ABSTRACT

Als Wałęsa über die Mauer kletterte… Zur Dynamik theatraler Strategien im Jahrzehnt der Solidarność

Berenika Szymanski, LMU München

31. August 2009
Als Wałęsa über die Mauer kletterte…
Zur Dynamik theatraler Strategien im Jahrzehnt der Solidarność

Politik ist auf Aufführungen angewiesen, da sie sich, wie Christian Horn und Matthias Warstat in ihrem Aufsatz „Politik als Aufführung“ betonen, immer wieder in einem strukturierten Programm von Aktivitäten konkretisieren muss, das zu einer fest terminierten Zeit an einem bestimmten Ort von einer Gruppe von Akteuren vor einer Gruppe von Zuschauern vorgeführt wird. Hierbei lässt sich feststellen, dass nicht nur Politiker als Akteure dieser fungieren, sondern auch Menschen der Zivilbevölkerung. Gerade in Zeiten, in welchen sie auf Missstände aufmerksam machen und Forderung nach einer Veränderung kundtun möchten, betreten sie als Handelnde die politische Bühne und demonstrieren ihren Protest mit Mitteln der Inszenierung und der Aufführung.

Anhand der wichtigsten politischen Ereignisse in Polen zwischen 1980 und 1989 soll in meinem Dissertationsprojekt einerseits der Beitrag zivilgesellschaftlicher Initiativen zur Epochenwende des Jahres 1989 und somit die Inszenierung und Aufführung zivilgesellschaftlichen Protests und ihre theatralen Mittel vor dem Hintergrund der historischen und kulturellen Besonderheiten Polens untersucht werden. Andererseits soll aber auch der letzte Versuch seitens der zu dieser Zeit regierenden Partei PZPR, kommunistische Strukturen zu erhalten, in Betracht gezogen werden, wobei hier neben der Inszenierung und Aufführung von Macht die theatralen Strategien der Illusion und Täuschung vordergründig sind.

Die theatrale Dimension politischer Ereignisse fokussierend, soll in meiner Arbeit der Aspekt des gewaltlosen Kampfes aufgegriffen und der Kontrast zwischen den gesellschaftlichen und den vom kommunistischen Regime ausgehenden Mitteln zum Erreichen der jeweiligen Ziele untersucht werden. In diesem Zusammenhang soll neben Vermittlung von Forderungen und Werten, von Befehlen und Überzeugungsversuchen in sprachlicher Form sowie dem Einsatz von Riten und Symbolen, die Etablierung von Bühnenräumen, das Verhältnis Zuschauer-Akteur und die Bedeutung des Körpers analysiert werden. Zudem gilt es auf die Theatralität von Personen einzugehen, die in dieser Zeit in besonderer Weise hervorgetreten sind und in Polen als Personifizierungen der gegeneinander antretenden Lager angesehen werden (Wałęsa, Jaruzelski).

Das Anliegen dieses Projektes ist es, zum Einen das Besondere der Funktionsweisen von theatralen Strategien während der politischen Umbruchsphase in Polen herauszuarbeiten – auch im Hinblick auf die Konstruktion sozialer Wirklichkeit als eines Prozesses, der bei den Beteiligten kreative Kräfte freisetzt – und zum Anderen aufzuzeigen, welch wichtige Bedeutung theatrale Strategien für das Gelingen des polnischen politischen Umbruchs einnehmen.

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