Abstract

Religiöser Wandel und Migration: Die ehemaligen vietnamesischen VertragsarbeiterInnen und StudentInnen im Osten Deutschlands

Kristin Mundt, Universität Leipzig

1. November 2010
Die durch Migration mitbedingten religiösen Pluralisierungsprozesse haben sich in Deutschland im letzten Jahrzehnt zu einem zentralen Thema der wissenschaftlichen und öffentlichen Debatte entwickelt. Am eindrücklichsten lässt sich dieser Bedeutungszuwachs an den Diskussionen um den so genannten Kopftuchstreit oder den EU-Beitritt der Türkei veranschaulichen. Die Forschung konzentriert sich vor allem auf die Migrationsverläufe in Westdeutschland und den Islam. Dabei bleiben andere Minderheitengruppen - etwa VietnamesenInnen -, an die sich weniger stark Vorstellungen „kultureller Konflikte“ zwischen Einheimischen und Zugewanderten anlagern können, eher im Hintergrund. Ein weitgehend weißer Fleck auf der entsprechenden Forschungslandschaft ist darüber hinaus das Gebiet der ehemaligen DDR. Gerade die vietnamesischen Arbeits- und BildungsmigrantInnen, die in die DDR kamen und schließlich in der wiedervereinigten Bundesrepublik blieben sind daher interessant. Ihre spezifische „transkulturelle Situation“ resultiert neben den wirkenden deutschen und vietnamesischen Transformationsprozessen nach 1989, aus den nach Deutschland verlagerten ideologischen Konfliktlinien der Nord- und Südvietnamesen, als auch deren verschiedene Migrationsverläufe in der ehemaligen DDR (ArbeitsmigrantInnen) und der BRD (Boat People).

Die Studie fragt vor dem Hintergrund dieser Wandlungsprozesse nach der Logik von Säkularisierungs - und religiösen Pluralisierungsprozessen in „postsozialistischen“ gesellschaftlichen Kontexten. Die Gruppe der ehemaligen vietnamesischen VertragsarbeiterInnen bzw. StudentInnen ist gerade in religionssoziologischer Hinsicht aufschlussreich und erklärungsbedürftig: Handelt es dich doch um Personen, die – ursprünglich aus einem kommunistischen Land kommend – in die sozialistische und weitgehend säkularisierte DDR kamen, sich mittlerweile aber – unter den Bedingungen der Bundesrepublik – zunehmend auch als religiöse Gruppe präsentieren. Tempelbauten in Leipzig und Berlin sowie veränderte religiöse Sinn- und Handlungsmuster im privaten Bereich zeigen dies an.

Wie und warum kommt Religion (wieder oder neu) ins Spiel? Geht es hier um eine „Neuentdeckung“ oder „Neuerfindung“ von Religion im Kontext einer pluralistischer werdenden religiösen Landschaft? Erscheint die religiöse Positionierung als Erfolg versprechender im Vergleich mit anderen (z.B. wirtschaftlichen, kulturellen etc.) Formen der Positionierung als Minderheit? Welche Bedeutung besitzen „transkulturelle“ familiäre und institutionelle Netzwerke? Und wie taucht Religion in der biographischen Selbstbeschreibung auf? Welche Funktion und welche Form (Symbolverstehen) von Religion wird in ein neues Setting eingebettet? Werden vormals säkulare Ausdrucksformen und Legitimationsfiguren unter den veränderten Voraussetzungen religiös umcodiert? Und wenn ja, mit welchen Folgen? Oder finden auch im säkularen Kontext untergründig mitlaufende religiöse Bezüge nun wieder einen neuen Ausdruck?

Das Dissertationsvorhaben setzt an einer „Perspektive von unten“ an, die über den Bereich der „repressiven Politik“ und ihrer institutionellen Akteure hinausgeht. Rekonstruiert werden soll die Genese und sozialisatorische Nachwirkung einer erworbenen Haltung (Habitus), was wiederum einen Blick auf Schnittflächen und Konfliktlinien sowie deren Resultate ermöglicht. Der Gesamtverlauf der empirischen Datenerhebung orientiert sich am Prinzip des Theoretical Sampling im Rahmen der Grounded Theory. Als Erhebungsformen kommen biographisch-narrative Interviews, Experteninterviews und Teilnehmende Beobachtungen zur Anwendung. Bei der objektiv-hermeneutischen Auswertung der biographischen Erzählungen der vietnamesischen MigrantInnen sollen typische Muster von Handlungen und von den Orientierungen, die diesen Handlungen Bedeutung verleihen, identifiziert werden. Die Fallrekonstruktionen werden in funktional bestimmte Idealtypen überführt, die wiederum als empirische Ergebnisse im Licht kulturtheoretischer Perspektiven stehen sollen. Religiöser Wandel und Migration wird auf diesem Wege im Kontext von kriegsbezogener Vergangenheitsbewältigung und ritueller Erinnerungspraxis sichtbar oder auch in Formen individueller und kollektiver Identitäten im Kontext von Einheit und Differenz.

Das Dissertationsprojekt möchte nicht nur das Verständnis der Migrations- und Integrationsprozesse einer spezifischen Gruppe aufhellen, sondern umgekehrt auch einen Beitrag zum Verständnis der Voraussetzungen und Verlaufsformen gesellschaftlicher und religiöser Pluralisisierungsprozesse in weitgehend säkularisierten gesellschaftlichen Kontexten und der Rolle, die ethnisch-religiöse Minderheiten dabei spielen, liefern.

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