ABSTRACT

Soziale Strukturen und kollektive Orientierungen in Angsträumen

Mario Paul, Technische Universität - Chemnitz

31. August 2009
Die Erforschung der Konstitutionsbedingungen eines von Rechtsextremisten besetzten Angstraum mittels qualitativer Sozialforschung.

"No-Go-Area", Angstraum, Gefahrenzone, Ort der Exklusion, national befreite Zone -- zahlreiche Begriffe, die Orte benennen, wo sich fremdenfeindliche und rassistische Gesinnungen kulturell und sozialstrukturell verfestigt haben. Doch führt die Rede von "Area", Raum oder Zone in die Irre. Nicht der geographische Raum als vielmehr darin dominante soziale Strukturen verbreiten ein Klima der Angst und nehmen kraft ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Vorherrschaft einen Ort in Beschlag.

Ein als "No-Go-Area" oder Angstraum bezeichneter Ort ist ein geographischer Raum, in dem die Handlungspraxis einer sozialen Gruppe dazu führt, dass Menschen, die dem imaginierten Feindbild der Gruppe entsprechen, stets damit rechnen müssen, ein Opfer der Gewalt dieser Gruppe zu werden. Andere soziale Akteure in diesem Raum wissen darum und dieses Wissen schlägt sich auf ihre Handlungspraxis nieder. Mein Promotionsvorhaben widmet sich Angsträumen, die von systematischen, auch gewaltvollen Ausgrenzungsgebaren rechtsextrem gesinnter Gruppen gekennzeichnet sind.

Ich unterstelle, die Handlungspraxis der im Angstraum in Erscheinung tretenden Akteure ist maßgeblich durch eine ihnen spezifische semantische Ordnung angeleitet. Derartige Ordnungs- und Orientierungsmuster offenbaren sich in der kommunikativen Praxis der Akteure, also der konventionalisierten bzw. institutionalisierten Anschließbarkeit und Erwartbarkeit kommunikativer Semantiken. Zu untersuchen, wie die in einem Angstraum relevanten Akteure die systematischen und gewaltvollen Exklusionsbestrebungen in ihrem Aktionsraum kommunizieren -- untereinander, miteinander, übereinander -- verspricht nicht nur grundlegenden Erkenntnisgewinn, sondern ist angesichts der Bedrohung von demokratischer Kultur, Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt durch rechtsextreme Gewalt auch eine dringend gebotene wissenschaftliche Herausforderung.

Mein Promotionsvorhaben stützt sich auf eine breite und umfangreiche empirische Basis. Mittels Triangulation aus Gruppendiskussionsverfahren, Leitfaden-Interview und Diskursanalyse sowie den methodologischen Grundlagen der Dokumentarischen Methode und der Theorie sozialer Systeme rekonstruiert das Dissertationsprojekt aus der kommunikativen Praxis sozialer Akteure einer "No-Go-Area" die im Angstraum virulenten sozialen Strukturen und kollektiven Ordnungs- und Orientierungsmuster. Mein Forschungsvorhaben zielt darauf, die Konstitutionsbedingungen einer "No-Go-Area" zu ergründen, nicht zuletzt um Ansatzpunkte zur Stärkung demokratischer und zivilgesellschaftlicher Elemente offen zu legen.

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