Schriften zur Demokratie, Band 3

Banlieue Europa

25. Januar 2008

Soziale Deklassierung, ethnisch-kulturelle Diskriminierung, politische Marginalisierung und räumliche Isolation verbinden sich für viele Menschen in den Großstädten Europas zu einem Leben am Rande der Gesellschaft. In Frankreich ist das räumliche Draußen so sehr mit dem sozialen Draußen verbunden, dass es immer wieder zu Unruhen von Jugendlichen in den Banlieues kommt. Großbritannien scheint bei der Gleichstellung von Immigranten weiter fortgeschritten zu sein, aber seit den „Riots“ von Bradford, Burnley und Oldham im Jahre 2001 und den Terroranschlägen und Anschlagsversuchen der letzten Jahre wurde deutlich, dass es trotz liberalen Staatsbürgerrechts noch zu wenig Gemeinsamkeit gibt. Und auch in Deutschland verbinden sich soziale Ausgrenzung, das Agieren der Polizei und ethnisch geprägte Jugendkulturen immer öfter zu explosiven Mischungen. Welche Rolle spielen Städtebau und Stadtstruktur für Integration oder Segregation von ethnischen Minderheiten? Welche Konsequenzen haben die jeweiligen Städte und Regierungen aus den Unruhen gezogen? Können wir daraus lernen, gibt es auch Beispiele dafür, was man besser nicht machen sollte?

Mit Beiträgen u. a. von Hartmut Häußermann, Engelbert Lütke-Daldrup, Samira Guerrouj, Ted Cantle und Burak Copur.

 

Schriften zur Demokratie - Band 3:
Banlieue Europa. Jugendunruhen - Stadt - Migration
Dokumentation einer Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung und dem British Council Germany am 26./27.1. 2007 in Berlin
Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung
Berlin 2007, 64 Seiten, ISBN 978-3-927760-73-8

Vorwort von Ralf Fücks

Als die Heinrich-Böll-Stiftung am 26./27.Januar 2007 zusammen mit dem Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung und dem British Council Germany die Konferenz «Banlieue Europa. Jugendunruhen – Stadt – Migration» in der Humboldt-Universität zu Berlin veranstaltete, war gerade die Diskussion verklungen, ob in Deutschland ein «Aufstand der Migranten» bevorstehe. Im Berliner Stadtteil Kreuzberg war es im November 2006 zu einem Handgemenge zwischen der Polizei und mehrheitlich türkischen Jugendlichen gekommen, in das sich im Verlauf auch Erwachsene einmischten. Die Polizei hatte einige Zwölfjährige unverhältnismäßig hart festgehalten und stieß auf eine überraschend heftige Reaktion der Bewohner des Kiezes. Zwar brannten anders als zuvor in französischen Vorstädten keine Autos, aber es roch durchaus nach Randale. Und ein Teil der Presse kam schnell zur Einschätzung, dass das Ereignis als Vorbote von «französischen Verhältnissen in Deutschland» zu lesen sei. Der gewaltsame Aufruhr von jungen Migranten schien den Nerv der Öffentlichkeit zu treffen, weil er sowohl das Zusammenleben vor Ort betraf, als auch den symbolischen Zusammenhalt der Nation in Frage zu stellen schien. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass es auch künftig emotionale Debatten geben wird, sollte es erneut zu militanten Aktionen jugendlicher Migranten kommen.

Es ist durchaus eine paradoxe Situation, dass es in Frankreich und in England immer wieder zum Aufruhr von Migranten kommt, während es in Deutschland zumindest an der Oberfläche relativ ruhig bleibt. Die Jugendlichen, die in den französischen Banlieues randalieren, sind Franzosen; die türkischen oder arabischen Migranten in Kreuzberg oder im Wedding sind dagegen ihrem Status nach zum größeren Teil «Ausländer». Man könnte also vermuten, dass das Konfliktpotenzial in Deutschland, das sich nur sehr zögerlich und widerstrebend als Einwanderungsland versteht, größer ist als in den Nachbarländern. Das Gegenteil ist bisher der Fall. Es liegt dabei nahe, die Jugendkrawalle als Zeichen des Scheiterns von Integrationspolitik zu lesen. Aber auch andere Lesarten sind möglich.

Frankreich hat ein republikanisches Verständnis von Staatsbürgerschaft. Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien werden ohne große rechtliche Hürden zu Französinnen
und Franzosen. Im Gegensatz dazu hängt die Einbürgerung von Migranten in Deutschland immer noch hinterher. Dass auch Deutschland ein Einwanderungsland ist, das ist nicht mehr zu leugnen. Aber der Übergang zur multiethnischen Republik ist weder mental noch institutionell – etwa im Bildungswesen – wirklich vollzogen. Woran liegt es, dass dennoch das Konfliktpotenzial hierzulande geringer zu sein scheint als in Frankreich? Ist die Frage der Staatsbürgerschaft weniger wichtig als der Zugang zum Arbeitsmarkt und die stadträumliche Integration von Migranten? Denn damit scheint es zum Beispiel in Berlin besser bestellt als etwa in Paris. Die städtebauliche und soziale Segregation scheint hierzulande weniger verfestigt als in Frankreich. Erklärt das die relative Ruhe in den deutschen Städten? Oder sind die Unruhen in Frankreich gerade ein Zeichen des politischen Selbstbewusstseins junger Immigranten, die damit ausdrücken, dass sie gleiche Rechte und Lebenschancen als Franzosen einfordern, also Ansprüche gegenüber Staat und Gesellschaft geltend machen, die ihre türkischen Altersgenossen in Deutschland erst gar nicht artikulieren?

Auch Großbritannien scheint bei der Gleichstellung von Immigranten weit fortgeschritten zu sein, verfügt es nicht nur über ein relativ liberales Staatsbürgerrecht, sondern auch über eine explizite Anti-Diskriminierungspolitik in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Kulturelle Verschiedenheit wird im Bildungswesen und im öffentlichen Dienst weitgehend anerkannt und positiv besetzt. Seit den «Riots» von Bradford, Burnley und Oldham lautet die Diagnose vieler Publizisten und Politiker jedoch, dass es zu viel Verschiedenheit und zu wenig Gemeinsamkeit gäbe. Die britische Gesellschaft sei zu weit auseinandergedriftet. Sind die «Riots» also Ausdruck von zu viel oder von zu wenig Toleranz gegenüber kultureller Verschiedenheit?

Wie wirken soziale Ausgrenzung, das Agieren der Polizei und ethnisch geprägte Jugendkulturen zusammen? Welche Rolle spielen Städtebau und Stadtstruktur für Integration oder Segregation von ethnischen Minderheiten? Und welche Konsequenzen haben die jeweiligen Städte und Regierungen aus den Unruhen gezogen? Können wir daraus gegenseitig lernen, gibt es auch Beispiele dafür, was man besser nicht machen sollte? So lauteten die Schlüsselfragen der Konferenz «Banlieue Europa». Die Beiträge der Tagung, die diese Schrift dokumentiert, geben Einsichten und Anstöße aus dem Vergleich der Situation von jugendlichen Migranten in Frankreich, Großbritannien und Deutschland vor dem Hintergrund ihrer sozialen und städtebaulichen Situation. Dabei wird die spezifische Integrationspolitik der drei Länder in den Vergleich einbezogen.

Die Antworten darauf sind nicht nur von wissenschaftlichem Interesse, sondern politisch brisant. Es geht um Konfliktprävention, und es geht um die Zukunft unserer Städte. Werden sie künftig zu ethno-sozialen Kampfzonen, in denen das eingewanderte Subproletariat von bewaffneter Polizei in Schach gehalten wird, während sich die weißen Oberschichten in «gated communities» verschanzen? Oder gelingt es, die ethnische und kulturelle Vielfalt der europäischen Städte produktiv zu wenden und die Immigranten zu Stadtbürgern zu machen?

Die Konferenz hat gezeigt, wie gewinnbringend ein europäischer Austausch über kommunale Integrationspolitik ist. In den Städten treten nicht nur die Konflikte im Zusammenleben verschiedener ethnischer, kultureller und sozialer Milieus am stärksten zutage; dort werden auch die meisten integrationspolitischen Innovationen erfunden. Zugleich spiegelt sich in den kommunalen Strategien immer auch die jeweilige nationale Integrationsphilosophie. Der Austausch über diese Konzepte und Erfahrungen ist Teil eines notwendigen europäischen Lernprozesses.

Berlin, im November 2007


Jugendunruhen - Stadt - Migration -
Banlieue Europa
   
Herausgeber/in Heinrich-Böll-Stiftung
Erscheinungsort Berlin
Erscheinungsdatum Januar 2008
Seiten 64
ISBN 978-3-927760-73-8
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