Einführung
Die Gender-Arbeit im Nahen und Mittleren Osten
Die Förderung der Geschlechterdemokratie gehört auch in der Region Naher und Mittlerer Osten zu den zentralen Aufgaben der Heinrich-Böll-Stiftung. In unseren frauenpolitischen Programmen unterstützen wir in erster Linie Frauengruppen bei der Gründung und Weiterentwicklung sozialer und politischer Initiativen. Ziel ist die Stärkung der gesellschaftlichen und rechtlichen Stellung der Frauen und die Verbesserung ihrer Chancen, an politischen Entscheidungen teilzunehmen.
Frauenrechte in der arabischen Welt
In den von Männern dominierten und von Stämmen geprägten Gesellschaften in der Region ist die gesellschaftliche Diskriminierung von Frauen ein erhebliches Entwicklungshemmnis. Ein weiteres Problem ist der ungleiche Zugang der Geschlechter zu staatsbürgerlichen Rechten. So wird Frauen in manchen arabischen Staaten das Wahlrecht noch immer vorenthalten.
Die Autoren des Arab Human Development Report 2005 ziehen eine ernüchternde Bilanz zur Lage der Frauen in arabischen Gesellschaften. Ihnen werden grundlegende Freiheiten und die volle Entfaltung ihrer Fähigkeiten in vielen Lebensbereichen verweigert. Dies betrifft bürgerliche wie politische Freiheiten, Bildung, Gesundheit, Wohlergehen und persönliche Sicherheit.
Die Autoren des Reports stellen fest, dass es beim Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen in arabischen Ländern nicht nur um Fairness und die Wiedergutmachung von historischem Unrecht gehe. Der gesellschaftliche Aufstieg der Frauen sei vielmehr die Grundvoraussetzung für die erhoffte "Arabische Renaissance". Aus diesem Grund plädieren die Autoren des Berichts für zeitlich begrenzte und gezielte Fördermaßnahmen, um die gleichberechtigte Mitwirkung von Frauen auf alle gesellschaftlichen Bereiche auszudehnen.
Geschlechterdemokratische Politikansätze sind für die arabische und persische Welt allerdings weitgehend neu. Um Frauen für die Teilhabe an politischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen im Nahen und Mittleren Osten motivieren und mobilisieren zu können, müssen vielfältige Ansätze verfolgt werden.
Unsere Projekte in der Region
Ziel unserer genderdemokratischen Maßnahmen ist es, dass beide Geschlechter gleichen Zugang zu ökonomischen, politischen und sozialen Ressourcen erlangen. Um dieses Ziel zu erreichen, konzentrieren wir uns u.a. auf das Thema Gewalt gegen Frauen. Wir unterstützen Frauenorganisation, die soziale Dienste für Gewaltopfer verbessern, das öffentliche Bewusstsein für den Schutz der Frauen fördern und Initiativen zur Ächtung geschlechterspezifischer Gewalt in die Wege leiten. Die Diskriminierung von Frauen im öffentlichen Leben soll deutlich sichtbar gemacht werden. Unsere Seminare, Workshops und Studien sollen Frauen bei der Bearbeitung der Probleme unterstützen. Langjährige Stiftungspartnerinnen in der Region bekleiden heute zum Teil einflussreiche Positionen und tragen so den Gedanken der Gleichberechtigung wirksam in ihre Gesellschaften.
Das Büro Arabischer Naher Osten in Ramallah/Palästina steuert und koordiniert ein EU-Projekt, das die Arbeit von vier Frauenorganisationen in drei arabischen Ländern unterstützt. Die Aktivitäten konzentrieren sich auf das Thema Gewalt gegen Frauen und reichen von der psycho-sozialen Beratung für Gewaltopfer über Fortbildungsangebote für Ärzte und Sozialarbeiterinnen bis hin zur Lobbyarbeit für eine Kriminalisierung häuslicher Gewalt. In anderen Projekten geht es um die innerpalästinensische Debatte über die Einführung einer Frauenquote und ein Medien- und Kampagnentraining für weibliche Kandidaten bei den Kommunalwahlen.
Im Libanon arbeiten wir mit Projektpartnern zu den Themen "Gender und Nationalität" sowie "Gender und Handel". Zu unseren Zielen gehört die Änderung frauendiskriminierender Gesetze und die Thematisierung der zunehmenden Verarmung von Frauen durch die globalisierte Handelspolitik.
Im Iran stehen Frauen- und Umweltbewegungen in unmittelbarem Zusammenhang, denn viele Initiativen zum Schutz der Umwelt gehen von Frauen aus.
In Israel unterscheiden sich die gesellschaftlichen Verhältnisse und Lebensbedingungen von Frauen deutlich von denen in arabischen Ländern. Genderpolitisch gibt es allerdings auch hier einiges aufzuarbeiten. So analysiert z.B. eine Partnerin der Stiftung die Budgets des israelischen Staatshaushalts auf deren geschlechterspezifische Förderung. Dieses Verfahren ist international anerkannt und dient der Verdeutlichung bestehender Ungerechtigkeiten im Rahmen der Haushaltsführung.