energie-Berater, speziell zu Energie- und Atomangelegenheiten für die EU und ihre Nachbarstaaten. Er verfasste verschiedene Berichte und Aufsätze über die Energiepolitik der EU für diverse Organisationen, darunter die Financial Times, die Grünen im Europäischen Parlament, Eurosafe (französische und deutsche Regulierungsbehörde), Greenpeace International, Friends of the Earth und WWF. Außerdem hat er intensiv mit Umweltgruppen in Osteuropa zusammengearbeitet und sie beim Aufbau eines Netzwerks für effiziente Energienutzung unterstützt. Bevor er sich selbständig machte, arbeitete Froggatt neun Jahre als Koordinator der Anti-Atomkampagnen von Greenpeace International.

Jürgen Kreusch, Jahrgang 1952, Studium der Geologie in Marburg und Hannover, Schwerpunkte Geophysik, Ingenieur- und Hydrogeologie, ist seit 1980 Mitarbeiter der Gruppe Ökologie e.V. und dort gutachterlich und beratend tätig. Seine Schwerpunkte sind Deponierung radioaktiver und chemisch-toxischer Abfälle. Seit 1988 ist er zusätzlich einer der beiden Geschäftsführer der intac GmbH, einer Gesellschaft für Beratung, Konzepte und Gutachten zu Technik und Umwelt.

Felix Chr. Matthes ist Diplom-Ingenieur und promovierter Politikwissenschaftler. Nachdem er jahrelang in der Industrie tätig war, arbeitet er seit 1991 im Berliner Büro des Freiburger Öko-Instituts. Er publizierte eine Reihe von Studien zu nationaler und internationaler Energie- und Klimapolitik und ist in der Politikberatung auf nationaler und europäischer Ebene tätig. In den Jahren 2000 bis 2002 war er wissenschaftliches Mitglied der Kommission „Nachhaltige Energieversorgung unter den Bedingungen der Globalisierung und der Liberalisierung“ der deutschen Bundesregierung.

Otfried Nassauer, geboren 1956, studierte Theologie und gründete das Berlin Information Center for Transatlantic Security (BITS), das er seit 1991 leitet. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeitet er als freier Journalist im Bereich militärischer und internationaler Sicherheitsangelegenheiten. Otfried Nassauer publizierte unter anderem zu Atomwaffen, NATO-Politik, europäische Sicherheit, Militärtechnologie, Waffenkontrolle, Waffenhandel, Landminen, Kleinwaffen und Sicherheitspolitik in Deutschland. Darüber hinaus arbeitet er als Kommentator und Experte zu den Themen Sicherheitspolitik und Waffenkontrolle für verschiedene Fernseh- und Radiosender. Er ist Herausgeber und Autor zahlreicher Bücher.

Wolfgang Neumann ist Physiker. Er arbeitet im Atombereich der Gruppe Ökologie, Institut für ökologische Forschung und Bildung e.V., in Hannover. Als Gutachter bzw. Sachverständiger berät Wolfgang Neumann auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene Bürgerinitiativen, Umweltschutzverbände, Parlamentsmitglieder, Behörden und Regierungen. In diesem Zusammenhang hat er eine Vielzahl von Studien und Gutachten angefertigt. Seit 1999 ist er Mitglied in den Ausschüssen „Ver- und Entsorgung“ der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) sowie „Strahlenschutz bei Anlagen“ der Strahlenschutzkommission (SSK) des Bundesministers für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Vor diesen Berufungen war er bereits Mitglied der „Strahlenkommission“ des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.

Gerd Rosenkranz, promovierter Werkstoffwissenschaftler und Diplom-Ingenieur mit Fachrichtung Metallkunde, arbeitete nach einem Aufbaustudium der Kommunikationswissenschaften etwa 20 Jahre als Journalist für überregionale Tages- und Wochenzeitungen; zuletzt bis 2004 fünf Jahre als Redakteur im Hauptstadtbüro des Nachrichtenmagazins Der Spiegel mit dem Themenschwerpunkt Umwelt- und Energiepolitik. Seit Oktober 2004 ist er Leiter Politik der Deutschen Umwelthilfe e.V. in Berlin.

Steve Thomas ist Senior Research Fellow der Public Services International Research Unit der Universität Greenwich in London, wo er den Bereich Energieforschung leitet. Seinen Bachelor of Science in Chemie erlangte er in Bristol. Thomas forscht seit mehr als 20 Jahren im Bereich Energiepolitik. Thomas ist Mitglied der Redaktion von Energy Policy sowie weiterer energiepolitischer Fachzeitschriften. Er ist Gründungsmitglied eines Netzwerks von Wissenschaftlern in Nordeuropa (REFORM), das die politischen Perspektiven einer Liberalisierung der Energiesysteme untersucht. In den Jahren 2001 und 2002 war er Mitglied eines internationalen Ausschusses, der von der südafrikanischen Behörde für Mineralien und Energie dazu beauftragt war, eine Studie zur technischen und wirtschaftlichen Realisierbarkeit eines Atomreaktors neuer Bauart, des Pebble Bed Modular Reactors, zu erstellen.

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