Israelische Tageszeitungen haben am 4. Februar die Liste mit den zur Wahl stehenden Parteien veröffentlicht. Demnach können Israelis zwischen 34 Parteien wählen: von Ahrayut – ein Herz und neuer Geist bis Zchuyot Hagever Bamishpaha – Die Familienrechte der Männer: Raash.
Dazwischen liegen die „großen“ Parteien. Laut Umfragen wird keine mehr als 30 Sitze in der 120 Sitze umfassenden Knesset, dem israelischen Parlament, erhalten. Ende Januar lag die von Ariel Sharon gegründete und jetzt von der derzeitigen Außenministerin Tzipi Livni angeführte Partei Kadima bei 25 Mandaten, die von Oppositionsführer Benjamin Netanyahu angeführte Likud-Partei bei 28 Mandaten, und die von Verteidigungsminister Barak angeführte Arbeitspartei bei14 Mandaten.
Während seine Partei früher vornehmlich von Israelis gewählt wurde, die aus Russland stammen, weitet sich sein Wählerpotential zunehmend aus, nicht zuletzt infolge des Gaza-Krieges. Er greift mit Vorliebe die arabischen Abgeordneten im Parlament an. Seine steigende Popularität ist nicht zuletzt den Slogans „Ohne Loyalität gibt es keine Staatsbürgerschaft“ und „Nur Lieberman versteht Arabisch“ geschuldet. Damit drückt er aus, was viele in Israel denken: Die arabischen Staatsbürger Israels sollen sich in die (zionistischen) Reihen eingliedern, bevor sie irgendwelche Forderungen stellen.
Die anderen Parteien sind ultraorthodoxe Parteien, wobei die sephardische Shas-Partei die größte Rolle spielt, zwei ultranationalistische Parteien (eine davon religiös) und die „arabischen Parteien“, die mehrheitlich von arabischen Staatsbürgern gewählt werden. Die Partei der Pensionäre, die der Überraschungssieger der letzten Wahlen war, kann sich nicht sicher sein, erneut in die Knesset einzuziehen.
Dem neuen Vorsitzenden Haim Oron war es anfangs gelungen, die Partei populärer zu machen - unter anderem erhielt er die Unterstützung einer Reihe bekannter israelischer Schriftsteller. Inzwischen sind die Umfragewerte von Meretz aber wieder geschrumpft. Dies dürfte nicht zuletzt auf den Gaza-Krieg zurückzuführen sein, den große Teile von Meretz anfangs gerechtfertigt haben, um dann relativ schnell in Opposition dazu und vor allem zu der Bodenoffensive zu gehen. In Umfragen liegt die Partei jetzt bei der Anzahl der Abgeordneten, die sie im Moment hat: magere fünf.
Aus all diesen Gründen hat sich eine alternative Partei gegründet, die unter dem Namen Green Movement - Meimad antritt. Viele derjenigen, die im Green Movement aktiv sind, bringen jahrelange Erfahrungen in Umweltorganisationen mit. Die Partei Meimad, mit der sie sich zusammengeschlossen haben, ist eine kleine religiöse Partei, die als einzige unter den religiösen Parteien nicht nationalistisch und/oder ultraorthodox ist. Ihr Abgeordneter Rabbi Melchior hatte bislang eine Fraktionsverbindung mit der Arbeitspartei. Obgleich Green Movement - Meimad laut Umfragen keine Chancen hat, rechnen sich einige Akteure doch einen Erfolg aus. Eine Begründung lautet, ihre Wählerschaft bestehe vornehmlich aus jungen Menschen, von denen viele nicht über einen Festnetzanschluss verfügten, sondern nur über Mobiltelefone. Die Umfragen jedoch würden immer über Festnetztelefone durchgeführt.
Der Gaza-Krieg überlagert den Wahlkampf. Themen, die nicht unmittelbar sicherheitsrelevant sind, haben noch weniger Chancen, aufgegriffen zu werden, als sonst bei Wahlkämpfen.
Trotz der Welle des Patriotismus infolge des Gaza-Krieges wird sich noch zeigen müssen, ob dieser etwas an der Politikverdrossenheit der israelischen Bevölkerung geändert hat. Beigetragen dazu hat die Diskussion über die fehlenden Voraussetzungen für einen Friedensprozess sowie die zahlreichen Korruptionsvorwürfe gegen Regierungsmitglieder, allen voran Ministerpräsident Olmert. Bei den letzten Parlamentswahlen war die Wahlbeteiligung so niedrig wie noch nie zuvor in der Geschichte Israels: Sie lag bei 64 Prozent. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Wahlbeteiligung diesmal noch niedriger ausfallen wird.
Der ehemalige Mitarbeiter von Ministerpräsident Barak und Verfasser der Genfer Initiative, Daniel Levy, brachte das kürzlich auf den Punkt:
„Trotz aller Versuche, sich voneinander zu unterscheiden, bieten alle wichtigen Parteien Israels eine kompakte Diät des Immergleichen an. Ob die Aufschrift ‚Fortsetzung des Annapolis Prozesses’ oder ‚Ökonomischer Frieden’ heißt, wir wissen schon, wie die unappetitlichen Resultate aussehen werden: weitere Improvisation, keine Strategie - dafür mehr Taktik, und schwierigen Entscheidungen, die getroffen werden müssen, wird ausgewichen, wo es nur geht.“
Der nächste Ministerpräsident wird aller Wahrscheinlichkeit nach Benjamin Netanyahu heißen. Doch das bedeutet nicht zwangsläufig eine Rechtskoalition, der auch Avigdor Liebermann angehören wird. Zwar hat Netanyahu ihm kürzlich einen wichtigen Kabinettsposten in Aussicht gestellt, doch in den Tagen vor der Wahl wird vielerlei erklärt. Einiges spricht dafür, dass es zu einer Koalition kommen könnte, der Likud, Kadima, Arbeitspartei und Shas angehören, nicht aber Yisrael Beteinu. Politische Initiativen hinsichtlich des israelisch-palästinensischen Konfliktes sind von einem solchen Bündnis kaum zu erwarten. Und so wird die weitere Entwicklung wesentlich von der Politik der US-amerikanischen Regierung und von Präsident Obama abhängen.
Jörn Böhme leitet das Büro Israel der Heinrich-Böll-Stiftung.