ABSTRACT
Vom Naturideal zur Weltanschauung. Imaginationen und Konstruktionen des ‚deutschen Waldes’ zwischen Romantik und Nationalsozialismus
Johannes Zechner, Freie Universität Berlin
Seit Anfang des 19. Jahrhunderts sind im deutschen Kulturraum ideengeschichtliche Entwicklungen zu beobachten, in deren Verlauf das Naturphänomen Wald zunehmend gesellschaftliche und politische Bedeutungen zugeschrieben bekam. Seine vorgeblichen Prinzipien von Unveränderlichkeit, Unterordnung und Ungleichheit fungierten als Gegenbild zur Gesellschaftsordnung der Französischen Revolution mit ihren Werten von Freiheit und Gleichheit. Intellektuelle und Ideologen erklärten den ‚deutschen Wald’ zur prototypischen Nationalnatur, womit gleichermaßen der Aufstieg der ‚deutschen Eiche’ zum Symbol eigener Geschichte und Kultur begann. Überdies kontrastierte vermehrt eine einprägsame Verwurzelungsmetaphorik das deutsche ‚Waldvolk’ in antisemitischer Absicht mit dem ‚Wüstenvolk’ der Juden.Der vorgestellte ‚deutsche Wald’ bündelte als weltanschauliche Chiffre eine Vielzahl modernitätskritischer, nationalistischer, rassistischer und biologistischer Denkfiguren: Gegenbild zu Fortschritt und Großstadt, germanischer Ursprung und deutsche Heimat, heidnisches Heiligtum und rassischer Kraftquell, Modell der Volksgemeinschaft und ständischer Staatsentwurf. Eine derartig imaginierte Landschaft konnte indes historisch wirkmächtig werden, sobald die Denkbewegung ‚deutscher Wald’ sie zur Legitimierung gesellschaftlich-politischer Zielsetzungen heranzog. Diese Instrumentalisierung erreichte einen Kulminationspunkt in den Jahren der NS-Herrschaft, als der Wald Vorbildcharakter für die Gesellschafts- und Staatsordnung erhielt.
Das Dissertationsvorhaben an der Schnittstelle von Umwelt- und Ideengeschichte untersucht anhand exemplarischer intellektueller Akteure erstmals den weltanschaulichen Werdegang des ‚deutschen Waldes’. Damit wird eine Entwicklung nachvollzogen, die von der Beschwörung romantischer Sehnsuchtslandschaft bis zur Legitimation nationalsozialistischer Ideologie und Herrschaftspraxis reichte. Ein Epilog thematisiert abschließend das Fortleben deutschen Wald-Denkens bis in die ‚Waldsterbens’-Debatte hinein.

