Die Heribert Prantl des Internets

Allzeit bereit war gestern, heute ist allzeit empfangsbereit

Wenn Penelope in der Küche ihr veganes Zeugs kocht, muss sie ihr sogenanntes Smartphone temporär aus der Hand herausoperieren, was offenbar sehr schmerzhaft ist, denn sie macht das sonst nicht mal beim Schlafen. Nur in äußerster Hungersnot wird das Teil auf die Arbeitsplatte an den Wassererhitzer gelehnt und scheppert vor sich hin, während meine Tochter mit Avocado und Hafermilch hantiert. Als ich in die Küche komme, sieht man auf dem Bildschirm eine junge Frau herumgestikulieren, etwa in ihrem Alter, so neunzehn, zwanzig, oder wie alt die jetzt ist.

«Wer ist das denn», sage ich.  «Kennst du nicht», knurrt sie. «Äh, eben, deshalb frage ich.» «Das ist Schnuffi Hase.» Die kenn' ich wirklich nicht. Nie gehört. «Was macht die so?» «Schnuffi ist Influencerin. Die Heribert Prantl unserer Generation.»

Das ist echt mies an Penelope, dieser alten Streberin: Sie kennt die Namen des Ancien Denk-Regimes noch, aber sie liest das Zeug selbstverständlich nicht.

Das ist bei ihr so, wie ich es mit Goethe, Thomas Mann und Adorno halte. Schon gar nicht liest sie gedruckt. Maximal blättert sie in der taz. am Wochenende, wenn sich samstags ein Familienfrühstück wirklich nicht mehr vermeiden lässt. Das sieht dann aus, als besuche sie ein Museum.
Selbstverständlich weiß ich, dass man auf keinen Fall denken darf, dass Influencer allesamt oberflächliche Boys und Girlies sind, die Videos mit Schleichwerbung posten und damit Geld verdienen. Es gibt Influencer, «die nur eine Leinwand für andere Marken sind», sagt Penelope. Die findet sie schrecklich.
Es gibt aber auch Influencer, die sie sehr schätzt. Leo DiCaprio. Der repostet Klimawandel-Artikel aus dem Guardian. Jessica Alba. Die macht Fair-Trade-Kosmetik. Und vor allem Kim Kardashian. «Echt jetzt?», sage ich.
«Kardashian hat das weibliche Schönheitsideal in den westlichen Ländern verändert», sagt Penelope im Leitartikel-Sound. «Breite Hüfte und großer Po sind im Ansehen gestiegen. Man muss nicht mehr Size Zero sein.» Da kann Prantl nicht mithalten, das muss ich zugeben. 

Influencer könne durchaus auch ein ehrenwerter Beruf sein, sagt Penelope. Durch Hingabe und Glaubwürdigkeit werde man zur Autorität seiner Follower.

Also, irgendwie bin ich selbst ein Influencer mit großer Hingabe, allerdings nur mit begrenzter Autorität, was ich aber darauf schiebe, dass der Inhalt, den ich vertrete («sozialökologische Transformation»), nicht der heiße Scheiß ist. Oder fehlen doch die Videos im Unterhemd, in denen ich auch auf ein sogenanntes Smartphone starre? 

Jetzt ist es aber so, dass ich gar kein solches Gerät der Überwachungsfirmen NSA, KGB, BND, Apple, Google und Facebook mit mir rumschleppe, denn ich bin ja eben selbst smart und nicht bescheuert. Ich habe ein nichtinternetfähiges Nokia aus der Steinzeit. Ich verweigere dieses Totalkommunikationsgerät auch, weil der Mensch durch diese ganze Digitalisierung ja vereinsamt und die wahren Bindungen des richtigen Lebens verloren gehen.

Faktisch ist es allerdings so, dass meine über Europa verstreute Großfamilie sich mit einer Whatsapp-Gruppe täglich darüber auf dem Laufenden hält, was jeder so macht. Sie haben ihre Gruppe EEP genannt. «Everyone Except Peter». 

Und so fühle ich mich inzwischen auch, draußen. Facebook verweigere ich aus den besten Gründen. Aber dadurch bin ich nicht nur radikal von den Kollegen-Netzwerken abgeschnitten und weiß nicht, wer gegen wen schleimt. Mir fehlt auch der Zugang zum wichtigsten globalen Informations- und Diskussionsmedium: dem Facebook-Account des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer. Neulich musste ich nach Wien, um einen dortigen Kollegen zu treffen. Er nannte mir als Treff ein Beisl, oder wie das bei denen heißt. Ich googelte es zuhause, und dann schrieb ich mir auf, wo genau ich dieses Gasthaus finde. Fünf Minuten vor dem Termin kommt eine SMS: Bin nicht im Beisl X, Pressgasse, bin im Beisl Y, Fressgasse. Ja, servus.

Ich bin schon in der Pressgasse, renn' dort in den nächsten Laden, damit die mir sagen, wo die Fressgasse ist, aber beim Telefon der Trafikantin ist gerade der Akku leer und im Kopf offenbar dauerhaft. Ohne Google Maps weiß die das nicht mehr. Also komme ich zu spät, und der zehn Jahre jüngere Kollege kriegt sich nicht mehr ein. «So was Verrücktes», ruft er, «ein Chefreporter ohne Smartphone!». 

Ich dachte, ich sei Avantgarde. Aber bei dem bin ich unten durch. Professionell sowieso, da könnt' ich nicht mal mehr als Praktikant anfangen. Aber vor allem auch normativ. Das gibt mir am meisten zu denken.  

Peter Unfriedist Influencer der taz und nebenbei Chefreporter.

Lizenz dieses Artikels: CC-BY-NC-ND 3.0

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