Wer oder was ist dieses Ostdeutschland eigentlich?

Die Bundestagsabgeordnete Claudia Müller sieht vor allem Erfolgsgeschichten, die sich fortschreiben lassen. Wenn es einen Willen zur Gestaltung gibt.

Ostdeutschland. Foto von drei Menschen im Gras
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Der Begriff «Ostdeutschland» steht für mich für die gelungene Friedliche Revolution, ein in der deutschen Geschichte einmaliger Vorgang. Gleichzeitig für einen international hoch geachteten Prozess, der durch die Mehrheit der Ostdeutschen selbstbestimmt und engagiert erreicht wurde. 29 Jahre nach dieser Friedlichen Revolution redet niemand mehr von einer Teilung Deutschlands, aber auch nicht von einer abgeschlossenen Vereinigung. Der Begriff Ostdeutschland, für einige steht er heute mehr für Frustration als für Euphorie.

Doch mit der Begrifflichkeit fängt es schon an: Es gibt nicht das eine Ostdeutschland. Die Menschen dort sind Thüringerinnen, Sachsen, Uckermärkerinnen oder Mecklenburger. Schon aus historischen Gründen unterscheiden sich etwa Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt kulturell, wirtschaftlich und auch sozialgesellschaftlich sehr von Sachsen und Thüringen. Dann ist da der Stadtstaat Berlin, der sowohl Ost als auch West ist.

Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg haben einige der schönsten Natur- und Seenlandschaften und sind für viele Menschen der Inbegriff von Weite und sauberer Luft. Die Radwanderwege, entlang derer es Gutshäuser und Schlösser zu entdecken gilt, sind ein Traum. Zusammen mit dem Wandereldorado Sachsen-Anhalt, dem Bundesland mit den meisten Unesco-Kulturdenkmälern, ist der Norden Ostdeutschlands Natur- und Urlaubsparadies für ganz Deutschland.

Die Lebensqualität hier ist hoch.

Kultur und Mentalität sind durch die Hanse geprägt, und es ist eine große Nähe zu Skandinavien und Schleswig-Holstein spürbar. Die großen Dichter und Denker von Weimar und das Erbe der Dresdner Residenz sind Zeugnisse deutscher Kultur. Die Freistaaten Thüringen und Sachsen haben ihre philosophischen Wurzeln in der Aufklärung und der Weimarer Republik. Beide Bundesländer hatten in der Vergangenheit stets eine starke politische und kulturelle Bedeutung, eingeschlossen Leipzigs Vorreiterrolle in der Friedlichen Revolution von 1989.

Doch natürlich wird auch diese Kategorisierung in Nord und Süd der Vielfalt der ostdeutschen Land- und Zivilgesellschaften nicht gerecht. So weist auch die wirtschaftliche Entwicklung in den ostdeutschen Regionen viele Unterschiede und Eigenheiten auf.

Im Norden gab es – bedingt durch Gutsherrschaft, fruchtbare Böden in der Börde und im Havelland, die vielen Seen und die Küste – immer schon viel Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei, die zu allen Zeiten wichtig war, um die Bevölkerung zu versorgen. Produzierendes und verarbeitendes Gewerbe, Chemiestandorte und Bergbau entstanden eher in den südlichen Regionen Ostdeutschlands. Die wirtschaftliche Transformation der schnellen Wirtschafts- und Währungsunion mit allen ihren Risiken traf daher die Wirtschaftsbetriebe im Süden besonders hart, aber ebenso die Landwirtschaft im Norden.

Teile Sachsens und Thüringens haben sich gut erholt und wirtschaftlich beachtlich entwickelt. Leipzig und Jena sind heute boomende Regionen und vergleichbar mit prosperierenden Gebieten im Nordwesten Deutschlands. Sobald sich aber in den neuen Bundesländern negative Dinge ereignen, wie etwa in Chemnitz oder Köthen, muss «Ostdeutschland an sich» als Erklärungsmuster herhalten. Das mag helfen, den Blick auf die Defizite im gesamten Bundesgebiet zu vermeiden, verhindert aber gleichzeitig eine differenzierte Perspektive. So wurde in den vergangenen Monaten die Sicht auf die neuen Bundesländer mit Pegida, Chemnitz und Köthen auf eine Art und Weise verengt, die den Blick auf die Erfolge und Leistungen der Menschen in Ostdeutschland völlig verstellt.

Gut ausgebildete Fachkräfte lassen sich dort nieder, wo sie und ihre Familien eine Zukunft haben.

Landflucht, Schrumpfungsprozesse und Überalterung – all diese Prozesse liefen im Ostdeutschland der Nachwendezeit in enormer Geschwindigkeit ab, während sie in anderen Gegenden Deutschlands und auch Europas erst jetzt in einem Zeitraum von Dekaden stattfinden. Das bedeutet, dass der Osten heute auch Indikator für gesellschaftlichen Wandel ist: Hier können wir die Herausforderungen, aber auch den Erfolg von Lösungsansätzen für einen sozial gerechten und ökologisch-wirtschaftlichen Umbau der Gesellschaft in den kommenden Jahren schon jetzt sehen.

Die Überalterung wurde vor allem in Gebieten mit geringer Siedlungsdichte durch die große Abwanderungswelle vorrangig junger, gut ausgebildeter Frauen langfristig verstärkt. Das traf insbesondere den Nordosten. So ist die Alterungsrate in Mecklenburg-Vorpommern um ein Vielfaches höher als in vergleichbaren Regionen in Westdeutschland. Daher ist gerade dort die Fachkräfte- und Nachfolgesicherung für Unternehmen das entscheidende Erfolgskriterium für den Erhalt der wirtschaftlichen Stabilität.

In den meist ländlich geprägten Regionen des Ostens, wo hauptsächlich Kleinst- und Kleinunternehmen die Wirtschaft dominieren, müssen wir unser Augenmerk auf die vorhandenen Stärken richten und diese konsolidieren und ausbauen. So könnte eine Chance darin liegen, Hochtechnologiestandorte gezielt an traditionelle, meist arbeitsintensive Wirtschafts- und Dienstleistungsgewerbe in der Gegend anzudocken. Ein Beispiel dafür ist die arbeitsintensive Gesundheitsbranche: Kombiniert mit innovativer Medizin- und Orthopädietechnik können in einer Region auch Arbeitsangebote für hochqualifizierte Fachkräfte entstehen – und eine verbesserte Versorgung der Patienten hilft der Branche, sich weiter zu entwickeln.

Blicken wir auf die Kreativwirtschaft: Kreative bringen sich meist aktiv in ansässige Einrichtungen ein und helfen so, die vorhandene Kultur- und Bildungslandschaft weiter auszubauen und zu gestalten. Die grundlegende Voraussetzung dafür ist aber ein adäquater Breitbandausbau, der zügig umgesetzt werden muss. Auch eine auf neue Anforderungen reagierende Hoch- und Fachschullandschaft, die hochqualifiziertes Personal ausbildet und bei Innovationsvorhaben als Partner zur Seite steht, ist für die Entwicklung in der Breite des gesamten Ostens notwendig.

Die Unternehmen sind oft der Anker vor Ort und übernehmen auch soziale Verantwortung. 

Es gilt, angemessene Mindeststandards in Bildung und Kinderbetreuung, Kultur, Gesundheit und dem öffentlichen Nahverkehr zu etablieren und langfristig zu sichern. Gut ausgebildete Fachkräfte lassen sich an solchen Orten nieder, die ihnen und ihren Familien die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln. Und Unternehmen, die solche Fachkräfte einstellen, bauen Brücken in die Regionen – denn in den Unternehmen ist nicht die Herkunft, sondern die Arbeitsleistung entscheidend. Diese Aufgeschlossenheit und eine Affinität der Wirtschaft zu Fortschritt und Entwicklung sind ein wertvolles Potenzial bei der Gestaltung von Gesellschaft: So wird Vielfalt ermöglicht. Die Unternehmen sind oft der Anker vor Ort und übernehmen auch soziale Verantwortung. Sei es im Fußballclub, bei der Freiwilligen Feuerwehr oder auch bei der Ausbildung von Einwanderern.

Ein Blick zu unseren europäischen Nachbarn zeigt, dass auch dort in ländlichen Regionen ähnliche Probleme zu bewältigen sind. Das Ziel, Regional- und Städtepartnerschaften weiter zu stärken und zu fördern, könnte daher wichtige Impulse geben.

Und ja, es gibt sie, die ostdeutschen Erfolgsgeschichten: Beispielsweise HNP-Mikrosysteme in Schwerin, gegründet in der Nachwendezeit von zwei Ingenieuren des Fraunhofer-Instituts in Stuttgart, stellt mit heute 75 Beschäftigten Präzisionspumpen her, die in der ganzen Welt Absatz finden. Das expandierende Unternehmen ist regional sehr gut verankert und vernetzt, insbesondere mit der Wismarer Hochschule. Dann sind da die Eigentümer von Jackle & Heidi, die mit ihrer Bioeisproduktion von Neubrandenburg aus ganz Mecklenburg-Vorpommern beliefern – und dafür Berlin verließen.

Beispiele wie diese gibt es in allen ostdeutschen Bundesländern – und sie machen berechtigte Hoffnung.

Wir müssen die Vielfalt und Veränderung jetzt gestalten.

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