Schriften des Gunda-Werner-Instituts, Band 8
Die antifeministische Männerrechtsbewegung
Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung
2. AuflageEine Expertise für die Heinrich-Böll-Stiftung von Hinrich Rosenbrock
im Auftrag von
Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung
Heinrich-Böll-Stiftung Nordrhein-Westfalen
Stiftung Leben & Umwelt – Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen
Heinrich-Böll-Stiftung Rheinland-Pfalz
Heinrich-Böll-Stiftung Saarland
Weiterdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen
Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung.
| Die antifeministische Männerrechtsbewegung | |
| Herausgeber/in | Heinrich-Böll-Stiftung |
| Erscheinungsort | Berlin |
| Erscheinungsdatum | Juni 2012 |
| Seiten | 176 |
| ISBN | 978-3-86928-073-8 |
| Bereitstellungs- pauschale |
kostenlos |
Vorwort
Geschlechterverhältnisse verändern sich. Dies lässt bei relevanten Gruppen von Männern Unsicherheiten entstehen. Im Diskurs um neue Rollenbilder sind in den letzten Jahren aber Gruppen aufgefallen, die radikal antiemanzipatorisch argumentieren. Antifeministische Männer und Frauen melden sich lautstark in der Öffentlichkeit, besonders im Internet. Sie beklagen, vor allem Männer seien heute benachteiligt. Jeder Gleichstellungspolitik, dem Feminismus sowieso und auch emanzipationsorientierten Männern wird die politische Gegnerschaft erklärt. Wir wollten die Argumentation dieser Gruppen ergründen und haben uns deshalb auf die Spurensuche begeben.
Die Antifeministen unterscheiden sich in Ideologie und Wortwahl durchaus. Eine ihrer Strömungen vertritt eine Mischung von (Rechts-)Populismus, aus Nationalismus und Frauenfeindlichkeit, mit homophoben und rassistischen Einstellungen versetzt. Es gibt Berührungspunkte zum Rechtsextremismus. Propagiert wird ein Kreuzzug und ein Aufstand gegen den Feminismus, und damit wird an eine kriegerische Männlichkeit appelliert. Auch vom norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik distanziert sich diese Gruppe kaum.
Eine weitere Strömung verteufelt alles, was des Staates ist; Gleichstellungspolitik wird grundsätzlich als staatliche Bevormundung abgelehnt. Jenseits der durch die Verfassung garantierten Grundrechte sinniert ein kleiner extremer Flügel über die Abschaffung des Frauenwahlrechts oder die Wiedereinführung eines Familienoberhaupts. Alle Strömungen wenden sich mehrheitlich gegen die als Staatsaufgabe im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung und kooperieren trotz ihrer Unterschiede. Sie informieren und vernetzen sich wechselseitig und beteiligen sich an gemeinsamen Aktionen.
Antifeministischer Propagandafeldzug
Antifeminismus in Form von Hasspropaganda («hate speech») dient als gemeinsame Klammer. Ohne nähere Kenntnis von Feminismus sprechen Antifeminist/ innen stereotyp von Männerhass, Frauenherrschaft und vom Niedergang des Volkes. Den Kampfbegriff «Lila Pudel» setzen sie gegen Männer ein, die an Gleichheit und feministischen Perspektiven interessiert sind. Die Hasspropaganda zielt auf Einzelpersonen, deren Entwürdigung und deren Erniedrigung ab. Sie werden beleidigt, an einen virtuellen Pranger gestellt, gegenüber ihren Arbeitgeber/innen diffamiert, und ihnen wird des Öfteren sogar mit Vergewaltigung oder Mord gedroht.
Für Antifeminist/innen sind alle Männer heute Opfer. Sie werden benachteiligt und untergebuttert. Sie sind es eigentlich, die heute Gleichstellung brauchen. Das markiert einen Bruch zum früheren Antifeminismus, der «nur» von der natürlichen Vorherrschaft der Männer ausging. Die nun eingeforderte Gleich- heit ist allerdings nur partikular: Männliche (Vor-)Rechte sollen gegenüber den Frauen verteidigt bzw. durchgesetzt werden. Männerrechte als Menschenrechte stehen dabei nicht im Fokus.
Diese Kategorisierung der Männer als Opfer ist empirisch nicht haltbar. In jeder Gesellschaft mit Ungleichheit sind zwar auch Männer benachteiligt und von Unterdrückung und Geschlechterstereotypen betroffen. Fakten widerlegen aber gängige antifeministische Propaganda, wie z.B. die von den 400 Scheidungswaisen täglich oder die infame Behauptung, dass Vergewaltigungsklagen mehrheitlich auf falschen Beschuldigungen basierten. Die Antifeminist/innen könnten eigentlich viel vom Feminismus lernen, der sich erfolgreich gegen die Stereotypisierung von Frauen als Opfer zur Wehr gesetzt hat.
Gefahr eines "Backlash"
Zum Glück hat die antifeministische Männerrechtsszene bislang wenig erreicht. Ihre öffentlichen Veranstaltungen stoßen auf wenig Interesse. Aber das muss nicht so bleiben. Gemessen an dem Medienecho war z.B. der Protest gegen die Abberufung der Goslarer Gleichstellungsbeauftragten Monika Ebeling, die sich stark für Männerthemen engagiert hatte, relativ erfolgreich. Der Wunsch nach Gleichstellung für die allseits benachteiligten Männer wurde in den Medien betont, aber über Ebelings Mitarbeit in einem führenden antifeministischen Netzwerk hinweggegangen. Es gelingt den Antifeminist/innen immer wieder, in Geschlechterdebatten im Internet, z.B. in Online-Foren von Tageszeitungen, zu intervenieren, zu polarisieren und ernsthafte und konstruktive Debatten zu behindern. Die Folge ist bislang, dass viele an echter Diskussion Interessierte diese Foren angesichts des frauenfeindlichen und aggressiven Tons wieder verlassen. Für die Antifeminist/ innen entpuppt sich diese Form der Intervention damit als ziemlich erfolgreich, denn sie zerstören und monopolisieren wichtige und sinnvolle Debatten.
In unserer vorliegenden Expertise wird deutlich, dass die antifeministische Männerrechtsbewegung eine kleine lautstarke Minderheit ist, mit der eine konstruktive Debatte nicht möglich ist. Es handelt sich laut neueren Untersuchungen zu den verschiedenen Einstellungen von Männern um den frustrierten Teil der «teiltraditionellen» Männer und einen Teil der kleinen Gruppe der «Lifestyle Machos»1. Die Mehrheit der Männer ist verunsichert zwischen alten und neuen Geschlechterrollenbildern und Lebensmodellen, sie sucht nach neuen Balancen oder will mehr Gleichheit in Beruf und Familie sowie mehr Nähe zu ihren Kindern. Allerdings besteht insbesondere in ökonomischen und sozialen Krisenzeiten die Gefahr, dass diese Männer und z.T. auch Frauen – bestärkt auch von manchen Leitmedien – auf traditionelle Geschlechterbilder und -ordnungen zurückgreifen und diese wieder zum Mainstream werden.
Dass dies nicht unwahrscheinlich ist, zeigt auch die jüngst veröffentlichte Langzeitstudie «Deutsche Zustände» des Soziologen Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld. Der zufolge haben rechtspopulistische Haltungen im vergangenen Jahr wieder zugenommen – nicht nur bei radikalen Minderheiten, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft. Ein Grund sei eine wachsende Verunsicherung. Hier ist Aufklärung und Information unabdingbar, damit auch die antifeministische Männerrechtsbewegung nicht mehr wird, als was sie ist: eine kleine Minderheit. Diese Expertise soll dazu beitragen.
Vorwort zur 2. Auflage
Die Reaktionen auf die Veröffentlichung dieser Expertise zu Beginn des Jahres haben alle unsere Erwartungen übertroffen. Innerhalb von vier Wochen war die Auflage vergriffen. Zahlreiche Beiträge in Tageszeitungen und Fachzeitschriften, im Hörfunk und im Internet haben sich mit dem Phänomen der sogenannten "antifeministischen Männerrechtsbewegung" kritisch auseinandergesetzt. Im Zentrum der Veröffentlichungen standen vor allem die Überschneidungen zu Extremen und Neuen Rechten. Die Zeitschrift Emma recherchierte Schlüsselfiguren der antifeministischen Männerrechtsbewegung in den Medien, die die Ideologien und Strategien dieser Bewegung unterstützen und damit wirkungsvoll in der Öffentlichkeit verbreiten.
Solche Ergänzungen und Vertiefungen der Expertise freuen uns und halten wir auch für nachahmenswert. Außerdem sind zahlreiche E-Mails und Kommentare bei uns eingegangen. Die Ermutigungen und Glückwünsche haben uns sehr gefreut und sind uns Ansporn, in diesem Thema am Ball zu bleiben. Dies umso mehr, weil uns auch die Männerrechtler-Szene mit E-Mails überhäuft hat – von nicht ernstzunehmenden Dialogangeboten über Schmähungen bis hin zu Hassparolen. Auf einschlägigen Internetblogs wurde dem Autor mit Mord gedroht. Aussagen zur Studie waren auch Gegenstand von Unterlassungsbegehren. In einem Fall wurde eine einstweilige Verfügung gegen den Autor und die Stiftung beantragt. Die einstweilige Verfügung wurde auf unseren Widerspruch hin durch das Landgericht Berlin abgewiesen. Das Verfahren ist nicht abgeschlossen.
Zahlreiche Delegitimierungsversuche
Auch die Versuche, die Expertise als unwissenschaftlich zu diskreditieren, liefen auf pauschale Abwertungen ohne inhaltliche Auseinandersetzung mit den Ergebnissen und Kernaussagen der Studie hinaus. Ein Autor unterstellte ihr beispielsweise das Fehlen jeglicher Methode und schlussfolgerte, dass es sich um eine religiöse Schrift oder eine Ode an den Feminismus handele. Wie sich alle Leserinnen und Leser überzeugen können, werden unter anderem auf S. 135 ff. die angewandten Untersuchungsmethoden zur Erforschung von Internetdiskursen dargestellt und reflektiert. Folgende Versionen zeigten eine vollständigere Lektüre, aber keine zusammenhängende Kenntnisnahme der Argumentation und Ergebnisse. Pauschale Abwertungen im Internet wurden nicht nur Hinrich Rosenbrock, sondern auch einem Rezensenten zuteil.
Dieses passionierte Abwehrverhalten spricht für sich selbst. Doch eignet es sich, junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einzuschüchtern und die antifeministische Gemeinschaft auf die vermeintliche «Unwissenschaftlichkeit» einzuschwören. Daher sei noch einmal festgestellt: Es ist völlig legitim, eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer gesellschaftspolitischen Richtung auf Grundlage ihrer Quellen und grauen Materialien zu führen. Es bedarf keineswegs Interviews mit ihren Sprechern – insbesondere wenn es um eine Analyse des (semi-) öffentlichen Auftretens geht – oder gar der Übernahme von deren Meinungen. Die Lektüre der Studie zeigt, dass diese Quellen durchaus aussagekräftig sind und die Interpretationen darauf gestützt wurden. Trotzdem griffen antifeministische Kreise zu Mitteln der Einschüchterung und Bedrohung wie Protestbriefe wegen Mittelverschwendung an den Rektor der Universität (mit Durchschrift an den Rechnungshof), das Anmailen von Kolleginnen und Kollegen und Anrufe am Arbeitsplatz. Die Fakultät und die Kolleginnen und Kollegen erklärten ihre Unterstützung für den Verfasser der Expertise und die inhaltliche Betreuerin.
Es ist an der Zeit, solchen Einschüchterungen und einer möglichen Bedrohung der Forschungsfreiheit entgegenzutreten und solche Reaktionen auch zum Thema einer öffentlichen Debatte zu machen. Diese Expertise und auch die Studie von Thomas Gesterkamp Geschlechterkampf von rechts? zeigen inzwischen Wirkung. Die antifeministische Männerrechtsbewegung ist zwar weiterhin vernetzt, aber in rechte und neoliberale Gruppen gespalten. Sie tritt gegenwärtig vorsichtiger und weniger konzentriert auf. Aber es lohnt das genaue Hinsehen.
Diese 2. Auflage enthält einige kleine Änderungen und wurde um ein Personenregister ergänzt. Wir freuen uns über Rückmeldungen und werden weiter daran arbeiten, dass die Positionen der antifeministischen Männerrechtsbewegung nicht mehrheitsfähig werden.
Berlin, im Juni 2012
Barbara Unmüßig
Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung
Henning von Bargen
Leitung Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung
Renate Steinhoff
Stiftung Leben & Umwelt - Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen
Linda Michalek
Heinrich-Böll-Stiftung Nordrhein-Westfalen
Wolfgang Faller
Heinrich-Böll-Stiftung Rheinland-Pfalz
Erich Späther
Heinrich-Böll-Stiftung Saarland
Kathrin Bastet
Weiterdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen
Interview
Männerrechtsbewegung: "Vernichtungsbewegung gegen den Feminismus"
Die antifeministische Männerrechtsbewegung stilisiert Männer zu Opfern eines angeblich übermächtigen Feminismus. Welche Denkweisen und Organisationsformen prägen die Bewegung? Wie sollte man Ihnen begegnen? Ein Interview mit dem Soziologen Hinrich Rosenbrock »
Der Autor
Hinrich Rosenbrock
Hinrich Rosenbrock, Jahrgang 1985, studierte von 2005 bis 2008 Soziologie und Geschichte (B.A.) und von 2008 bis 2011 Gender Studies, Sozialpsychologie und Sozialanthropologie (M.A.) an der Ruhr-Universität Bochum. Von 2009 bis 2011 arbeitete er am Lehrstuhl von Prof. Dr. Ilse Lenz, Soziologie: soziale Ungleichheit und Geschlecht. Seine Studien- und Forschungsschwerpunkte sind soziale Bewegungen, Intersektionalitätsansätze, Migrationssoziologie und Sozialstrukturforschung. Neben seinem Studium arbeitete er 3 Jahre als Freier Mitarbeiter bei der Westfälischen Rundschau.Reaktionen (16)
1_ Klaas31. Januar 2012, 17:09 Uhr
2_ ah
2. Februar 2012, 12:45 Uhr
3_ Daniel
6. Februar 2012, 16:29 Uhr
4_ LateKnight
7. Februar 2012, 09:09 Uhr
5_ Klaus
7. Februar 2012, 17:23 Uhr
6_ Braun
8. Februar 2012, 13:26 Uhr
7_ MuratA
15. Februar 2012, 03:31 Uhr
8_ Gerhard
25. Februar 2012, 07:33 Uhr
9_ Ingo Seilanger
26. April 2012, 00:37 Uhr
10_ Ingo von Sivers
1. Juli 2012, 17:51 Uhr
11_ Carlos
13. Juli 2012, 09:56 Uhr
12_ Uwe
6. September 2012, 11:09 Uhr
13_ Ulf Dunkel
5. Oktober 2012, 20:46 Uhr
14_ Horst
8. November 2012, 16:30 Uhr
15_ maxvogel
19. November 2012, 00:33 Uhr
16_ sewa
20. November 2012, 13:03 Uhr