Die Lausitz – letzte Kohlebastion in Deutschland

Eine Kommission der Bundesregierung plant den endgültigen Ausstieg aus der Braunkohleförderung in der Lausitz. Was sagen die Menschen, die dort leben? Die einen fürchten um ihre Arbeitsplätze, die anderen um die Umwelt, viele um beides: Zwei Lausitzer, Christian Huschga und Wolfgang Rupieper, erzählen, wie sie sich die Zukunft der Region vorstellen.

Lausitz: Erneuerbare Energien in Deutschland

Erneuerbare Energien in Deutschland

Die östlichen Bundesländer gehören zu den führenden Erzeugern erneuerbarer Energien. Laut einer Vergleichsstudie der Agentur für Erneuerbare Energien belegt Mecklenburg-Vorpommern im Bundesländer-Vergleich nur knapp hinter Baden-Württemberg den zweiten Platz, was die Förderung und Nutzung erneuerbarer Energien angeht. In Bezug auf den politischen Einsatz für den Wandel belegt das Bundesland sogar den Spitzenplatz.

Insbesondere in den neuen Bundesländern sorgt der Ausbau der grünen Energieträger auch für positive Veränderungen am Arbeitsmarkt: In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg ist der Anteil der «grünen» Jobs in den Erneuerbaren an der Gesamtbeschäftigung im Ländervergleich am höchsten.

Seit dem Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000 ist der Strom im gesamten Land immer «grüner» geworden. Zum Startzeitpunkt des Gesetzes lag der Anteil an der Stromerzeugung bei sechs Prozent. Im vergangenen Jahr lag er bereits bei 36 Prozent – erneuerbare Energien stehen damit vor der Braunkohle (22,5 Prozent) und der Kernenergie (rund 12 Prozent) auf dem ersten Platz. Ziel ist es, den Anteil von Strom aus Windkraft, Solaranlagen und Biomasse bis zum Jahr 2025 auf 40 bis 45 Prozent zu steigern. Im Jahr 2035 soll durch «grüne» Energien dann bereits weit mehr als die Hälfte der Stromerzeugung in Deutschland gedeckt werden.

Seit seinem Inkrafttreten hat es bereits mehrere Erneuerungen und Erweiterungen des EEG gegeben – zuletzt 2017, als beschlossen wurde, dass Strompreise aus den Erneuerbaren nicht mehr staatlich festgelegt, sondern durch Ausschreibungen auf dem Markt ermittelt werden sollen.

 

Das Klima kann nicht warten!

Christian Huschga wohnt in Atterwasch, einem Lausitzer Dorf, das einem Tagebau weichen sollte. Gemeinsam mit anderen Anwohnern organisierte er den Protest gegen die Abbaggerung. Obwohl diese mittlerweile vom Tisch ist, setzt sich der 48-jährige Kinderbuchautor weiter für ein baldiges Ende des Braunkohleabbaus in der Region ein.

Als ich im September 2007 mit meiner Frau aus dem Urlaub wiederkam, hieß es plötzlich: Atterwasch, unser Dorf, wird abgebaggert. Vattenfall hatte einen Brief geschrieben: «Wir beanspruchen Ihr Dorf für den Braunkohletagebau Jänschwalde-Nord.»

Ein paar von uns haben sich dann entschlossen, etwas dagegen zu tun. Wir haben einen Arbeitskreis organisiert, uns vernetzt mit anderen Kohlegegnern in der Region. Heute kenne ich Menschen, die hätte ich ohne die Kohle nie kennengelernt. Es schweißt zusammen, gemeinsam für das Klima und die Umwelt zu kämpfen.

2017 wurde verkündet, dass Jänschwalde-Nord nicht mehr als Tagebau erschlossen werden soll. Da haben in Atterwasch und den anderen betroffenen Dörfern die Sektkorken geknallt. Ich glaube, die Finanzkrise hat unsere Dörfer gerettet. Denn als die Leute nicht mehr wussten, wo sie ihr Geld anlegen sollten, war das Erneuerbare - Energien-Gesetz (EEG) der große Heilsbringer. Dann ging es mit der Wind- und der Solarenergie richtig los, nirgendwo war die Rendite größer, die Strompreise fielen. Auch Vattenfall hat gemerkt, dass sich für sie die Braunkohle langfristig nicht mehr lohnen wird. Kurz darauf erfolgte der Verkauf an die LEAG.

Die Kohle hat hier in den vergangenen Jahrzehnten schon viel Schaden angerichtet. Der Tagebau saugt das Grundwasser ab, Seen verlieren Wasser. Straßen sind abgesackt, haben riesige Löcher. Das bezahlt nicht die LEAG, sondern das bezahlen die betroffenen Kommunen. Es ist Geld, das in Schulen, Kindergärten und Vereinen fehlt.

Wenn die Wolke, die aus dem Kraftwerk kommt, genau über dem Dorf steht, riecht man das. Die LEAG sagt zwar, dass aus den Schornsteinen nur Wasserdampf kommt. Aber an manchen Tagen sieht man einen braunen Streifen über dem Kraftwerk, der sonst fast immer von weißen Dampfschwaden verhüllt wird. Wenn der Wind ungünstig steht, müssen wir das und den Staub aus dem Tagebau einatmen.

Es geht uns nicht nur um unsere unmittelbare Umwelt, sondern um das Weltklima. Deutschland ist der weltweit größte Braunkohle-Verstromer. Meiner Meinung nach muss der, der diese dreckige Energiegewinnung am meisten anwendet, sie auch wieder herunterfahren. Deutschland verfehlt das Klimaziel noch deutlicher als bisher gedacht. Ich kann natürlich jeden Kohlekumpel verstehen, der jetzt Zukunftsängste hat. Aber die angeblich drohende Arbeitslosenwelle wird von den Kohle-Befürwortern aufgebauscht. Es gibt Fachkräftemangel in der Region, die Leute müssen umgeschult werden.

Es geht wertvolle Zeit verloren - und das nur um des Profits willen. Denn worum soll es der Regierung und der LEAG gehen, wenn nicht um Profit? Die Stromgewinnung aus Braunkohle ist eine veraltete Technologie. Das Kraftwerk Jänschwalde hat einen Wirkungsgrad von knapp über 30 Prozent. Ein Gaskraftwerk ist dreimal so effizient. Es kann viel schneller hoch- und herunterfahren, flexibler auf den Bedarf reagieren.

Die Stromgewinnung aus Braunkohle ist nicht mehr zeitgemäß. Warum siedeln wir hier nicht modernere Energietechnologien an? Warum wird auf Kosten des Klimas an der Braunkohle festgehalten? Für die paar Wählerstimmen, für die paar Arbeitsplätze?

Wir plädieren für mehr Realismus.

Wolfgang Rupieper ist Vorsitzender des Vereins Pro Lausitzer Braunkohle. Gemeinsam mit anderen Kohlebefürwortern, Kraftwerk- und Tagebau-Arbeitern aus der Region Cottbus macht er sich dafür stark, das Datum für den Ausstieg nicht fest­zulegen. Regelmäßig nimmt der gebürtige Bochumer an Podiums­diskussionen und Konferenzen zum Thema Braunkohle teil.

Uns geht es darum, die Industrieregion in der Lausitz mit neuen Industrien und Arbeitsplätzen zu erhalten. Nach dem großen Strukturbruch 1990/91 ist man von 100.000 Arbeitsplätzen in der Braunkohle auf 10.000 runtergegangen. Das ist ein enormer Einbruch gewesen, viele junge Leute sind damals abgewandert. Die Glasindustrie und die Textilindustrie sind auf einen Schlag zusammengebrochen.

Das soll den Menschen nicht ein zweites Mal passieren. Es ist nicht so, dass wir ewig an der Kohle festhalten wollen. Aber wir plädieren für ein reali-stisches Ausstiegsdatum zur Mitte des Jahrhunderts, dies ist übrigens konform mit dem Pariser Klimaschutzabkommen. Bis dahin wird die LEAG auf Basis des von ihr vorgelegten Revierkonzeptes aus der Braunkohleverstromung aussteigen. Firmen, die zum Beispiel als Zulieferer von der Braunkohle abhängig sind, haben damit eine Planungssicherheit und können mit einem Zeithorizont von drei Jahrzehnten ihr Geschäftsmodell anpassen und verändern.

Dieser Plan wäre mit den Klimazielen der Bundesregierung vereinbar. Es werden jetzt bereits zwei Blöcke im Kraftwerk Jänschwalde im Rahmen der Sicherheitsbereitschaft abgewickelt, eine CO2-Minderung ist eingetreten. Letztendlich wäre es reine Symbolpolitik, wenn wir jetzt überstürzt das ganze Kraftwerk abschalteten. An der Entwicklung des Weltklimas haben die Entscheidungen hier einen kaum merklichen Anteil, während gleichzeitig weltweit Hunderte neue Stein- und Braunkohlekraftwerke entstehen.

Wir können außerdem nicht allein die Frage nach dem Klima stellen. Sie muss gleichwertig behandelt werden mit der Frage nach den Arbeitsplätzen, der Sicherheit in der Versorgung und der Bezahlbarkeit des Stroms. Die Energiewende hat eine Strompreiserhöhung mit sich gebracht. Wir wissen noch nicht, wie man den Strom aus den Erneuerbaren gut und in Mengen speichern kann, wie er gut transportiert werden kann. Erst wenn diese technischen und finanziellen Probleme gelöst werden lässt sich überhaupt ein realistisches Ausstiegsdatum für die Kohle festlegen. 2022 fällt zudem der Strom aus den Atomkraftwerken weg.

In der Kohlekommission, die eigentlich Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung heißt, muss ganz klar festgelegt werden: Was ist in welchem Zeitraum technisch und kaufmännisch machbar? Nur ist die Kommission nicht von Fachleuten besetzt, sondern von Interessenvertretern. Am Ende wird wahrscheinlich ein Sozialplan für die Lausitz entwickelt. Ein Sozialplan ist immer das Schlechteste, weil das bedeutet, dass die Arbeitsplätze weg sind. Die älteren Tagebau- und Kraftwerk-Mitarbeiter bekommen den goldenen Handschlag, gehen frühzeitig in Rente. Die gut ausgebildeten Fachkräfte sehen sich woanders nach Stellen um, sobald sich ein konkretes Datum für den Ausstieg abzeichnet. Und die Jüngsten verlassen die Region gleich nach der Schule. Am Ende würden hier wieder Wölfe herumlaufen. Das wollen wir nicht. Und auch nicht die sozialen Zerreißungen, die am Ende den Populismus befeuern.

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