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Wie andere technologisch getriebene Revolutionen zuvor muss auch die Digitalisierung gestaltet werden. Die Möglichkeiten zur Gestaltung des virtuellen Raumes sind real, wir müssen sie nur ergreifen.

Digital ist nicht besser, digital ist ok. – Urheber/in: Yifei Chen / Unsplash.com. Public Domain.

Dieses Böll-Thema begann mit einer kontrovers geführten Debatte in der Stiftung, quer durch die Reihen und unter den Vorständen: Überwiegen die emanzipatorischen Potenziale der Digitalisierung, die immer tiefer und nachhaltiger in unsere Arbeit, in die Politik, die Kommunikation, die Ökonomie eingreift, oder verstärken sich die unterdrückenden, die freiheitsberaubenden und disruptiven Potenziale? Der Titel «digital is okay!» spielt an auf den 1995 erschienenen Songtitel «Digital ist besser» der Hamburger Band Tocotronic. Er wurde seither zum geflügelten Wort und zur Überschrift zahlreicher Publikationen und unzähliger Artikel zum Thema «Digitalisierung». Ob digital besser ist, ob wir die Chancen nutzen, ob sich Risiken verstärken, hängt von vielen Faktoren ab, vor allem davon, wie politisch reguliert wird – aber auch von uns und unseren täglichen kleinen Fingerbewegungen, den Klicks. 

Deshalb: «digital is okay!», mehr aber auch nicht.

Als Böll-Thema sich zuletzt Phänomenen der Digitalisierung widmete, stand die Ausgabe ganz im Zeichen einer politischen Konjunktur. 2013 scheint Lichtjahre von heute entfernt: Die Piraten hatten mit juvenilem Aplomb die Parlamente erobert und die übrigen Parteien alt aussehen lassen. Das Internet wurde als Möglichkeitsraum neuer Formen der Teilhabe und Willensbildung entdeckt, «liquid feedback» und «liquid democracy» fanden Eingang in den politischen Sprachgebrauch. Keine vier Jahre später hat sich das alles als Illusionen herausgestellt. Der politische Stern der Piraten erwies sich schnell als Schnuppe, und wenn heute «liquid feedback» gegeben wird, klingt es oft wie Hate Speech. Ein Wille bildet sich vornehmlich im Biotop der eigenen Echokammer.

2013 erregten Algorithmen die Neugier einer breiteren Öffentlichkeit als Tool, mit dessen Hilfe sich aus dem Wollen der Vielen sogar Parteiprogramme filtern ließen. 2017 wecken sie Misstrauen. Die Internetökonomie hat sich in Plattformen segmentiert, die ihrerseits ins Gigantische gewachsen sind. Mit universalem Sendungsbewusstsein, verpackt in pseudoreligiöse Botschaften, überfluten die GAFA (Google, Apple, Facebook, Amazon) mit ihren imperialen Herrschaftsgelüsten die globale Gesellschaft, jeder demokratischen Kontrolle entzogen. Nicht nur autoritäre Regime bemächtigen sich gigantischer Datensammlungen. 

Progammieren ist das neue Stricken

Dennoch: Es ist wunderbar, mit Menschen in Echtzeit Kontakt zu haben, die tausende Kilometer entfernt leben. Es ist unglaublich, wie vielen Menschen sich neue Zugänge zu Wissen eröffnen. Es ist möglich, große Mengen von Papier und Ressourcen zu sparen, die Potenziale der Digitalisierung für ökologische Transformation zu nutzen. Wir brauchen die Fähigkeiten zu Programmieren – Coden ist das neue Stricken –, und wir brauchen unsere Vernunft.

Wie andere technologisch getriebene Revolutionen zuvor muss auch die Digitalisierung gestaltet werden:politisch, ethisch, ökologisch, ökonomisch, technisch, sozial und individuell. Diese Möglichkeiten zur Gestaltung des virtuellen Raumes sind real, wir müssen sie nur ergreifen.

Ihre Ellen Ueberschär und Barbara Unmüßig

 

Lizenz dieses Artikels: CC-BY-NC-ND 3.0

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