Schriften zur Ökologie, Band 12

Mythos Atomkraft

Schriften zur Ökologie, Band 12:
Mythos Atomkraft
Warum der nukleare Pfad ein Irrweg ist

In vielen Ländern ist der Mythos von der Atomkraft als unbegrenzte, günstige und sichere Energiequelle stark verblasst, in anderen Teilen der Welt erlebt er gerade einen Aufschwung. In Deutschland hat die liberal-konservative Bundesregierung mit dem Argument, Atomkraft sei eine Brückentechnologie ins Solarzeitalter und unerlässlich für eine CO2-neutrale Energieversorgung, den „Ausstieg aus dem Ausstieg“ beschlossen. Trotzdem bleiben die alten Fragen um Uranabbau, Unfallrisiken und die Endlagerung des radioaktiven Abfalls unbeantwortet.

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat internationale Experten beauftragt, Fakten und Argumente zu den wichtigsten Themen in Sachen Atomkraft zu überprüfen. Ihre Ergebnisse machen deutlich: Die Atomkraft ist eine teure Technologie und eine massive Bremse für den notwendigen Ausbau der Erneuerbaren Energien. Zudem wächst mit jedem weiteren Atomkraftwerk das Risiko nuklearer Proliferation – die Welt wird unsicherer.

Mit Beiträgen von Antony Frogatt, Mycle Schneider, Steve Thomas, Otfried Nassauer und Henry D. Sokolski.

Die Publikation liegt auch auf Spanisch, Englisch, Arabisch und Hebräisch vor.

 

Schriften zur Ökologie, Band 12:
Mythos Atomkraft
Warum der nukleare Pfad ein Irrweg ist
Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung
Berlin, September 2010, 216 Seiten
ISBN 978-3-86928-039-4


Warum der nukleare Pfad ein Irrweg ist -
Mythos Atomkraft
   
Herausgeber/in Heinrich-Böll-Stiftung
Erscheinungsort Berlin
Erscheinungsdatum September 2010
Seiten 216
ISBN 978-3-86928-039-4
Bereitstellungs-
pauschale
kostenlos


Inhalt

Vorwort

Antony Froggatt und Mycle Schneider
Energiestrategien für die Zukunft: Verhindert Atomkraft den nötigen Systemwechsel?

Steve Thomas
Die wirtschaftlichen Aspekte der Atomenergie

  • Anhang 1 Reaktortechnologien, aktuelle Reaktortypen und Anbieter
  • Anhang 2 Diskontierung, Kapitalkosten und Renditen
  • Anhang 3 Stilllegung
  • Anhang 4 Der aktuelle Stand der Projekte in den USA

Otfried Nassauer
Atomwaffen und Atomenergie – Siamesische Zwillinge oder doppelte Null-Lösung?

Henry D. Sokolski
Atomwaffen, Energiesicherheit, Klimawandel – Wege aus dem nuklearen Dilemma

Abkürzungen und Glossar

Die Autoren

Vorwort

In vielen Ländern ist der Mythos von der Atomkraft als unbegrenzte, konkurrenzlos günstige und sichere Energiequelle stark verblasst, in anderen Teilen der Welt erlebt er gerade einen Aufschwung. In Deutschland sprechen inzwischen selbst die großen Energiekonzerne davon, dass die Zukunft allein den Erneuerbaren Energien gehört. Offiziell geht der Streit nur noch darum, wie schnell die vorhandenen Atomkraftwerke vom Netz gehen können und sollen. Von den Profiteuren und Anhängern der Nuklearenergie wurde ein neuer Mythos in die Welt gesetzt: Atomkraft sei eine unabdingbare Brückentechnologie ins Solarzeitalter und unerlässlich für eine CO2-neutrale Energieversorgung. Mit diesem Argument hat die liberal-konservative Bundesregierung den „Ausstieg aus dem Ausstieg“ beschlossen. Die deutschen Atomkraftwerke sollen nun länger laufen, offiziell sind es durchschnittlich 12 Jahre, faktisch wären es wohl mehr.

Diese Entscheidung wirkt über die deutschen Grenzen hinaus als Signal. Sie stützt die Behauptung von einer globalen „Renaissance der Atomkraft“. Dabei geht es weniger um Fakten – tatsächlich kann von einem Boom der Nuklearenergie keine Rede sein – als um den Versuch, die Kritiker der Atomenergie als ewig Gestrige erscheinen zu lassen, die den neuen Trend nicht mitbekommen haben. Die Auseinandersetzung um die Atomenergie ist neu eröffnet. Geblieben sind die alten Streitfragen um Uranabbau, Unfallrisiken und die Lagerung des radioaktiven Abfalls. Neu diskutiert wird die Frage, ob Atomenergie einen Beitrag gegen den Klimawandel leisten kann, ob mit ihr die Energiesicherheit wächst und wie das wachsende Risiko nuklearer Proliferation zu bewerten ist.

Vor diesem Hintergrund hat die Heinrich-Böll Stiftung namhafte Experten beauftragt, Fakten und Argumente zu den wichtigsten Mythen der Atomkraft aufzubereiten. Die Ergebnisse dieses ersten Projekts wurden 2006 in dem Sammelband  Mythos Atomkraft publiziert, der auf große Nachfrage traf und in neun Sprachen übersetzt wurde. Die hier vorliegende Veröffentlichung ergänzt und aktualisiert diesen Band.  Sie zielt nicht nur auf den Hausgebrauch, sondern auf die internationale Kontroverse um die Atomenergie.

Zunächst machen die Beiträge deutlich, dass von einer „Renaissance der Atomkraft“ keine Rede sein kann. Die Zahl der Atomkraftwerke nimmt weltweit stetig ab. Aktuell sind noch 437 Reaktoren in Betrieb. In den nächsten 15-20 Jahren werden mehr alte Anlagen vom Netz gehen, als neue in Betrieb genommen werden. Angekündigt ist der Neubau von etwa 160 neuen Kraftwerksblöcken, davon allein 53 in China. Aber längst nicht alle Absichts¬erklärungen werden Wirklichkeit. Dafür sorgen schon die galoppierenden Kosten für neue Reaktoren.

Je stärker Strommärkte dem freien Wettbewerb geöffnet werden, desto geringer werden die Chancen der Atomkraft. Denn unterm Strich erweist sich Atomstrom als ebenso teuer wie riskant. Das zeigt Steve Thomas eindrücklich in seinem Überblick über die wirtschaftlichen Aspekte der Atomkraft. Detailliert beschreibt er die Faktoren, die die offenen und verdeckten Kosten eines Atomkraftwerkes bestimmen. Sein Fazit: Kein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen wagt heute den Neubau eines Atomkraftwerks ohne staatliche Subventionen und Bürgschaften. Neue Werke werden vor allem dort gebaut, wo Staat und Energiewirtschaft eine unheilige Allianz bilden. Die Gründe für die Zurückhaltung der Investmentbanken liegen auf der Hand. Die Kosten für neue Anlagen explodieren. So hat sich der Baupreis des neuen Atomkraftwerks im finnischen Olkiluoto bereits von 3 Mrd. Euro auf rund 5,4 Mrd. Euro erhöht, obwohl noch nicht einmal der Rohbau steht. Dazu kommen die ungelösten Probleme der Endlagerung, die bis dato unklaren Stilllegungskosten und die hohe Störanfälligkeit dieser Technologie. Auch neue Sicherheitsbestimmungen, wie beispielsweise der Schutz vor terroristischen Anschlägen, stellen ein unkalkulierbares Kostenrisiko für die Investoren dar. 
 
Schon bisher wurden Atomkraftwerke mit massiven öffentlichen Zuschüssen gefördert. Für Deutschland erreichen Berechnungen eine Größenordnung von über 100 Milliarden Euro. Diese Bevorzugung geht bis heute weiter. So bilden die milliardenschweren Rückstellungen für die Entsorgung des Atommülls und den Rückbau der Kraftwerke eine steuerfreie Manövriermasse der Konzerne. Und die Haftpflicht der Betreiber ist auf 2,5 Milliarden Euro begrenzt – nur ein verschwindender Bruchteil dessen, was schon bei einem mittelgroßen Atomunfall an Kosten entstehen würde.

Zu diesen bereits eingebürgerten Argumenten gegen die Atomenergie kommen neue. So wächst die Gefahr der nuklearen Proliferation im gleichen Maß, in dem neue Atomkraftwerke in aller Welt entstehen. Otfried Nassauer zeigt in seinem Beitrag wie eng die zivilen und militärischen Nutzungsmöglichkeiten der Kerntechnik miteinander verwoben sind. Es gibt keine chinesische Mauer zwischen der zivilen und der militärischen Nutzung dieser Technik, trotz aller Kontrollbemühungen der Internationalen Atomenergiekommission. Das aktuellste Beispiel ist der Iran. Wer sich ultimativ nicht kontrollieren lassen will, den kann man letztlich auch nicht zwingen.

Dass dies kein Einzelfall ist, wird durch den Beitrag von Henry Sokolski  offenbar: Trotz aller Rhetorik um „Global Zero“ dürfte die Zahl der Staaten mit der Fähigkeit, Atomwaffen herzustellen, in den nächsten Jahren eher steigen als sinken. Um die Proliferationsgefahr einzudämmen, schlägt der Autor jenseits einer Stärkung des globalen Nichtverbreitungsvertrags eine Reihe weiterer Schritte der internationalen Zusammenarbeit vor. 

Ob die weltweiten Uranvorräte nun in 30 oder 60 Jahren erschöpft sein werden – auch Uran ist ein begrenzter Rohstoff, dessen Verknappung sich abzeichnet. Deshalb wächst mit einem Ausbau der Atomenergie die Notwendigkeit, Wiederaufbereitungsanlagen und Schnelle Brüter zu bauen, um nuklearen Brennstoff zu erzeugen. Beides bedeutet den Einstieg in einen Plutoniumkreislauf, in dem Unmengen an hochgiftigem, bombenfähigem Spaltmaterial entstehen – eine bislang in der öffentlichen Debatte sträflich vernachlässigte Horrorvision. Letztlich gewährleistet nur der Verzicht auf die zivile Nutzung der Kerntechnik eine atomwaffenfreie Welt, weil nur unter dieser Voraussetzung zuverlässig kontrolliert werden kann, dass keine militärische Nutzung der Kerntechnik stattfindet.

In der aktuellen Diskussion spielt die Frage eine zentrale Rolle, ob die Atomenergie tatsächlich als Brücke in eine Energiezukunft mit Erneuerbaren dienen kann: Sind Atomkraftwerke kompatibel mit  einem rapiden Ausbau von Windenergie, Biomassekraftwerken und Photovoltaikanlagen? Antony Froggatt und Mycle Schneider geben in ihrem Beitrag darauf eine klare Antwort. Schon eine Laufzeitverlängerung für bestehende Atomkraftwerke – und erst recht der Bau neuer Anlagen – ist eine massive Bremse für den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Die Behauptung, Atomkraft und Erneuerbare seien komplementär, ist ein weiterer Mythos. Denn sie konkurrieren nicht nur um knappes Investitionskapital und Stromleitungen; gleichzeitig begrenzen Atomkraftwerke aufgrund ihrer inflexiblen Betriebsweise das Wachstumspotenzial vor allem für Windstrom. An windreichen und verbrauchsarmen Tagen deckt das Angebot an Windenergie bereits heute einen Großteil der Stromnachfrage in Deutschland. Da die laufenden Atomkraftwerke (wie auch die großen Kohlekraftwerke) aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht kurzfristig heruntergefahren werden, muss dann der Überschussstrom mit Verlust ins Ausland exportiert werden. Ist es auch Irrsinn, so hat es doch Methode.

Atomenergie hat auch nicht das Potenzial, einen entscheidenden Beitrag für den Klimaschutz zu leisten. Zurzeit trägt sie nur etwa sechs Prozent zum weltweiten Primärenergieverbrauch bei. Um für den Schutz des Klimas relevant zu sein, wäre ein Ausbau von heute 437 auf mindestens 1.000 bis 1.500 Reaktoren erforderlich. Angesichts der Endlichkeit der  Uranvorräte, der begrenzten Investitionsmittel, der Proliferationsrisiken und der ungelösten Endlagerfrage wäre ein solcher Ausbau mit inakzeptablen Kosten und Gefahren verbunden.  

Wie man es dreht und wendet: Wir brauchen die Atomkraft weder für den Klimaschutz noch aus Gründen der Versorgungssicherheit. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wer den Ausbau der Erneuerbaren Energien mit Zielrichtung hundert Prozent vorantreiben will, sollte sich gegen einen Neubau von Atomkraftwerken wie gegen eine Laufzeitverlängerung alter Anlagen wenden. Als Übergangsstrategie ins Solarzeitalter ist die Atomenergie untauglich.

Die energie- und klimapolitischen Weichenstellungen, die in den kommenden Jahren getroffen werden müssen, sind von enormer Tragweite für die Zukunft. Was jetzt Not tut, sind keine Mythen, sondern nüchterne Analysen und konsequente Entscheidungen für den Übergang in eine neue, nachhaltige Energiezukunft.

Wir hoffen, mit dieser Publikation einen Beitrag zur Aufklärung und Ermutigung zu leisten: Es gibt bessere Alternativen zur Atomenergie!

Wir möchten nicht versäumen, allen zu danken, die zu dieser Publikation beigetragen haben. Neben den Autoren sind das vor allem Jan Seifert, der die Anfänge des Projekts betreut hat, Dorothee Landgrebe, Ökologiereferentin der Stiftung, und Eike Botta, die mit großer Energie dafür gesorgt haben, dass es abgeschlossen werden konnte.

Berlin, im Sommer 2010

Ralf Fücks
Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Die Autoren

Antony Froggatt ist Senior Research Fellow am Chatham House in London. Seine Spezialgebiete sind vor allem Klimawandel, EU-Energiepolitik und Atomkraft. Über 20 Jahre lang war er auf dem Gebiet der EU-Energiepolitik für NGOs und Denkfabriken sowie als Berater für europäische Regierungen, die Europäische Kommission, das Europäische Parlament und Unternehmen tätig. Am Chatham House war er Ko-Autor von Studien über Synergien und Konflikte bzgl. der Energie- und Klimasicherheit und der kohlenstoffarmen Entwicklung in China.
Kontakt: www.chathamhouse.org.uk

Otfried Nassauer ist freier Journalist und Friedensforscher. Er leitet seit 1991 das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS). Die Schwerpunkte seiner Arbeit sind Sicherheitspolitik und internationale sicherheitspolitische Organisationen (NATO, WEU, EU, OSZE, UN), Rüstungskontrolle und -exporte, Abrüstung, Atomwaffen und Proliferation. Nassauer studierte in Hamburg Theologie. Zahlreiche Veröffentlichungen.
Kontakt: www.bits.de

Mycle Schneider arbeitet als unabhängiger internationaler Berater für Energie- und Nuklearpolitik. Gegenwärtig ist er Berater bei dem von USAID finanzierten Programm ECO-Asia zu Energieeffizienz und Energiepolitik. Von 2000 bis 2009 war er Berater des deutschen Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Seit 2004 hat er einen Lehrauftrag im Rahmen des Master-Studienganges International Project Management for Environmental and Energy Engineering an der Ecole des Mines in Nantes (Frankreich). 1997 wurde er zusammen mit Jinzaburo Takagi mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Henry Sokolski ist Executive Director des Nonproliferation Policy Education Center (NPEC) in Washington. Er ist Berater vieler amerikanischer Institutionen und Politiker. Zahlreiche Veröffentlichungen.
Kontakt: www.npolicy.org

Steve Thomas ist Professor an der Universität Greenwich in London im Bereich Energieforschung. Seit rund 30 Jahren ist die internationale Energiepolitik Schwerpunkt seiner Arbeit. Er ist ein ausgewiesener Kenner der Liberalisierungen im Energiesektor. Zahlreiche Veröffentlichungen.
Kontakt: www.gre.ac.uk

Dossier

Mythos Atomkraft

 Nach dem Atomunfall in Japan ist die Atomdebatte wieder aufgeflammt. Das Dossier liefert atomkritisches Know-How zu den großen Streitfragen um die Atomenergie.

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