Für einen solidarischen Feminismus

Ob die Zukunft gut wird, hängt auch davon ab, ob die Gesellschaft die Teilhabe aller Menschen ermöglicht.

Vor ein paar Monaten bin ich zum ersten Mal Mutter geworden. Kinder, die heute in Deutschland geboren werden wie meine Tochter, haben eine statistische Lebenserwartung von über 80 Jahren.

Daran muss ich oft denken, wenn wir Grüne über das neue Grundsatzprogramm diskutieren, mit dem wir ja Antworten für die nächsten Jahrzehnte geben wollen. Das, was Politik heute entscheidet, wird Auswirkungen auf ihr Leben haben, das noch sehr lange dauern wird. Das gilt für die Klimakrise genauso wie für die Digitalisierung und die zukünftige internationale Ordnung.

Und ganz stark betrifft das eben auch die Frage, wie ernst wir es mit dem Feminismus meinen. Ich bin auch deshalb bei den Grünen, damit Frauen endlich die gleichen Rechte und Chancen haben wie Männer. Damit niemand wegen Hautfarbe, Herkunft oder geschlechtlicher oder sexueller Orientierung ausgeschlossen werden kann. Ob die Zukunft gut wird, entscheidet sich auch daran, ob die Gesellschaft der Zukunft eine gleichberechtigte Gesellschaft ist, die die Teilhabe aller Menschen ermöglicht.

Der Weg, den wir als Gesellschaft in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gegangen sind, ist der Weg der Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Wir haben bei der rechtlichen Gleichstellung viel erreicht. Vergewaltigung in der Ehe ist strafbar, Frauen dürfen ohne Erlaubnis ihres Ehemanns arbeiten, und das Sexualstrafrecht wurde im vergangenen Jahr reformiert. Trotzdem sind Frauen immer noch ökonomisch schlechter dran als Männer. Und es gibt nach wie vor viele Dinge, die wir nicht einfach durch Gesetze abschaffen können: Sexismus, einschränkende Rollenbilder, subtile und offene Ausgrenzung von Menschen, die nicht in normative Vorstellungen passen. Dagegen kämpfen wir heute wie vor vielen Jahren.

Wir befinden uns jetzt an einem Wendepunkt: Gehen wir weiter den Weg der Gleichberechtigung? Oder machen wir wieder einen Schritt rückwärts?

Denn wir erleben gerade, wie ein Kulturkampf von rechts ausgerufen wird. Von Männern und auch von Frauen, die diesen Weg zurück wählen wollen. Schon heute können Mädchen und Frauen ja nicht selbst über ihre Körper bestimmen. Und das sollen sie, wenn diese Kräfte sich durchsetzen, in Zukunft noch weniger tun können.

Ob in Politik, Medien oder Wirtschaft: Überall gibt es diese Boygroups, die Stimmung machen gegen Frauenrechte. Und auch die AfD hat ein Frauenbild von vorvorgestern. Zwar versucht sie ab und an zu proklamieren, sie stünde ein für Frauenrechte, doch das entpuppt sich schnell als rassistische Stimmungsmache.

In anderen (europäischen) Ländern sehen wir, wohin das alles führen kann. In Russland wurde Gewalt in der Ehe gerade entkriminalisiert. In Polen will die rechte Regierung das ohnehin schon restriktive Abtreibungsrecht noch weiter verschärfen. Dies hätte zur Folge, dass Schwangerschaftsabbrüche legal kaum noch möglich wären.

All diese rechten Politiker*innen und Bewegungen eint, dass sie Frauen das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen, abstreiten. Sie wollen entscheiden, was Frauen tragen sollen und was nicht. Sie tun nichts dafür, dass Frauen besser bezahlt werden. Auch nicht, dass Frauen besser vor häuslicher Gewalt geschützt werden. Sie wollen die geschlechtliche Vielfalt weiter ignorieren und zurückdrängen. Und sie wollen verhindern, dass Frauen ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch haben.

Ich will nicht in diese Richtung. Ich will in die andere Richtung.

Ich will, dass alle Mädchen, die heute geboren werden, frei entscheiden können, ob sie Kinder wollen oder nicht. Dass sie selbst bestimmen können, wie sie sich geschlechtlich orientieren wollen. Dass sie als Kita-Erzieher*innen oder Pflegekräfte einmal nicht mehr dafür kämpfen müssen, dass ihr Lohn den Wert spiegelt, den der Beruf für unsere Gesellschaft hat. Ich möchte, dass sie in der Öffentlichkeit nicht diskriminiert und angegriffen werden, weil sie ein Kopftuch oder Minirock tragen. Ich möchte, dass Mädchen, die heute geboren werden, ohne Gewalt aufwachsen. Dass sie keine Angst haben müssen, wenn sie nachts allein unterwegs sind oder wenn sie nach Hause zu ihrem Partner kommen. Dass es selbstverständlich für sie ist, dass ihr Körper ihnen gehört.

Es kommt jetzt darauf an, dass wir nicht zurückgehen und nicht stehenbleiben, sondern weiter den Weg des Feminismus gehen. Damit Mädchen, die heute geboren werden, in Zukunft frei und selbstbestimmt leben können. Und zwar unabhängig davon, welchen Glauben, welche Herkunft oder welche Hautfarbe sie haben. Denn unser Feminismus ist intersektional und solidarisch. Wir Grüne wollen in diese Zukunft, denn wir sind die Partei des Feminismus. 

Lizenz dieses Artikels: CC-BY-NC-ND 4.0

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Inge Kleine

Gesine Agena gehört zu denen, die nach wie vor eine völlig unkritische und bejubelnde Haltung zu Prostitution einnehmen. 24/7 die Garantie sexueller Benutzung von Frauen als förderungs- und schützenswertes Männerrecht, und ein paar Ablenkungsmanöver mit gespielter Empörung zu "Zwang" und Menschenhandel, der dann doch wieder klein geredet wird. Zu Leihmutterschaft traue ich mich gar nicht erst zu fragen.
Die Grünen sind gut und wichtig zum Thema Umwelt und gegen Rechts, da sind sie vermutlich die einzige Chance, bei Frauenrechten ist es wirklich an der Zeit, dass klar wird, dass ein paar Parolen und wohlfeile Phrasen zu Wahlkampfzeiten, etwas Deko für's Gedöns, nicht genügt. Offiziell gegen "Gewalt", ohne sie zu definieren, sind schließlich so irgendwie alle, und besser als die AfD oder CSU reicht mir nicht aus.