Die neue Spaltung Europas
Zu Beginn des neuen Jahres
steht die Europäische Union vor den Trümmern ihrer Osteuropapolitik. In
Weißrussland trat Präsident Lukaschenko seine vierte Amtsperiode an, während
die Verhaftungswelle gegen die Opposition rollte, unabhängige Zeitungen
geschlossen und die OSZE aus dem Land geworfen wurde. In Moskau wurde der
Putin-Widersacher Michail Chodorkowski in einem Schauprozess zu 14 Jahren Haft
verurteilt. Auch in der Ukraine nutzt Präsident Janukowitsch die Justiz, um seine
Machtstellung zu festigen und die Opposition zu enthaupten. Diese Ereignisse
sind nicht zufällig. Sie sind Teil einer Entwicklung, die Europa erneut in ein
demokratisches und ein autoritär verfasstes Lager zu spalten droht. Ethno-nationalistische
Spannungen in Russland, im südlichen Kaukasus und in Zentralasien verstärken
die Tendenz zu autoritären Führern und einer Politik der harten Hand. Die
Erwartung, dass mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein Raum der Demokratie
von Lissabon bis Wladiwostok entsteht, hat sich als Illusion entpuppt. Zwar
werden die demokratischen Fassaden aufrechterhalten, aber dahinter breiten sich
autoritäre Machtstrukturen, Bürokratismus und Korruption aus. Das gilt selbst
für ehemalige Vorreiter des demokratischen Aufbruchs wie Georgien und die
Ukraine.
Für die politische
Großwetterlage in Osteuropa spielt Moskau eine zentrale Rolle. Wladimir Putin, der
neue starke Mann Russlands, trat mit dem Versprechen an, den Staatszerfall zu
beenden und den nationalen Stolz wiederherzustellen. In seiner Werteskala
stehen Stabilität und Großmachtstatus Russlands weit über der Demokratie. Auch
im Westen gibt es allzu viele, die sich vom neuen Glanz Moskaus blenden lassen.
Über den vorherrschenden „Rechtsnihilismus“ (Präsident Medwedew) , die Zentralisierung der
Macht in den Händen weniger, die notorische Korruption, die Kontrolle der
Massenmedien, die Verwandlung des Parlaments in ein Anhängsel der Regierung, die
Manipulation der Wahlen, die systematische Umverteilung von Vermögen zugunsten
staatlicher Machtgruppen, die Ermordung von Menschenrechtsaktivisten und
Journalisten sieht man hinweg oder erklärt sie zu bedauerlichen Kinderkrankheiten
auf dem langwierigen Weg zur Demokratie. Tatsächlich handelt es sich bei
alledem nicht um vereinzelte „Missstände“. Das Putin’sche System der„gelenkten
Demokratie“ ist keine Annäherungsform, sondern ein Gegenmodell zur liberalen Demokratie. Russland ist heute ein
autoritär gelenkter Staat, in dem die Grenzen zwischen politischer und
wirtschaftlicher Macht, zwischen Sicherheitsorganen und kriminellen Aktivitäten
verschwimmen.
Ein solcher Staat ist nicht
wirklich stark. Er lebt von den Überschüssen, die Russlands Rohstoffreichtum
abwirft. Gemessen an zentralen Parametern wie Produktivität, Innovationsfähigkeit,
Bildungsniveau, fällt das Land immer weiter zurück. Präsident Medwedew spricht
von einer „primitiven Rohstoffwirtschaft“. Es mag sein, dass er zu denen gehört,
die verstanden haben, dass ihr Land ohne tiefgreifende Modernisierung zum
Niedergang verurteilt ist. Auch mögen seine Appelle für mehr
Rechtsstaatlichkeit und eine starke Zivilgesellschaft ernst gemeint sein.
Bisher aber bleiben sie gänzlich folgenlos. Auch der Reformrhetoriker Medwedew
stützt sich auf eine Allianz aus Sicherheitsorganen und Staatsbürokratie, die
sich am status quo bereichert. Solange die Öl- und Gasmilliarden weiter fließen,
werden sie sich kaum auf Reformen einlassen, die ihre Pfründe gefährden.
Der beharrliche Versuch, die
ehemaligen Sowjetrepubliken wieder unter russischen Einfluss zu bringen, hat einen
ökonomischen Interessenskern. Es geht um die Festigung des Öl- und Gasmonopols
und die Extraprofite, die daraus fließen. Dazu gehört die Kontrolle über die
Energiemärkte der Nachbarstaaten und die Pipelinenetze der Transitländer. Das
Auftreten unabhängiger Lieferanten (Turkmenistan,
Aserbeidschan) soll ebenso verhindert werden wie der Bau konkurrierender
Leitungsnetze nach Westeuropa, siehe den erbitterten Widerstand gegen das
„Nabucco“-Projekt.
Die EU steht dieser Entwicklung
bisher hilflos gegenüber. Im russisch-georgischen Konflikt hat sie sich mit der
Amputation Georgiens arrangiert, obwohl die Errichtung russischer Stützpunkte
in den Sezessionsgebieten gegen die Waffenstillstandsvereinbarung verstößt, auf
die Sarkozy so stolz war. Gegenüber der Ukraine ist keine Strategie erkennbar, die
relevanten Einfluss auf die innere Entwicklung und äußere Orientierung des
Landes nehmen könnte. Im Fall Weißrussland ist die Dialogpolitik mit dem Regime
auf Grund gelaufen. Gegenüber Russland fehlt der angestrebten „Modernisierungspartnerschaft“
das rechtsstaatliche und demokratische Fundament. Auch energiepolitisch lässt
sich die EU von Russland spielend leicht auseinanderdividieren: nationale
Egoismen und bilaterale Geschäfte verhindern eine gemeinsame europäische
Interessenpolitik. Wenn in Moskau eher herablassend über die EU als politischer
Akteur gesprochen wird, ist das nicht nur Hochmut einer Möchtegern-Großmacht.
Reaktionen (1)
1_ Dirk2. Februar 2011, 14:36 Uhr


