Smartphone mit Social-Media-AppsUrheber/in: Tracy Le Blanc / Pexels. Public Domain.

Social Media zu sozialen Medien machen

Ein anderes Internet, dessen Angebote und Anwendungen nicht den Fokus auf die kommerzielle Ausbeutung von Daten legen, ist möglich. Ein Plädoyer für eine Ethik der Digitalisierung.

Gut zehn Jahre haben wir nun Smartphones in unseren Taschen. Ungefähr ebenso lange tummeln wir uns im sozialen Online-Netzwerk Facebook. Vor fünf Jahren fing der Messaging-Dienst WhatsApp an, uns auf Schritt und Tritt zu begleiten. Jedenfalls sehr viele von uns. Und das hat Auswirkungen, die man ganz nüchtern im Alltag beobachten kann. «Telefonieren, das macht man ja nicht mehr», sagte neulich eine gute Freundin und Nachbarin, nachdem wir unsere Kinder gemeinsam zur Schule begleitet hatten. Klar war: Wir würden «appen», um untereinander zu vereinbaren, wer die Kinder abholt.

Das ist irgendwie «moderner» und auf jeden Fall bequemer als zu telefonieren. Und schön, wenn man zu Freunden und Verwandten Kontakt halten möchte, die weit weg leben. Wir tragen die Welt in unseren Taschen mit uns herum. Das macht uns unabhängig von Ort und Zeit. Im Extremfall löst es uns aber auch vom manchmal etwas unbequemen, direkten Umgang mit Mitmenschen von Angesicht zu Angesicht. So wie ich Familien kenne, in denen alle fast nur noch miteinander appen – und das auch, wenn sie sich gemeinsam in derselben Wohnung befinden. Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram und WhatsApp – drei Fallbeispiele mehr oder weniger zufällig von derselben Firma – sind angetreten, um unser Leben zu verbessern: leichter zu machen, schöner zu machen, bequemer zu machen. Um uns zu vernetzen, immer und überall.

Das ist ihr Versprechen und ihr Geschäftsmodell. Wir haben zudem das Gefühl, dies sei kostenlos. Gern verbringen wir am hübsch angerichteten Buffet der digitalen Angebote einen guten Teil unserer verfügbaren Zeit: zum Kaufen, Chatten, Flirten oder um Ferienwohnungen anzumieten. Und verlieren unsere Kontakte dabei oft – im wahrsten Sinn des Wortes – »aus den Augen». Wer uns allerdings nicht aus dem Sichtfeld verliert, sind die Plattform-Anbieter. Die Daten, die wir erwünschtermaßen permanent produzieren, werden von ihnen gespeichert (wer weiß schon, wo und wie lange) und verwertet (im Kern für den Absatz von an uns adressierter Werbung).

«Big Data» als ökonomisierte Blaupause unserer Welt

Es entstehen gigantische Datensammlungen, «Big Data», mit denen interessierte Stellen auch über die Social-Media-Firmen hinaus unser Tun und Handeln, unsere Vorlieben, Stimmungen, Meinungen und Aufenthaltsorte nachverfolgen können. Seit den mutigen Enthüllungen von Edward Snowden über die Abhörprogramme diverser Geheimdienste wissen wir das in großem Detailreichtum. Die Privatheit unseres Selbst wird zunehmend ausgehöhlt. Die meisten von uns nehmen dies relativ kritiklos hin. «Ich habe ja nichts zu verbergen», heißt es meist lapidar. Da könnte man jederzeit widersprechen (jeder hat etwas zu verbergen, und das ist gut so), aber schon die Haltung eines solchen Widerspruchs scheint unmodern zu sein und ist für die meisten jungen Leute kaum noch denkbar.

Um durch die Welt des digitalen Umbruchs navigieren zu können, brauchen wir Wertorientierungen.

Die Welt im Netz, sie ist nicht nur der Mikrokosmos für unser alltägliches Handeln und die ökonomisierte Blaupause für unsere Austauschbeziehungen, sondern sie prägt längst auch auf der politischen und kulturellen «Makroebene» unsere Vorstellungen, wie die Welt beschaffen ist. Um durch diese Welt des digitalen Umbruchs navigieren zu können, brauchen wir Wertorientierungen – man kann das etwas zeitgemäßer auch als Haltung bezeichnen. Ein Ansatz zum Nachdenken über unsere Haltungen und Handlungen im Online-Alltag stellt die digitale Ethik dar. Sie will die zahlreichen Positionen, die Denker vergangener Zeiten zum guten oder gelingenden Leben entwickelt haben, in die Gegenwart des Internets überführen.

Die digitale Ethik will den Menschen nichts vorschreiben, versteht sich also nicht als präskriptiv. Sie will vielmehr Menschen in den Stand versetzen, ihr individuelles Handeln (und auch ihr Unterlassen) zu hinterfragen, inwieweit es zu ihrem eigenen Glück und – dies ist stets mitzudenken – zum «Erblühen» der Gesellschaft insgesamt beiträgt. Spätestens hier wird es kompliziert und geht über Netiquette-Regeln und Online-Knigge weit hinaus. Es ist nicht bloß zu fragen, unter welchen Bedingungen dieses Leben und diese Gesellschaft gut werden können, sondern auch um die viel grundsätzlichere Frage, was für ein Leben man führen möchte, in was für einer Gesellschaft man leben möchte. Pointiert formuliert: Was für Menschen wollen wir sein?

Digitale Ethik als kritisches Analysewerkzeug

In der Digitalität werfen Fragen dieser Art schnell neue Fragen auf. Um was geht es wirklich? Wie gut ist unser Leben, wenn wir Social Media recht weitgehend als Distanzierungstechnologie einsetzen, weil uns echte Menschen aus Fleisch und Blut, die manchmal schwierig und in ihrem individuellen Verhalten schwer einzuschätzen sind, zu anstrengend werden? Digitale Anwendungen bieten eine Lösung für dieses Dilemma an – und schaffen zugleich neue Probleme. Wir haben Angst vor dem Alleinsein und halten uns doch die meisten Kontakte, unsere «Freunde», bevorzugt auf Abstand.

Zugleich wollen wir davon mehr und mehr haben, weil uns die verfügbare Anzahl an Kontakten aufwertet. Wir sind, mit wem wir uns vernetzen, wen und wie viele wir kennen. Was aber bedeutet es für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, unsere Vorstellung von Sozialität, wenn unsere Vernetzung, unsere «sozialen Netzwerke» in traditioneller Bedeutung, von kalifornischen Datenfirmen als Geschäftsmodell ausgebeutet wird? Es scheint uns schon die bloße Performanz oder Simulation von Gesellschaft in der Onlinewelt auszureichen als Beleg für das Vorhandensein von Gesellschaft. Wir geben uns gewissermaßen mit dem Ersatz zufrieden.

Die progressive Idee einer bürgerlichen Gesellschaft, die sich an ergebnisoffenen und öffentlichen Diskursen orientiert, sie war immer schon mehr ein herbeigesehntes Ideal denn ein realer Zustand. Doch sie wird im seltsam öffentlich-privaten Webspace der Social-Media-Plattformen großenteils entleert. In den Social Media geht es im Kern darum, dass die Nutzer möglichst viel interagieren, denn mehr Interaktion bedeutet mehr verwertbare Daten, und das bedeutet größere Absatzmöglichkeit für Werbung. Dabei war die Verheißung des Internets ursprünglich eine ganz andere: mehr Diskussionsmöglichkeiten! Größere Vielfalt der Stimmen! Mehr Kommunikation und Partizipation! Für jeden! Was ist davon übrig geblieben?

Ein anderes Internet ist möglich

Ich glaube nicht, dass die Idee des Internets falsch ist. Auch Facebook & Co. sind im Prinzip eine hervorragende Idee. Das Internet als Modernisierungs- und Vernetzungstechnologie kann unseren Alltag bereichern und neue kreative und produktive Kräfte freisetzen – was teils ja auch bereits zu beobachten ist. Aber wir haben noch nicht das Internet oder die Social Media, die wir verdient haben. Die besonders populären Anwendungen des Internets sind in der Hand weniger großer Datenfirmen. Sie kontrollieren (jede für sich) zentralistisch die Daten, die ihre Kundinnen und Kunden sehr freigiebig bereitstellen.

Die Utopie eines selbstbestimmten Umgangs mit dem eigenen Online-Leben ist der Realität eines sehr weitgehenden «people-farming» gewichen, einer systematischen Bewirtschaftung menschlicher Daten. Wir nehmen das bisher recht kritiklos hin, weil uns das Netz als Umgebung und Habitat bereits völlig normal und natürlich erscheint. Wir müssen aber Haltungen einnehmen, die uns nicht vergessen machen lassen, dass ein «anderes Internet» denkbar und wünschbar sein könnte.

Etwa eines, dessen Angebote und Anwendungen nicht den Fokus auf die kommerzielle Ausbeutung von Daten und damit die Grundlage für eine sehr detailreiche Protokollierung unseres Lebens legen, sondern eines, das etwa Vernetzung und Kommunikation ermöglicht, ohne Überwachungsagentur zu sein. Die Social Media müssen zu – im wahrsten Sinne des Wortes – sozialen Medien einer freien, diskursiven Öffentlichkeit werden, die nicht bloß unter den Vorgaben und Bedingungen mächtiger Datenmonopolisten kommuniziert, noch dazu auf deren digitalem Privatgelände.

Voraussetzung ist aber, dass sich mehr Menschen als bisher des gegenwärtigen Status quo des Internets bewusst werden und ihre weit verbreitete «Alles egal»-Haltung aufgeben – wie auch die Vorstellung, dass die Nutzung von Social Media kostenlos sei. Das ist sie eben nicht: Wir zahlen mit unseren Daten, und das hat seinen Preis. Besser wäre es, wir würden diesen Preis mit offenem Visier direkt entrichten, etwa im Rahmen einer öffentlichen Stiftung. Das Internet ist noch vergleichsweise jung – man könnte sagen: noch in der Experimentierphase. Wir können jetzt noch entscheiden, was uns für das digitale Leben wirklich wichtig ist, damit es ein «gutes Leben» in einer demokratischen Gesellschaft wird. Wir haben in Deutschland die besten Voraussetzungen dafür.

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