PDF

FAQ

Warum eine ökologische Finanzreform und warum gerade jetzt?

Cover: Nachhaltig aus der Krise
Cover des Strategiepapiers Nachhaltig aus der Krise.

15. Juli 2010

Ökologische Finanzreform - was ist das?

Das Prinzip der Ökologischen Finanzreform ist denkbar einfach. Anstatt den Faktor Arbeit noch stärker mit Steuern und Abgaben zu belasten (und damit zur hohen Arbeitslosigkeit beizutragen), soll der Staat seine Einnahmen verstärkt über die Besteuerung des Umwelt- und Ressourcenverbrauchs beziehen (und so Anreize für deren sparsamen Einsatz geben).

Heute finanziert sich der Staat zu über 60 Prozent dadurch, dass er Arbeit durch Steuern und Abgaben verteuert. Umweltverschmutzung und Naturverbrauch tragen dagegen gerade einmal zu gut fünf Prozent zum Staatsaufkommen bei. Eine Umschichtung führt dazu, dass nicht primär Anreize gegeben werden, Arbeitsplätze wegzurationalisieren, sondern Ressourcen effizienter zu nutzen.

Bringt eine Ökologische Finanzreform überhaupt etwas für die Umwelt?

Die Ökologische Finanzreform trägt dazu bei, dass die Kosten von Umweltverschmutzung und Klimawandel jenen angelastet werden, die sie verursachen. Höhere Steuern auf Ressourcen und Emissionen bieten einen sehr effektiven Anreiz, sorgsamer damit umzugehen. Sie machen Umweltschutz oft erst richtig rentabel.

Wenn Energieträger wie Diesel, Kerosin und Kohle stärker besteuert werden, reagieren darauf Verbraucher und Unternehmer, in dem sie den Verbrauch dieser knappen und wertvollen Ressourcen verringern. Dadurch werden wiederum erheblich weniger klimaschädliche Treibhausgase emittiert. Die Ökologische Finanzreform trägt also dazu bei, dass Deutschland seine Klimaschutzziele einhalten kann und wir unseren Kindern eine lebenswerte Zukunft hinterlassen. Mit der Ökologischen Steuerreform in den Jahren 1999-2003 konnten die CO2-Emissionen um 2-3% gesenkt werden; der Kraftstoffabsatz sinkt erstmals seit 1949 dauerhaft; die Fahrgastzahlen im öffentlichen Verkehr steigen seitdem erstmals seit Jahrzehnten wieder an.

Was bedeutet die Ökologische Finanzreform für Beschäftigte und Arbeitslose?

Durch die Ökologische Finanzreform können die Lohnnebenkosten gesenkt und Arbeitsplätze geschaffen werden. Wenn der Staat durch Umweltsteuern zusätzliche Einnahmen generiert, kann er damit die Staatsverschulung abtragen, das Geld für zusätzliche ökologische Ausgaben verwenden oder andere Steuern und Abgaben wie die Sozialversicherungsbeiträge senken. Wir schlagen vor, kurzfristig die Neuverschuldung zu senken und mittelfristig die Sozialversicherungsbeiträge zu senken. Niedrigere Sozialversicherungsbeiträge entlasten die Beschäftigten und die Unternehmen gleichermaßen. Für die Unternehmen steigen somit die Anreize, Arbeitsplätze zu schaffen, für Arbeitnehmer lohnt es sich stärker legal zu arbeiten. Mit der Ökologischen Steuerreform in den Jahren 1999-2003 konnten bis zu 250.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

Angesichts von Konjunkturpaketen und sehr stark angestiegener Staatsverschuldung ist die Ökologische Finanzreform derzeit als Alternative zu anderen Steuer- oder Abgabenerhöhungen bzw. Ausgabenkürzungen zu sehen. Sie kann also zumindest die Erhöhung von Mehrwertsteuer oder Sozialversicherungsbeiträgen oder die Kürzung weiterer Leistungen verhindern.

Welche Auswirkungen hat die Ökologische Finanzreform für Unternehmen und die Wirtschaft?

Insgesamt profitiert die Wirtschaft. Gerade innovative und effiziente Unternehmen können Kosten senken, neue Märkte erschließen und ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern. Andere Unternehmen müssen sich aufgrund des allgemeinen Wettbewerbs reformieren und ggf. neue Aktivitäten entfalten, um langfristig bestehen zu können.

Eine Ökologische Finanzreform gibt Anreize zu Innovationen insbesondere im Bereich Energie- und Ressourceneffizienz. Wenn Ressourcenverbrauch verteuert und Arbeit entlastet wird, profitiert die Wirtschaft in Deutschland davon insgesamt. Teuere Energieimporte aus dem Ausland können reduziert werden, Arbeitskräfte in Deutschland zu beschäftigen wird dagegen günstiger. Da Energie- und Rohstoffpreise mittelfristig ohnehin deutlich ansteigen werden, haben deutsche Unternehmen Vorteile, wenn sie sich durch eine Ökologische Finanzreform bereits frühzeitig darauf einstellen. Die hohe Innovationsfähigkeit und der Ingenieursgeist kommen hierbei deutschen Unternehmen zugute. So haben Unternehmen aller Sektoren und Größenordnungen von der Ökologischen Steuerreform 1999-2003 profitiert. Insgesamt ist die deutsche Wirtschaft um rund eine Milliarde Euro pro Jahr entlastet worden. Selbst besonders energieintensive Unternehmen, die ihre Energieeffizienz nicht hinreichend steigern können, müssen eine Ökologische Finanzreform kaum fürchten, da es für sie Ermäßigungsregelungen bei der Energiebesteuerung gibt - diese sollen auch künftig nicht komplett abgeschafft werden, zumindest solange es keine EU-weite Vereinheitlichung gibt.

Reicht die Ökologische Steuerreform von 1999 denn nicht aus?

Die Ökologische Steuerreform (ÖSR) war ein Schritt in die richtige Richtung, war jedoch im Umfang bescheiden, nicht langfristig genug und ist von der Inflation bereits wieder weitgehend aufgezehrt worden.

Die ÖSR, die zwischen 1999 und 2003 umgesetzt wurde, hat bewirkt, dass der Anteil von ökologisch orientierten Steuern am Haushalt von 5,1 auf 6,5 Prozent angestiegen ist. Mit den Einnahmen werden die Rentenversicherungssysteme entlastet, so dass die Sozialversicherungsbeiträge um 1,7 Prozentpunkte niedriger liegen als ohne ÖSR. Seit 2003 ist dieser Anteil an den Staatseinnahmen wieder rückläufig und wird voraussichtlich spätestens 2013 wieder das Niveau von 1998 erreichen. Zum Vergleich: Der Anteil der Steuern und Abgaben auf Arbeit inklusive Sozialversicherungen beträgt über 60 Prozent. Das Ungleichgewicht der Besteuerung zwischen Umweltverbrauch und Arbeit konnte durch die Ökologische Steuerreform nicht hinreichend überwunden werden, weil diese Richtung nach 2003 nicht konsequent weiterverfolgt wurde.

Warum muss die Ökologische Finanzreform gerade jetzt eingeführt werden?

Laut Klimaforschern bleiben uns noch fünf Jahre, um den globalen Trend beim Ausstoß der Treibhausgase umzukehren. Gleichzeitig hat die Finanzkrise unsere bisherigen Wirtschaftsstrukturen in Frage gestellt. Zudem machen Staatsverschuldung und Schuldenbremse neue Einnahmequellen unverzichtbar.

Die Ökologische Finanzreform ist ein wichtiges Instrument, damit Deutschland seine langfristigen Klimaschutzziele erreichen kann. Ohne die richtigen Anreize wird die Umstellung auf Energieeffizienz und erneuerbare Energien nicht möglich sein.

Die Finanzkrise hat die deutsche Wirtschaft erheblich aus dem Tritt gebracht und ist noch nicht überwunden. Diese Situation bietet allerdings auch die Chance, unsere Ökonomie nicht nur wieder ins Laufen zu bringen, sondern auch gleich den richtigen Weg einzuschlagen. Durch eine Ökologisierung bleibt sie auch langfristig konkurrenzfähig.

Außerdem hat sich der Staat in der Krise hoch verschuldet. Die Regierung hat deshalb eine Schuldenbremse eingeführt. Entsprechend muss das Defizit drastisch heruntergefahren werden. Die möglichen Alternativen heißen also nicht „Ökologische Finanzreform oder weiter wie bisher" sondern „Ökologische Finanzreform oder andere Steuern erhöhen", was wahrscheinlich entweder den Faktor Arbeit betreffen würde und somit Arbeitsplätze vernichtet oder eine Erhöhung der Mehrwertsteuer bedeutet, die sozial problematisch und ökologisch blind ist.

Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden?

Es gibt zahlreiche Fehlsteuerungen im Steuer- und Finanzsystem und damit auch viele Ansatzpunkte für eine Ökologische Finanzreform. Wir schlagen derzeit 13 prioritäre Maßnahmen vor. Die wichtigsten davon sind die kurzfristige CO2-Basierung und mittelfristige Abschaffung des Dienst- und Firmenwagenprivilegs, die Erhebung einer Steuer auf Kernbrennstoffstäbe und die Einführung einer Flugticketabgabe. 

Dienst- und Firmenwagen sind in der Regel durch einen besonders hohen Treibstoffverbrauch und damit auch deutlich überdurchschnittliche CO2-Emissionen gekennzeichnet. Kleinwagen werden hingegen kaum als Dienstwagen angeschafft. Im Jahr 2008 waren fast 60 Prozent der Neuzulassungen Dienstwagen. Durch das geltende Steuersystem wird diese umweltschädliche Praxis begünstigt. Im Zuge der Ökologischen Finanzreform soll für Dienst- und Firmenwagen ab einem Ausstoß von 130 bis 140 g CO2/km nur noch ein Teil der Anschaffungs- und Treibstoffkosten steuerlich geltend gemacht werden können, und zwar umso weniger, je höher die CO2-Emissionen sind. 

Das Flugzeug ist einerseits das klimaschädlichste Verkehrsmittel, andererseits wird es jedoch steuerlich gegenüber anderen Verkehrsmitteln begünstigt. Die Einbeziehung in den Emissionshandel ab 2012 wird daran grundlegend nichts ändern, da der Großteil der Zertifikate kostenlos zugeteilt wird und die Gesamtmenge an Emissionszertifikaten zu großzügig ist. Eine Flugticketabgabe, die grob nach der zurückgelegten Strecke gestaffelt wird, könnte diese Ungleichbehandlung zum Teil wieder ausgleichen. Großbritannien, Frankreich und Niederlande haben eine solche Abgabe schon - dort liegen auch die Flughäfen, die die größten Wettbewerber der deutschen Flughäfen sind.

Die Atomenergie ist mit hohen, durch keinerlei Versicherung abzudeckenden, Risiken behaftet. Zudem profitiert die Atomenergie von zahlreichen Subventionen. Nicht zuletzt ist das Endlagerungsproblem von Atommüll nach wie vor völlig ungelöst. Die Kosten für die Sanierung des Lagers Asse machen deutlich, dass auch in Zukunft noch weitere Milliardenkosten auf den Steuerzahler zukommen werden. Um bis zum Auslaufen der Atomenergie in Deutschland zumindest einen Teil dieser Kosten den Verursachern anzulasten, ist eine Kernbrennstoffsteuer einzuführen. 

Die Entfernungspauschale sollte gekürzt und - bei sozialem Ausgleich für Härtefälle - abgeschafft werden. Die Kfz-Steuer sollte stärker nach CO2-Werten gespreizt und dann verdoppelt werden. Die Nachteile für Dieselfahrzeuge gehören abgeschafft, wofür die Kraftstoffsteuer auf Diesel aber am CO2-Ausstoß orientiert werden sollte. Insgesamt sollten die Kraftstoffsteuern in einer konzertierten Aktion mit Nachbarstaaten angehoben werden. Die Einführung einer Zulassungssteuer ist anzukündigen, um Vorzieheffekte wie bei der Abwrackprämie auszulösen, mittelfristig aber den deutschen PKW-Bestand zu ökologisieren. In die LKW-Maut müssen auch leichtere LKW und Bundesstraßen mit einbezogen werden. Die Energiesteuerermäßigungen für das Produzierende Gewerbe und auch die Steinkohlesubventionen sollten schneller abgebaut werden. Heizstoffe sollten stärker besteuert werden. Schließlich sollte die Grundsteuer stärker an ökologischen Kriterien orientiert und deutlich erhöht werden.

Wie hoch werden die Einnahmen aus der Ökologischen Finanzreform sein?

Kurzfristig rechnen wir mit zusätzlichen finanziellen Spielräumen von 16 Mrd. Euro, langfristig werden jährlich über 50 Mrd. Euro generiert.

Die kurzfristigen Maßnahmen lassen zusätzliche Staatseinnahmen bzw. Minderausgaben in Höhe von etwa 16 Mrd. Euro erwarten. Langfristig kann der Staat seinen finanziellen Spielraum um deutlich über 50 Mrd. Euro ausweiten und damit z.B. das Staatsdefizit abbauen oder die Lohnnebenkosten senken. Zum Vergleich: Ein Punkt Mehrwertsteuererhöhung erbringt rund acht Mrd. Euro.

Ist eine Ökologische Finanzreform nicht unsozial?

Eine Ökologische Finanzreform stellt den Verursachern die Kosten in Rechnung, für die sie verantwortlich sind. Das langfristige Ziel ist, dass so sämtliche externe Kosten internalisiert werden. 

Die Internalisierung externer Kosten bedeutet nichts anderes, als dass die jeweiligen Verursacher von Umweltschäden auch die Kosten dafür tragen müssen. Das ist nur gerecht. Bisher muss zumeist die Allgemeinheit, die Mieter von billigen Wohnungen an lauten Straßen oder sozial Schwache durch höhere Medikamenten- und Arztkosten dafür aufkommen. Viele Bereiche der Ökologischen Finanzreform betreffen dagegen gerade ärmere Menschen nicht oder kaum: Sie fahren keine Dienst- oder Firmenwagen, sie betreiben keine Kernkraftwerke und auch nur die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland (weltweit sogar nur fünf Prozent) sind überhaupt schon einmal geflogen. Aber selbst höhere Kraftststoffsteuern würden nicht primär den Hartz-IV-Empfänger oder die Arbeitslosen treffen, sondern den mittleren Einkommensbezieher, denn erstere haben nur im Ausnahmefall ein Auto und der öffentliche Verkehr wird relativ zu den Autokosten weniger belastet. Die mit den Maßnahmen einhergehenden Umweltentlastungen kommen dagegen in der Regel gerade denjenigen zugute, die bisher am meisten unter der hohen Umweltbelastung zu leiden hatten. Zudem können die Einnahmen einer Ökologischen Finanzreform für soziale Kompensationszahlungen oder die Senkung der Sozialversicherungsbeiträge verwendet werden. Gerade letzteres würde Arbeitsplätze schaffen und so bisher Arbeitslosen Menschen neue Einkommens- und Beschäftigungsmöglichkeiten erschließen.

Reaktionen (3)

1_ Dieter Reiber
30. Oktober 2010, 11:44 Uhr

Aus Motor-Talk: Rußfilter bringt oft Motorschäden - mehr Schaden als Nutzen. Wird hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Rußfilter verstopft und Motorschaden: das kommt immer häufiger vor, weil obligatorisch (von der "BRD-Demokratie" gegen die Autohersteller) verordneter "Filterzwang" so sicher, „wie das Amen in der Kirch“ mehr Schaden als Nutzen bringt.
Ein Motorschaden ist keine Kleinigkeit für den Geldbeutel. Und geht das dann auf Garantie und Kulanz der Autokonzerne, auch noch nach zwei oder drei Jahren? Sicher nicht! Und wie ist es bei der Nachrüstung? Findet man einen Versicherer, der dann dafür aufkommt? - Sicher kaum! Fragen vor Kauf! Ich fragte und erntete nur staunende Ratlosigkeit bei den Autoverkäufern! „Das haben wir uns noch keine Gedanken gemacht – sie haben Recht“!
Tatsache: der Rußfilterzwang ist keine Intelligenzleistung unserer „Entscheider“. Die EU schreibt nicht vor, wie und mit welcher Technik die Abgaswerte zu verbessern sind; wenn es viel besser und mit Nachhaltigkeit (wie die EU Siehe EU – Lokale (Soziale)-Agenda ja fordert) ohne Partikelfilter geht.Also keine positive Nachhaltigkeit beim verstopften Rußfilter.
Die "Europäische Kommission interdisziplinärer Wissenschaften - IGA-TAR" hat das schon lange erkannt und der "Europäische Verbraucherschutz“ will die Bürger vor Gesundheitsschäden und Finanzschäden schützen; dort hat man sich um bessere, intelligentere Systeme gekümmert; IbF-Institut & bi-labor prüfte solche Innovationen auf Herz und Nieren und stellte fest, dass mit Spritkatalysatoren (IbF-Kat) und Optimierungen an verschiedenen Stellen, man nicht nur die Leistung steigert, sondern auch Verbrauche um bis 10-20% reduziert und gefährliches Abgas (CO, HC, Partikelmenge) bis Faktor 5 bis 20 verbessert und das unschädliche CO2, sich zwar erhöht, aber mit O(2)-Überschuss sich der Verbrauch um bis 20% reduziert und Schad-Partikel bis Faktor 2,5 zumindest bis zur Hälfte reduzieren kann.
Die ach so verteufelten Rußpartikel mit dem Rußfilter teuer verkleinert; bis zu gefährlichen Nanopartikeln, die dann erst gefährlich lungengängig Krebs erzeugen (lt. Diskussion, sollen). Und ein verstopfter Rußfilter verbraucht ja dann 10 bis 20% mehr Kraftstoff und die Umweltzonen werden erst recht belastet. Benziner brauchten dann aber auch einen Filter!
Der Rußfilter leistet also das genaue Gegenteil des viel diskutierten Umwelt-Effekts zur Umweltverbesserung - nur, die Verbrauche und Kosten steigen. KFZ mit roter Plakette werden jetzt schon aus Stutgart(-21) ausgesperrt! - So macht Politik mehr blöd als Sinn!
Wie gut sind also ist Politik als Entscheider bei der Problemlösung?


2_ Martin
1. November 2010, 19:22 Uhr

Lieber Herr Reiber,

ich finde es ja ziemlich unfreundlich, wenn Menschen ohne Themenbezug einfach ihre langen Texte unter Artikel kopieren. Oben geht es um eine ökologische Finanzreform und Sie posten irgendwas zu Autofiltern.

Man mag zum Partikelfilter stehen wie man mag (ich fand die Einführung auch eher überflüssig und unsozial) - er ist nicht Thema dieses Artikels.

Und wer soll Ihrer meinung eigentlich Rahmenbedingungen und Gesetze schaffen, wenn nicht die Politik? Das lassen Sie ja unbeantwortet...


3_ Dirk Neuhaus
22. Dezember 2010, 20:47 Uhr

Warum eine ökologische Steuerreform und warum gerade jetzt?
Heinrich Böll Stiftung vom 15.Juli 2010-12-22

Der Idee, die Einnahmen des Staates verstärkt durch eine Besteuerung von Umwelt- und Resourcenverbrauch zu bewerkstelligen und damit wirksame Anreize für deren sparsamen Einsatz zu geben ist unbedingt zuzustimmen. Der vorgeschlagene Weg dorthin zeugt jedoch von einer recht starken Gläubigkeit in staatliche Subventionen. (Geld für zusätzliche Ökolo-gische Ausgaben verwenden, Sozialversicherungsbeiträge absenken usw.)
Die Reduktion der CO2-Emissionen um nur 2-3% als Erfolge der ökologischen Steuerreform von 1999-2003 verkaufen zu wollen, scheint mir wenig ambitioniert.

Ich schlage einen radikaleren Weg vor, beschrieben am Beispiel des CO2-Fußabdrucks.

Annahme N° 1:
Bis 2050 darf der Kohlenstoff-Fußabdruck, ausgedrückt als CO2-Emission pro Person welt¬weit 2t nicht übersteigen, wenn man das Ziel von Kopenhagen und Cancun, die Erderwär¬mung bis Ende des Jahrhunderts auf 2°C zu begrenzen erreichen will. Wie ehrgeizig das ist, wird deutlich, wenn man unsere derzeitigen Emissionen von ca. 11,3 t pro Person und Jahr in Deutschland betrachtet. (1)

Annahme N° 2:
Welcher Industriebetrieb oder welches Dienstleistungsunternehmen auch immer in der Welt im Rahmen seiner Produktion CO2-ausstößt, tut das um seine Produkte oder Dienstleistungen direkt oder indirekt an einen Endverbraucher zu verkaufen. Der Endverbraucher verursacht daher in Wirklichkeit jegliche CO2-Emission. Ohne Endverbraucher keine CO2-Emission!

Konsequenz:
Um die weltweiten CO2-Emissionen auf das nachhaltig verträgliche Maß zu vermindern, muss der Endverbraucher in die Lage versetzt werden, seinen persönlichen Anteil an diesen Emissionen, seinen persönlichen CO2-Fußabdruck selbst und direkt zu beeinflussen. Seine Entscheidungen, dieses Produkt oder jenes zu kaufen, diese oder jene Dienstleistung in Anspruch zu nehmen, machen in ihrer Summe seinen persönlichen Fußabdruck aus. In unserer Art der Gesellschaft wird dieses Ziel am besten erreicht, indem man ein Preisschild an diesem Fußabdruck anbringt, an jedem Produkt und an jeder Dienstleistung.

Wie könnte das gehen?
Das gesamte Steueraufkommen aus der Mehrwertsteuer in Deutschland beträgt 2010 ungefähr 180 Mrd. Euro.
Die krasse Lösung:
Wenn man ganz krass vorgehen wollte, könnte man die Mehrwertsteuer durch eine CO2-Steuer ersetzen, die auf alle Produkte vom Heizöl für die Wohnung, über die Flugreise nach Mallorca bis zum Glas Marmelade fürs Frühstück erhoben würde, wie es derzeit mit der Mehrwertsteuer geschieht.
Die Steuerungswirkung in Richtung auf eine Verminderung des CO2-Ausstoßes wäre gewaltig, 180 Mrd. Euro pro Jahr, oder 180.000.000.000/(82.000.000*11,3)=248,- €/t CO2.
Dieser Preis würde nur 2011 gelten können, denn mit einem derartigen Preissignal versehen würden natürlich –und erwünscht– diejenigen Produkte und Dienstleistun-gen stärker nachgefragt, die einen vergleichsweise geringeren CO2-Fußabdruck haben.
Um das Einkommen des Staates real auf 180 Mrd. zu halten, müsste das Preissignal Jahr für Jahr verstärkt werden und auch die Inflation berücksichtigen. Am Ende, 2050, wenn die 2t CO2 pro Person und Jahr erreicht sind, müsste der Preis real in etwa 180.000.000.000/(75.000.000*2)=1200,- Euro sein.
Damit entstünden für alle Beteiligten, Verbraucher wie Unternehmen, Importeure wie Exporteure Transparenz und langfristige Planungssicherheit.

Die heute mögliche Lösung:
Bereits heute (2008) zahlten alle Bundesbürger in der einen oder anderen Weise klimapolitisch begründete Steuern, die man vereinfacht als eine Art CO2-Steuer bezeichnen könnte. Das RWI stellte 2009 fest,
dass im Jahre 2008 die Verbraucher in Deutschland 35,1 Milliarden dieser Steuern zahlten: (17,4 Mrd. Ökosteuern, 7,5 Mrd. für die Einrechnung der Zertifikate in die Strompreise, 9 Mrd. nach dem EEG, für die Förderung von Biokraftstoffen 0,7 Mrd. und 0,5 Mrd. für die KWK - Förderung).
Quelle: dts Deutsche Textservice Nachrichtenagentur GmbH
Steuern auf Kraftstoffe für den Verkehr sind hierbei noch nicht berücksichtigt. Sie erhöhen die klimapolitisch begründbare Steuern und Abgaben noch einmal um etwa 18,5 Mrd. auf 53,6 Mrd. Euro pro Jahr, bei 113 €/t*CO2, (ca. ein Drittel der Mineralölsteuer von 654,5 €/1000 l Benzin. 654,5*1,19/(3*2,3)= 113 €/t CO2).

Man kann diese bereits heute von den Verbrauchern bezahlten Abgaben umrechnen auf die CO2-Emissionen der Energiewirtschaft und den Straßenverkehr und sie als quasi „Treibhausgasvermeidungssteuern“ ansehen. Die auf Energiewirtschaft und Verkehr anfallenden Mengen CO2 betrugen 2009 in etwa 582.000.000 t, d. h. ca. 64% der gesamten CO2-Menge, die 2009 in Deutschland ausgestoßen wurde. Damit errechnet sich ein CO2-Preis von ungefähr 92 €/t CO2.

Durch Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes um etliche Punkte, eventuell sogar ihrer Streichung bei lebensnotwendigen Produkten (Kinderkleidung, Grundnah-rungsmittel usw.), die in der Summe 53,6 Milliarden Euro ausmachen sollten, ließe sich eine finanzielle Überforderung der Bundesbürger, insbesondere von Familien und ärmeren Schichten sowie eine soziale Schieflage weitgehend vermeiden, ohne die Staatsfinanzen zu überfordern.

Zusammenfassung

Diese Art der Besteuerung
- sollte als ein Steuerungsinstrument zur schnellen Reduzierung des CO2-Ausstoßes betrachtet und eingesetzt werden,
- könnte die Mehrwertsteuer zu einem (großen) Teil ersetzen,
- könnte deshalb im zeitlichen Zusammenhang mit der bevorstehenden Mehrwertsteuer-reform erarbeitet und umgesetzt werden,
- lässt die bereits massiven Bemühungen einiger Unternehmen um „Erleichterungen“ beim CO2-Ausstoß wegen Wettbewerbsverzerrungen überflüssig werden,
- reduziert die Hürden des Marktzutritts für neue Firmen, da die CO2-Steuer kleinteilig über Preise anstatt durch Vorab-Investitionen in zu kaufende Zertifikate = Kosten, erhoben wird,
- erhält auch langfristig das Steueraufkommen des Staates in einer Kombination von CO2-Steuer, Mehrwertsteuer und anderer Steuern,
- ist einfach zu handhaben und weniger manipulationsanfällig als alle Zertifikate-Lösungen,
- kann in seiner Höhe im Zusammenwirken mit der Mehrwertsteuer schnell und, hin-sichtlich der Steuerlast, neutral angepasst werden,
- kann gezielt für bestimmte Produkte ausgesetzt werden, für die dann weiter aus-schließlich die Mehrwertsteuer wirkt,
- kann schrittweise eingeführt werden und setzt sich quasi automatisch durch,
- ermöglicht in der Anfangsphase pauschale Festlegungen der CO2-Inhalte von schwer zu durchschauenden Produkten mit relativ hohem CO2-Inhalt,
- ist gerecht, da sie die privaten Haushalte nur in dem Maße belastet, wie sie besonders CO2-intensive Produkte nachfragen,
- ist nicht diskriminierend, was das Ursprungsland eines Produkts betrifft,
- steht damit nicht in Widerspruch zu internationalen Handelsvereinbarungen,
- ist gewünscht diskriminierend, was den CO2-Inhalt für den Lebenszyklus eines Produkts betrifft, (CO2-Fußabdruck)
- entfaltet die gewünschte Lenkungswirkung zu Gunsten von geringerem CO2-Einsatz und geringerem Resourcenverbrauch auch außerhalb der Grenzen, da diese Steuer auch auf importierte Produkte und Dienstleistungen erhoben wird,
- kann in einzelnen Ländern oder Ländergruppen als Insellösungen umgesetzt werden,
- ermöglicht Ländern den CO2-Steuersatz unabhängig von den Entscheidungen anderer Länder festzulegen, wie derzeit z. B. die Mehrwertsteuer,
- kann schnell und relativ problemlos wieder auf reine Mehrwertsteuer umgestellt werden, wenn ausreichend wirksame, internationale Vereinbarungen zur wirksamen CO2-Ausstoßverminderung ratifiziert sind und sie ihre Wirksamkeit unter Beweis gestellt haben,
- kann den objektiv vorhandenen Interessengegensätzen unterschiedlicher Länder flexibler und schneller Rechnung tragen, als es in Verhandlungen mit 190 Staaten möglich war und noch ist,
- kann als Testfall für kommende Resourcenverbrauchsteuern angesehen werden,



(1) Ein weltweiter CO2-Ausstoß von 14,5 Milliarden Tonnen gilt als Obergrenze für 2050 und darüber hinaus, um das 2°C-Ziel einhalten zu können. Bei derzeit 6,3 Milliarden Menschen wären das 2,3 t CO2 pro Kopf und Jahr. Bei 9 Milliarden Menschen gegen Ende dieses Jahrhunderts wären es nur noch 1,6 t CO2 pro Kopf und pro Jahr! Im Jahr 2050, dem Zieljahr der Klimakonferenzen von Kopenhagen und Cancun, dürfte der jährliche CO2-Ausstoß pro Kopf der Weltbevölkerung 2,0 t nicht übersteigen.
(Eine Studie von Prognos und dem Öko Institut Freiburg von Oktober 2009 im Auftrag des WWF „Modell Deutschland Klimaschutz bis 2050: Vom Ziel her denken“, stellt fest, dass in Deutschland gar nur 0,3t CO2/a und pro Kopf ausgestoßen werden dürften und entwickelt detaillierte Begründungen und Vorschläge, wie das technisch zu erreichen sei.)

Kommentar schreiben




 Bitte Zahlenkombination eingeben und anschließend auf den grünen Pfeil klicken.
Ihr Warenkorb

 

Lieferbedingungen
Allgemeine Geschäftsbedingungen der Heinrich-Böll-Stiftung (AGB hbs)
Hier finden Sie Informationen rund um die Bestellung: Porto-Kosten, Hinweise zum Datenschutz, Ausnahmeregelungen oder die Nummer der telefonischen Beratung. mehr»
Hilfe
So bestellen Sie auf boell.de
Der Bestellvorgang auf boell.de Schritt für Schritt erklärt: Hier erfahren Sie ausführlich, wie Publikationen auf boell.de bestellt werden. mehr»
energytransition.de
Blog: Klima-der-Gerechtigkeit.de
loader
Vorträge und Mitschnitte
Die Stiftung in Social Networks
Icon Facebook, CC-BY-SA jwloh01 at gmail dot com Facebook Icon Twitter, CC-BY-SA jwloh01 at gmail dot com Twitter
Icon YouTube, CC-BY-SA jwloh01 at gmail dot com YouTube Icon Flickr, CC-BY-SA jwloh01 at gmail dot com Flickr
Icon SoundCloud SoundCloud Icon RSS-Feed Feeds
"Klima schützen, Armut verhindern" Die Europäische Gemeinschaft für Erneuerbare Energien (ERENE) CC BY-SA 2.0 Blog: "Klima der Gerechtigkeit" Banner Tuwas Stiftung Blog "Baustellen der Globalisierung" von Rainer Falk The Climate Network-Transatlantic Solutions for a Low Carbon Economy