Heinrich Böll: Leben und Werk
Kapitel 6: Der »Notstand« der Demokratie
In den sechziger Jahren verstärkt sich das gesellschaftliche und politische Engagement Bölls; u.a. setzt er sich für die Anliegen der Außerparlamentarischen Opposition (APO) ein, forderte bei der Gründungversammlung des Verbandes deutscher Schriftsteller eine bessere Honorierung der freien Schriftsteller (Ende der Bescheidenheit). Wiederholt tritt er als Redner auf, wie etwa bei der Demonstration gegen die Notstandsgesetze im Bonner Hofgarten (1968).Im Frühsommer 1964 hält Heinrich Böll an der Goethe-Universität zu Frankfurt vier Poetik-Vorlesungen in denen er u.a. seine »Ästhetik des Humanen« projektiert und den Umriß einer Literatur des Abfalls, des im doppelten Sinn gesellschaftlich Abfälligen, skizziert.
Frankfurter Vorlesungen, 1964
Obwohl als einzelner schreibend, ausgestattet nur mit einem Stoß Papier, einem Kasten gespitzter Bleistifte, einer Schreibmaschine, habe ich mich nie als einzelnen empfunden, sondern als Gebundenen. Gebunden an Zeit und Zeitgenossenschaft, an das von einer Generation Erlebte, Erfahrene, Gesehene und Gehörte, das autobiographisch nur selten annähernd bezeichnend genug gewesen ist, um in Sprache gefaßt zu werden; gebunden an die Ruhe- und Heimatlosigkeit einer Generation, die sich plötzlich ins Großvateralter versetzt findet und immer noch nicht - wie nennt man das doch - reif geworden ist.
aus:
„Frankfurter Vorlesungen“ von Heinrich Böll
© 1966 by Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln

