HELMUT WIESENTHAL
24. September 2008
Helmut Wiesenthal, 1938 in Meuselwitz/Thüringen geboren, lebte bis Ende 1953 in Erfurt und von 1954 bis 1974 in verschiedenen Städten des Ruhrgebiets. Nach dem Abitur (in Unna 1959) studierte er zunächst drei Semester Wirtschaftswissenschaften in Münster. Darauf folgten verschiedene Tätigkeiten in der Metallindustrie. Eine zweite Studienphase an der Universität Bielefeld (1974-79) galt der Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft und endete mit dem Soziologiediplom. Von 1980 bis 1983 und von 1986 bis 1988 arbeitete Wiesenthal als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld. In der Zeit von 1983 bis 1986 arbeitete er freiberuflich in einem Forschungsprojekt des Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung (Wien) und schrieb seine Dissertation (Sie wurde 1987 unter dem Titel „Strategie und Illusion. Rationalitätsgrenzen kollektiver Akteure am Beispiel der Arbeitszeitpolitik 1980-1985“ publiziert). Es folgten mehrere Jahre empirischer und theoretischer Sozialforschung – im Auftrag des NRW-Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales, im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V., als Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung (Köln) und als Mitarbeiter am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen.

1991 übernahm Wiesenthal den Auftrag der Max-Planck-Gesellschaft, an der Humboldt-Universität in Berlin die Forschungsgruppe „Transformationsprozesse in den neuen Bundesländern“ aufzubauen. Hier erarbeiteten zahlreiche Mitarbeiter und osteuropäische Gastwissenschaftler empirische Studien zum institutionellen Wandel in den neuen Bundesländern und den ex-sozialistischen Ländern. Das verhalf mehreren herausragenden ostdeutschen Sozialwissenschaftlern, im neuen Wissenschaftssystem Fuß zu fassen. Nach seiner Habilitation im Fach Politische Wissenschaft (an der Universität Hamburg) wurde Wiesenthal 1994 auf die Professur „Systeme gesellschaftlicher Interessenvermittlung“ am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung Politikwissenschaften lehrte und mehrere Forschungsprojekte zur politischen Steuerung komplexer Reformen, insbesondere in den mittel- und osteuropäischen Ländern, durchführte.

Nach dem Übergang in den Ruhestand konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf die Situation Deutschlands und anderer kontinentaleuropäischer Länder: Wie gelingt es ihnen, ihre Institutionenordnung an die im Zuge der Globalisierung gewandelte Umwelt von Wirtschafts- und Technologieentwicklung anzupassen? Mehrere Veröffentlichungen und Projektstudien betreffen die Prozesse der gesellschaftlichen (Selbst-) Steuerung, Probleme der Steuerungsfähigkeit politischer Akteure und den Reformbedarf des deutschen Institutionensystems (dazu u.a. zwei Aufsätze in der Kommune: „Ausbruch aus der Zeitschleife? Das Ende des Modells Deutschland...“ in 2003 sowie „Wahrheit und Demokratie. 'Neoliberale' Reformen...“ in 2004).

Ähnliche Themen bestimmten Wiesenthals Wirken schon im ersten Jahrzehnt der Partei Die Grünen, deren Mitglied er seit Frühjahr 1980 ist. Er engagierte sich insbesondere für die Programmentwicklung in Sachen Wirtschafts- und Sozialpolitik und plädierte nachdrücklich für realpolitische „Eingriffe im Diesseits“ (so der Titel eines Aufsatzbandes von 1985). Von 1986 bis 1987 gehörte er dem grünen Bundesvorstand als Beisitzer an. Danach begleitete er die Politik von Bündnis 90/Die Grünen als wohlwollend-kritischer Beobachter und Berater, u.a. in dem Buch Realism in Green Politics (1993) und verschiedenen Aufsätzen (u.a. Bündnisgrüne in der Lernkurve, 1999; Profilkrise und Funktionswandel, 2000).

Nach dem altersbedingten Ausscheiden aus dem Universitätsbetrieb im April 2003 war Wiesenthal im Auftrag des Wissenschaftsrats und der Wissenschaftlichen Kommission des Landes Niedersachsen an der Evaluation sozialwissenschaftlicher Lehre und Forschung an mehreren Universitäten beteiligt. Seit 2006 gehört er der Bewertungsgruppe Soziologie des Wissenschaftsrats an. Er ist weiterhin Mitglied des BTI-Boards der Bertelsmann-Stiftung – einer Expertenkommission, die den Vergleich der demokratischen und wirtschaftlichen Entwicklungsprozesse in rund 110 Ländern begleitet und den im zweijährigen Turnus erscheinenden BTI-Index verantwortet. Ab 2007 wird ein analoges Projekt der Bertelsmann-Stiftung auch die Reformprozesse der etablierten (OECD-) Länder vergleichend bewerten. Wiesenthal hat an den Vorbereitungsarbeiten teilgenommen und wird im Rahmen des BRI-Boards an der Durchführung beteiligt sein.

Seit Dezember 2004 ist Helmut Wiesenthal Mitglied der Grünen Akademie. Hier beschäftigen ihn außer der allgemeinen Reformproblematik v.a. zwei Themen: (1) der Zusammenhang von Bildungs- und Sozialpolitik in einer zunehmend integrierten Weltwirtschaft sowie (2) Entwicklungstendenzen in den westeuropäischen Parteiensystemen, die sich als Reaktion auf den Wegfall traditioneller nationalstaatlicher Handlungsoptionen abzeichnen.

Zu den zahlreichen Veröffentlichungen Wiesenthals zählen die von ihm (mit-) herausgegebenen Bände Einheit als Interessenpolitik (1995), Einheit als Privileg (1996), Einheit und Differenz (1997), Kontingenz und Krise (2000) sowie Gelegenheit und Entscheidung – Policies und Politics erfolgreicher Transformationssteuerung (2001). Eine 2004 von Petra Stykow und Jürgen Beyer als Festschrift für Helmut Wiesenthal herausgegebene Aufsatzsammlung trägt den Titel Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung. Reformfähigkeit und die Möglichkeit rationaler Politik. Mitte 2006 erschien die Monographie Gesellschaftssteuerung und gesellschaftliche Selbststeuerung - eine Einführung für Studierende der Soziologie und Politikwissenschaft.

Weitere Informationen finden sich unter:
http://www.hwiesenthal.de/