Herausforderungen des Menschseins und der Demokratie in der digitalen Moderne

Eine zukunftsweisende Digitalpolitik muss das Internet als Lebenswelt konzeptionalisieren. 

Digitalpolitik für die MenschenUrheber/in: Pexels.com. Public Domain.

Der digitale Wandel ist ein Strukturwandel, der alle Gesellschafts- und Lebensbereiche beeinflusst. Er zeigt sich in neuen Wirtschaftsbranchen und Geschäftsmodellen, aber auch in der Art, wie Menschen miteinander kommunizieren, lernen, arbeiten und miteinander leben. Die massiven Transformationsprozesse, die sich aktuell in nahezu allen gesellschaftlichen Feldern vollziehen, verändern Strukturen in Wirtschaft, Politik, Öffentlichkeit und Familie und betreffen damit alle gesellschaftlichen Institutionen sowie den einzelnen Menschen in seinen gesamten sozialen Bezügen. Im Bereich der Wirtschaft bewirkt die Digitalisierung teils erhebliche Umwälzungsprozesse und lässt gänzlich neue Branchen entstehen. Im Bereich der Politik beeinflussen neue Optionen digitaler Partizipation und Vernetzung durch soziale Medien alle Ebenen politischen Handelns. Auch die Öffentlichkeit erfährt durch neue Zugänge im digitalen Raum einen erheblichen Strukturwandel. Wie jede Veränderung bringen auch diese neuen Technologien negative Fantasien und Vorstellungen mit sich. Zunächst waren es Ängste vor dem neuen, unbekannten Internet, nun sind es Furcht vor Datenmanipulation und Datenvermarktung oder künstlicher Intelligenz, die als potenzielles Risiko für die gesamte menschliche Spezies angesehen werden. Fraglos ist, dass sich alle Gesellschaften vielen noch ungelösten Herausforderungen gegenüber sehen, die dringend politischer Konzepte für eine digitale Zukunft bedürfen. Aus dieser Perspektive muss der Datafizierungsprozess konsequenter-weise als politischer Prozess angesehen werden.

Das Netz als digitale Lebenswelt

 Auch im Alltag der Menschen, für die sich das Digitale nicht so leicht erschließt, entstehen unausweichlich anmutende Digitalisierungsprozesse, die prägenden Einfluss auf das Leben haben. Diese reichen von der politischen Information aus digitalen Zeitungen über den Einkauf bei Amazon, von der innerfamiliären Organisation und Kommunikation über WhatsApp oder Skype bis zum Auto als rollendem Computer sowie den digitalen Haushaltshilfen wie Alexa oder Servicerobotern: Unser Alltag ist Teil eines globalen Datafizierungsprozesses. Dabei ist Datafizierung sowohl Kultur als auch Methode – einerseits definiert als die freiwillige und unfreiwillige Produktion von Datenspuren im digitalen Umfeld, andererseits als ein Mechanismus zur Identifizierung sozialer Muster, welche Voraussagen über menschliches Handeln in der Zukunft ermöglichen. Diese Form der auch als «datasurveilleance» oder «life mining» bezeichneten Kontrolle des datenbasierten Digitallebens wird inzwischen vielfach problematisiert.

Auf der alltäglichen Handlungsebene dagegen hat sich, so scheint es zumindest, die große Menge der Nutzer/innen damit abgefunden, auf diese Weise für die zur Verfügung gestellte digitale Infrastruktur zu bezahlen. Die Tatsache allerdings, dass den wenigsten Menschen diese Form der neuen Währung bewusst sein dürfte, führt dazu, dass bedenkenlos immer mehr soziale Aktivitäten ins Internet und vor allem in die Sozialen Medien verlagert werden. Damit wird das Netz nicht mehr als eigener und vom Nichtdigitalen unterscheidbarer Raum definiert, sondern mehr und mehr im umfassenden Sinne zu einer digitalen Lebenswelt. 

Digitale Moderne als Dystopie 

Betrachtet man die Perspektivierungen auf diese digitale Lebenswelt, die aktuell den Diskursrahmen bestimmen, so lässt sich eine deutliche Dominanz der Kritik am Digitalen konstatieren (aktuelle Übersicht bei Lovink 2017). Kritisiert werden die Techniken, ihre Gefahren für Gesellschaft, Familie und Arbeit, und betont wird der Opferstatus des völlig ausgelieferten, ausspionierten und manipulierten Einzelnen. Es scheint vielfach Einigkeit zu herrschen, dass Dystopie, Disruption und Desillusionierung als zentrale Themen zu benennen sind. Besonders bedrohlich erscheinen Algorithmen, die inzwischen zur Metapher für unbekannte Mächte geworden sind. Der Buchtitel von Cathy O'Neil (2016) zu Algorithmen als «Weapons of MathDestruction», ein Wortspiel, das Mathematik mit Massenvernichtungswaffen gleichsetzt, ist nur ein Beispiel für dieses Bedrohungsszenario. Das Netz scheint hier inzwischen mit einem Bedrohungspotenzial ausgestattet, das dem der analogen Welt in nichts nachsteht. 

Entsprechend wird in der aktuellen Entwicklung der digitalisierten Gesellschaft vor allem eine Form der digitalen Moderne entwickelt, die mehr und mehr die Gegenwelt zur Hoffnung auf Demokratisierung, zu Wohlstand und Partizipation ist: Man warnt vor der unkontrollierten Sammlung und Speicherung von personenbezogenen Daten, Manipulation durch mächtige, aber undurchsichtige Internetkonzerne oder Staats-Agenturen, erkennt umfassende Überwachung, Zensur und Gängelung, Schwerstkriminalität, Einflussnahme durch künstliche Intelligenzen und die Okkupation des Netzes durch Geheimdienste oder Großkonzerne. Dabei wird diese Perspektive dadurch verschärft, dass die Welt in diesem digitalen Kosmos gefangen erscheint. Die digitale Übermacht, deren kulturpessimistische Überhöhungen den Unterton vieler Debattenbeiträge ausmachen, bildet die Grundlage der meisten Überlegungen zur «digitalen Moderne». Fragt man nach den Gründen für diese Form der Auslegungen, so kann die Technikskepsis, die Menschen seit jeher befällt, wenn sie großer Umwälzungen gewahr werden, als eine, wenn auch nicht  hinreichende, Erklärung dienen. 

Digitalpolitik der Zukunft

 Die skizzierten Ängste und die dominant dystopischen Gesellschaftsmodelle stellen eine massive Herausforderung für eine zukunftsweisende Digitalpolitik dar, die nicht nur den Ausbau der technischen Infrastruktur in den Blick nimmt, sondern das Internet als Lebenswelt konzeptionalisieren muss. Regulierungsversuche wie z.B. das Netzwerkdurchsetzungsgesetz verdeutlichen eine eher hilflose Haltung gegenüber den vielschichtigen Herausforderungen der digitalen Zukunft. Die Frage, wie eine grundlegende Digitalpolitik aussehen kann, die das Digitale nicht als Spielwiese von Nerds ansieht, sondern als Herausforderung für «Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz» (Tegmark 2017) und als konkrete Prüfung der Demokratie unter digitalen Bedingungen (Thimm 2017), dürfte dabei eines der großen politischen Themen der nächsten Jahrzehnte sein. 

Aber nicht nur die Politik, auch die Wissenschaft muss umdenken. Fragen wie solche nach der veränderten Alltagswelt oder nach den ethischen Rahmenbedingungen autonomer Technologien (Thimm & Bächle 2017) implizieren eine gleichermaßen soziale wie technische Perspektive. Sieht man diese Veränderungsprozesse aber eben nicht nur als Elemente der Technisierung von Gesellschaft an, sondern bettet sie in ein weitergehendes Verständnis der Mediatisierung von Gesellschaft als Metaprozess sozialen Wandels ein, zeigt sich, dass hier traditionelle Wissenschaftsgrenzen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften in Frage gestellt werden müssen. Konkret erscheint gerade die sich neue formierende Ausbildung einer «Medien- und Informationsethik», die technische und gesellschaftliche Phänomene gemeinsam ins Blickfeld nimmt, dazu geeignet, sich dieser wichtigen Thematik anzunehmen. 

Literatur
– Lovink, Geert (2017): Im Bann der Plattformen.Die nächste Runde der Netzkritik. Berlin: Transkript Verlag.
– O’Neil, Cathy (2016): How big data increases inequality and threatens democracy. New York: Penguin.
– Tegmark, Mark (2017): Leben 3.0: Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz. Berlin: Ullstein Verlag.
– Thimm, Caja (2017): Soziale Netzwerke als Arena politischer Partizipation: Neue Optionen für Demokratie oder aber Datafication, Fragmentierung oder Radikalisierung? In: Zeitschrift für Medien- und Kommunikationsforschung, Jg. 41, H. 2, S. 76 – 89.
– Thimm, Caja /Bächle, Thomas (2017): Autonomie der Technologie und autonome Systeme als ethische Herausforderung. In: Rath, Matthias/Krotz, Friedrich/Karmasin, Matthias (Hrsg.): Maschinenethik – Normative Grenzen autonomer Systeme. Wiesbaden: Springer.
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