Einführung
Konfliktbearbeitung im Nahen und Mittleren Osten
In Europa wird der Nahe und Mittlere Osten vor allem mit den Stichworten Krise und Konflikt assoziiert. Die Wahrnehmung der Region wird dabei in besonderem Maß von der Auseinandersetzung zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten geprägt. Die andere gravierende Konfrontation findet heute im Irak statt. Der Krieg hat ein grelles Schlaglicht auf die nicht erst seit dem 11. September 2001 konfliktgeladenen Beziehungen zwischen westlichen Industrienationen und der arabisch-islamischen Welt geworfen. Das gestürzte Regime Saddam Husseins war zudem nur eines von vielen autoritären Regimen in der Region, die ihrerseits erheblich zum Krisenpotential beitragen.
Grundsätze der Konfliktbewältigung
Zivile Konfliktbearbeitung zielt auf die Prävention von Gewalt. In einem Umfeld, in dem Gewalt den Alltag der Menschen prägt, wird jedoch deutlich, dass es nicht genügt, einen Konflikt kurzfristig zu entschärfen. Eine langfristige Stabilisierung muss durch legitime staatliche Strukturen gestützt werden. Konfliktträchtige Ungleichheiten müssen beseitigt und das Vertrauen der Menschen muss neu gestärkt werden.
Die oberflächliche Außenansicht, die in „dem Islam“ eine, wenn nicht die entscheidende Ursache für Gewalt und Rückständigkeit in der Region erkennt, ist bei der Bewältigung der Konflikte wenig hilfreich. Sie ignoriert nicht nur die vielfältigen Konfliktbedingungen, sondern auch das große Potenzial säkularer und demokratischer Kräfte, die sich für Frieden und Reformen in ihren Ländern einsetzen.
Krisenherde
2005 geriet mit der Krise und den Parlamentswahlen im Libanon ein Schauplatz in die Schlagzeilen, den viele schon vergessen hatten und mit dem sich plötzlich Hoffnungen auf Demokratie und Reformen verbanden. Diese Hoffnungen und alle damit verbundenen friedenspolitischen Bemühungen wurden mit dem Libanon-Krieg im Sommer 2006 vorerst zunichte gemacht. Die Spannungen zwischen der schiitisch-islamistischen Hisbollah und vielen christlichen und sunnitischen Parteien und Gruppierungen im Libanon haben seitdem wieder zugenommen.
Auch die islamistische Hamas-Bewegung hat mit dem Sieg bei den Parlamentswahlen im Januar 2006 erheblich an Einfluss gewonnen. Dieser Wahlsieg hatte nicht nur eine Verschärfung des israelisch-palästinensischen Konflikts zur Folge. Zusammen mit dem Erstarken der Hisbollah im Libanon hat er die innenpolitischen Kräfteverhältnisse vieler Staaten im Nahen und Mittleren Osten verändert und regionale Konflikte verschärft.
Der Zerfall staatlicher Strukturen ist eine weitere bedenkliche Entwicklung in der Region. Sie führt zu immer heftiger werdenden Kämpfen um staatliche Kontrolle und materielle Ressourcen. Ethnische und religiöse Konfliktlinien werden in diesen Auseinandersetzungen oft instrumentalisiert.
Die Ziele unserer Arbeit
Die Entwicklung von Mechanismen friedlicher Konfliktbearbeitung und Krisenprävention ist in einer solch unübersichtlichen politischen Lage eine echte Herausforderung. Ihre Bewältigung liegt jedoch nicht nur im Interesse der in der Region lebenden Menschen, sondern auch im politischen Interesse Europas. Mit unserer Arbeit verfolgen wir vor allem zwei Ziele:
- Förderung des innergesellschaftlichen Dialogs
Als erstes geht es uns darum, Ansätze für einen friedlichen innergesellschaftlichen Dialog zu identifizieren. Wir wollen die Kommunikation zwischen säkularen und religiösen Gruppen sowie zwischen ethnischen Minderheiten fördern. Zugleich bemühen wir uns um eine Intensivierung des politischen, religiösen und kulturellen Dialogs zwischen Europa und dem Nahen und Mittleren Osten. Die letzten Jahre haben verdeutlicht, wie dringlich eine Intensivierung der Gespräche auf all diesen Ebenen ist. - Stärkung der Zivilgesellschaft
Unser zweiter Arbeitsschwerpunkt in der Region ist die Stärkung zivilgesellschaftlicher Akteure. Die enge Zusammenarbeit mit Gruppen und Organisationen, die vor Ort präsent und aktiv sind, ermöglicht uns eine genauere Beobachtung und treffendere Analyse von Konfliktsituationen.
Aufgrund unserer begrenzten Kapazitäten müssen wir uns regional und thematisch spezialisieren. Der Erfolg unserer Arbeit ist zudem in besonderem Maße von den politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen abhängig. Gewalttätige Auseinandersetzungen unterbinden häufig Begegnungen, Gesetze verbieten oft den physischen Kontakt zwischen Konfliktparteien, demokratische oder dialogbereite Kräfte werden verfolgt und kriminalisiert. Wir müssen unsere begrenzten Spielräume deshalb nutzen, um in den Gesellschaften zumindest die Bereitschaft zum Dialog herzustellen und Praktiken ziviler Konfliktbearbeitung zu fördern.
Unsere Büros und Projekte
Unser Büro in Beirut hat es sich in seiner Programmarbeit zum Ziel gesetzt, einen Begriff von Staatsbürgerschaft zu entwickeln, der über den einzelnen Gruppeninteressen steht. Ein derartiges Konzept von Staatsbürgerschaft ist eine wichtige Grundlage für Demokratie, Stabilität und Frieden im libanesischen Staat.
In Tel Aviv behalten wir neben der Förderung des Dialogs zwischen Israelis und Palästinensern auch die Probleme von Minderheiten in Israel im Blick.
Auch in Ramallah widmen wir uns nicht nur dem palästinensisch-israelischen Dialog, sondern auch einer friedlichen Lösung der innerpalästinensischen Konflikte.
In allen Büros vermitteln wir Kontakte und berichten über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Zudem betreuen wir Delegationen und Reisegruppen, die sich vor Ort informieren möchten.