Die Grenzen des Planeten: Wie alle trotz knapper Ressourcen satt werden können

von

Rede

Die Grenzen des Planeten: Wie alle trotz knapper Ressourcen satt werden können

18. Januar 2012
Barbara Unmüßig
Begrüßungsrede von Barbara Unmüßig, Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, Sie heute in der Heinrich-Böll-Stiftung, gemeinsam mit Oxfam und dem WWF begrüßen zu dürfen. Mit diesem Symposium zu Ressourcenknappheit und nachhaltiger landwirtschaftlicher Entwicklung möchten wir ein aktives und hoffentlich diskussionsreiches Rio plus 20 Jahr eröffnen.

Vor 20 Jahren vermittelte der Erdgipfel von Rio das Gefühl des Aufbruchs. Die UN-Konferenz 1992 versuchte mit  ihrem Konzept der Nachhaltigkeit einen Gegenpunkt zur alles entgrenzenden Globalisierung zu setzen. Völkerrechtsverbindliche Konventionen zum Klima- und Biodiversitätsschutz und gegen die weitere Wüstenbildung setzen umweltpolitische Maßstäbe. Der Rückblick zum zwanzigsten Jahrestag des Rio Gipfels fällt ernüchternd aus. Die  Doktrin  der neoliberalen Globalisierung war mächtiger als das Wissen darum, dass der Planet und seine Atmosphäre ökologische Grenzen hat. Wirtschaftswachstum auf Kosten der Umwelt und Wirtschaftswachstum auf Kosten der Schwachen sind in den meisten Gesellschaften nicht die Ausnahme sondern eher die Regel. In kaum einem Sektor zeigt sich diese Entwicklung so frappierend und so deutlich, wie im Agrarsektor. Seit den 60er Jahren hat sich die landwirtschaftliche Produktion weltweit um fast 150 Prozent gesteigert. Betrachtet man nur die Produktion in Entwicklungsländern, sind es sogar über 250 Prozent. Das wir ein Wachstum der landwirtschaftlichen Produktion brauchten und brauchen steht völlig außer Frage – relevant ist aber, zu wessen Nutzen war dieses Wachstum und auf wessen Kosten?

Die Kosten dieser Entwicklung sehe ich immer wieder, wenn ich die Auslandsbüros der Heinrich-Böll-Stiftung besuche, auf den Reisen in den jeweiligen Ländern und in Gesprächen mit zivilgesellschaftlichen Gruppen: Sowohl die ökologischen als auch die sozialen Kosten des industriellen Agrarsystems sind in den meisten Ländern dramatisch.

Allein im Gastland des Rio Gipfels – Brasilien – wurde im Amazonasgebiet zwischen 1996 und 2005 jedes Jahr eine Fläche von fast 20.000 km2 gerodet. Seit dem Jahr 2010 ist diese Fläche zwar stark zurückgegangen, aber dennoch werden noch immer 7.000 km2 im Jahr gerodet. Eine Fläche, die 2 ½-mal der Größe des Saarlands entspricht. Und der bei weitem wichtigste Grund für die Rodung ist die landwirtschaftliche Nutzung.

Ebenso dramatisch ist die Entwicklung in Argentinien, wo riesige Flächen der Savanne umgebrochen werden um Soja zu produzieren. Das Bild ändert sich nicht, wenn wir mit unseren Büros und unseren Partnerorganisationen in Kambodscha, Thailand oder Indien sprechen, ganz zu schweigen von der Situation in den West- und Ostafrikanischen Ländern, wie Kenia, Äthiopien oder Nigeria. Überall hat die landwirtschaftliche Produktion dramatische ökologische Auswirkungen.

Die Rodungen im Amazonas und die Grünen Wüsten in verschiedenen Südamerikanischen Ländern sind wohl die am meisten international wahrgenommenen Folgen oder Kosten des industriellen Agrarmodels.

Viel weniger wahrgenommen, aber nicht minder dramatisch ist aber die Degradierung der Böden weltweit, die damit einhergehende Erosion, der Verlust der Artenvielfalt und die Verfügbarkeit und die Qualität unseres Wassers.

Und zu wessen Nutzen war diese landwirtschaftliche Produktionssteigerung?

Natürlich können heute mehr Menschen auf der Welt ernährt werden, als sich das zum Beispiel Malthus Ende des 18. Jahrhunderts vorstellen konnte, aber dennoch hungern heute mehr als 950 Millionen Menschen weltweit und die meisten Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, leben auf dem Land. Kleinbäuerliche Produzenten und Produzentinnen sind in vielen Ländern marginalisiert und ihr Zugang zu Produktionsressourcen wie Land und Wasser und angepasstem Saatgut wird heute aufgrund der hohen Agrarpreise immer schwieriger.

Bewerten wir den Erfolg des landwirtschaftlichen Produktionssystems also an den Indikatoren Ernährungssicherheit, ländliche Armut und ökologische Nachhaltigkeit, so ist klar, dass keiner von ihnen in den letzten 20 Jahren auch nur annähernd befriedigend erfüllt wurde.  Daher – um es mit den Worten des Weltagrarberichts zu sagen – ist ein weiter so  wie bisher keine Option.

Reden wir nun 20 Jahre nach dem ersten Rio Gipfel über die Transformation unseres Wirtschaftssystems, über Green Economy, dann muss die Transformation der Landwirtschaft ein integraler Bestandteil der Antwort  sein.

Nur eine nachhaltige Landwirtschaft, die eine gute Bodenqualität fördert und die biologische Vielfalt erhält und knappe Ressourcen wie Wasser und Phosphor umsichtig nutzt,  kann zukünftig 9 Milliarden Menschen ernähren, Einkommen sichern und gleichzeitig dazu beitragen, den ökologischen und klimatischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden. Als einziger Sektor hat die Landwirtschaft das Potential ihre negativen Auswirkungen auf den Klimawandel nicht nur zu verringern, sondern im Gegenteil, durch nachhaltige Bodenbewirtschaftung sogar eine Senke für Kohlenstoff zu werden.

Dafür müssen wir Wege der landwirtschaftlichen Entwicklung, die den Zusammenhang und die jeweiligen Wechselwirkungen der knappen Ressourcen Land, Wasser und Biodiversität, die klimatischen Auswirkungen und die sozialen Herausforderungen miteinander in Verbindung bringen, entwickeln. Wir müssen den Mut haben, diese komplexen Zusammenhänge zu diskutieren und uns nicht auf eindimensionale Lösungen einlassen.

Aber, wie kann ein nachhaltiges Wachstum des landwirtschaftlichen Sektors aussehen, dass die steigende Nachfrage sowohl nach Nahrungsmitteln, nach Futtermitteln, aber auch nach landwirtschaftlichen Produkten zur Energieproduktion, für die Plastikindustrie, Papier und Chemieindustrie befriedigt und gleichzeitig die Grenzen der nachhaltigen Nutzung der landwirtschaftlichen Produktionsressourcen respektiert? Wie können wir Prioritäten setzen in der Nutzung der knappen landwirtschaftlichen Ressourcen? Wie können sich bestehende Machtstrukturen so ändern, dass die ländliche Bevölkerung einen sicheren Zugang zu den Produktionsressourcen hat? Was meinen wir eigentlich mit „Green Economy“, wenn wir von der Entwicklung des landwirtschaftlichen Sektors sprechen? Und wer kontrolliert die angebotenen Lösungen? Welche institutionellen Strukturen haben das Potential, eine nachhaltige und faire Entwicklung des Agrarsektors zu fördern?

Diese Fragen zu beantworten scheint mir zentral in den Diskussionen um den Rio Gipfel dieses Jahr. Die Diskussion um „Green Economy“ darf sich nicht darauf beschränken, wie technische Transformation aussehen könnte, die die Ressourceneffizienz der landwirtschaftlichen Produktion fördert (auch wenn das natürlich ein wichtiger Aspekt ist). Es muss auch darum gehen, Prioritäten in der Nutzung der Ressourcen zu setzen und den Zugang zu Ressourcen sichern – und das heißt auch, bestehende Machtstrukturen im Agrarsektor zu ändern.

Wir haben durch die internationalen Menschenrechte eine Messlatte, an der wir politische Instrumente und Abkommen überprüfen müssen und wir haben genau wie in den Klimaverhandlungen keine Zeit zu verlieren, zukunftsweisende Lösungen zu vereinbaren. Ich hoffe, dass wir in 20 Jahren auf eine andere Bilanz unserer politischen Prozesse und unseres politischen  Umsteuerns zurückblicken können, als wir das heute, 20 Jahre nach dem ersten Rio Gipfel, können.

Aus unserer Sicht ist es für eine zukunftsgerichtete landwirtschaftliche Entwicklungsstrategie zentral, die nachhaltige Nutzung der Ressourcen Wasser, Boden und Biodiversität genauso wie die Auswirkungen auf dem Klimawandel und die Stärkung der Menschenrechte als Leitplanken zu nehmen, um jeglicher Wachstums- und Entwicklungsstrategie einen Rahmen zu geben.

Ich freue mich, dass wir eine Diskussion um die Herausforderungen und mögliche Lösungen heute hier beginnen werden.

Ich freue mich, dass wir für den heutigen Nachmittag viele spannende Rednerinnen und Redner gewinnen konnten, die mit uns über diese Zusammenhänge und die politischen Optionen diskutieren möchten und die Lust haben sowohl konkret auf die Erwartungen des Rio Gipfels einzugehen als auch darüber hinaus zu denken.

Ich wünsche Ihnen allen einen erfolgreichen Tag.
Portrait: Barbara Unmüßig

Barbara Unmüßig

Barbara Unmüßig ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie hat zahlreiche Zeitschriften- und Buchbeiträge zu Fragen der internationalen Finanz- und Handelsbeziehungen, der internationalen Umweltpolitik und der Geschlechterpolitik veröffentlicht. 

Logo EU-Lateinamerika-Gipfel 2013, Santiago de Chile
Logo des EU-Lateinamerika-Gipfel 2013, Santiago, Quelle: minrel.gob.cl

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