ABSTRACT
Structures and Dynamics of International Efforts at Post Conflict State Building – The Case of Afghanistan 2002-2004
Ilona Schadl, LMU München
Die Promotionsarbeit untersucht am Beispiel Afghanistans, inwiefern sich Strukturen und Dynamiken innerhalb des Entwicklungshilfesektors auf internationale Versuche auswirken, staatliche Strukturen in Krisengebieten wiederaufzubauen.Die Befriedung und Stabilisierung globaler Krisenherde ist seit Ende des Kalten Krieges in den Mittelpunkt internationaler Bemühungen gerückt. Dabei haben sich die Vorstellungen über Aufgaben und Ziele internationaler Aktivitäten in labilen Regionen fundamental geändert, hin zu einer zunehmend interventionistischen Auslegung internationaler Verantwortung. Mit dem erklärten Ziel, funktionsfähige Staaten (wieder-) aufzubauen, hat die Internationale Gemeinschaft zum Beispiel in Osttimor, Mosambik, Kambodscha oder Afghanistan breit gefächerte Verantwortlichkeiten in der Entwicklungszusammenarbeit übernommen. Diese umfassen sowohl die Neudefinition, Umstrukturierung und den Aufbau staatlicher Institutionen auf allen Ebenen als auch die direkte Ausführung staatlicher Aufgaben, zum Beispiel im Gesundheits-, Bildungs-, und Infrastruktursektor.
Es gibt mittlerweile eine umfangreiche Dokumentation und Literatur, die sich mit den staatsbildenden Erfahrungen der Internationalen Gemeinschaft befassen und deren Schwerpunkt in der Regel auf einer kritischen Auseinandersetzung mit den angewandten Entwicklungsstrategien, Ideologien und Vorgehensweisen liegt. Erstaunlich wenig wird jedoch in der Forschung das Verhalten der Akteure des humanitären und Entwicklungshilfesektors beleuchtet, obwohl diese eine wichtige Rolle dabei spielen, wie Probleme erkannt, Strategien formuliert, Projekte implementiert und Erfahrungen dokumentiert werden. Gerade in Nachkriegs-Szenarien stehen der Internationalen Gemeinschaft in der Regel nur sehr geschwächte nationale und lokale Institutionen gegenüber, die zudem oft erheblich auf externe Finanzierung für ihr Überleben angewiesen sind. Entscheidungsprozesse über Entwicklungs- und Staatsbildungsstrategien, grundsätzliche Strukturen und Aufgaben der ‚wieder zu belebenden’ Institutionen, politische Prozesse sowie die eigentliche Umsetzung dieser Entscheidungen werden deshalb überwiegend von den entwicklungspolitischen Akteuren der Internationalen Gemeinschaft dominiert.
Die Promotionsarbeit untersucht am Beispiel Afghanistans, inwiefern sich Strukturen und Dynamiken innerhalb des Entwicklungshilfesektors auf internationale Versuche auswirken, staatliche Strukturen in Krisengebieten wiederaufzubauen. Dabei profitiert das Forschungsvorhaben von über sechs Jahren Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit, davon zwei Jahre in Afghanistan.
Methodisch gliedert sich die Arbeit in einen konzeptionellen und einen empirischen Teil. Ersterer befasst sich mit den strukturellen Eigenschaften des Entwicklungshilfesektors, und deren Einfluss auf die Erfolgschancen internationaler Staatsbildungsversuche. Dabei werden vor allem die Rolle des entwicklungspolitischen Diskurses, institutionelle Abhängigkeiten der verschiedenen internationalen Akteure, sowie die Auswirkungen einer auf die Geberländer zugeschnittenen Rechenschaftslegung untersucht. Die Arbeit argumentiert, dass das Zusammenspiel dieser drei strukturellen Eigenschaften Dynamiken auslöst, die das Erreichen proklamierter Ziele der Entwicklungshilfe und die Umsetzung akzeptierter Ansätze und Normen erschweren. Im Gegenteil, es entsteht die Gefahr des Aufbaus eines ‚Pseudo-Staates’, der nicht in der eigenen Bevölkerung verankert ist und sich deshalb wieder zurückbilden wird, sobald die internationale Intervention abebbt. Die Analyse kann hier auf theoretische Ansätze aus den Politischen Wissenschaften, der Soziologie und den Wirtschaftswissenschaften zurückgreifen.
Der empirische Teil stützt sich auf einen zweijährigen Arbeitsaufenthalt in Kabul (Juli 2002 -September 2004), der einen umfassenden und differenzierten Einblick in die Strukturen und Arbeitsweisen des internationalen Entwicklungshilfesektors ermöglicht hat. Dabei ist das Ziel der Fallstudie, die im ersten Teil erarbeiteten theoretischen Konzepte an einem konkreten Fall ausführlich anzuwenden. Die Studie konzentriert sich auf einen Zeitrahmen, der im Dezember 2001 mit der Unterzeichnung des Petersberger Abkommens durch die afghanischen Bürgerkriegsfraktionen beginnt und den Anfang der gegenwärtigen internationalen Anstrengungen zu Befriedung und Wiederaufbau Afghanistans markiert. Der Betrachtungszeitraum endet mit den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2004, die den Übergang von der provisorischen Afghan Transitional Authority zu einer konstitutionell autorisierten, regulären afghanischen Regierung abschließen. Trotz dieses relativ eng gewählten Zeitfensters wird die Analyse auch in den größeren Gesamtkontext eingebettet sein, vor allem in Hinblick auf die Historie des Staates in Afghanistan und der internationalen Interventionen seit Beginn des Bürgerkriegs 1978.

