Weiß, männlich, bürgerlich und westdeutsch

Arbeiterkinder, Frauen und Personen mit Migrationshintergrund sind in den deutschen Eliten vor allem auf Bundesebene weit unterproportional vertreten. Gleiches gilt für Menschen mit einer ostdeutschen Biografie: Jeder Fünfte müsste eigentlich eine herausgehobene Position innehaben. Der Soziologe Michael Hartmann fordert mehr Vielfalt.

Eliten haben einen entscheidenden Einfluss auf Politik und Gesellschaft, werden aber nur zu einem eher geringen Teil – vor allem in Parteien, Parlamenten und Regierungsämtern – durch demokratische Auswahlprozesse gewählt. Viele Bereiche, in erster Linie Wirtschaft und private Medien, entziehen sich jeder demokratischen Struktur. Das hat eindeutige Folgen für die Zusammensetzung – und damit auch für das Denken und Handeln der Eliten. Daher lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Zusammensetzung, die Einstellungen und die damit verbundenen Konsequenzen zu richten.

Ein sehr deutliches Ungleichgewicht

Die bundesdeutschen Eliten bilden eine ausgesprochen homogene Gruppe. Sie sind ganz überwiegend weiß, männlich, bürgerlicher Herkunft und westdeutsch sozialisiert. Greift man exemplarisch das Merkmal «ostdeutsche Sozialisation» heraus, dann wird dieses Ungleichgewicht sehr deutlich.

Nimmt man die Bevölkerungszahl in den entsprechenden Jahrgängen als Maßstab, müsste eigentlich jede fünfte Elitenposition mit jemand besetzt sein, der in der DDR aufgewachsen ist.

Tatsächlich liegt der Anteil ungleich niedriger. Von den über 500 Vorstandsmitgliedern in den 100 größten deutschen Unternehmen kommt gerade einmal ein halbes Dutzend aus der ehemaligen DDR. Vergleichbares zeigt sich bei den beamteten Spitzenpositionen in der Bundesverwaltung (Staatssekretäre, Abteilungsleiter) und an den Bundesgerichten.

In der DDR sind nur wenige dieser Elitemitglieder groß geworden. Kaum besser ist es in der ostdeutschen Verwaltung. So sind die leitenden Positionen an den Gerichten in den ostdeutschen Bundesländern zu rund 94 Prozent mit «Westdeutschen» besetzt. Auch in den Spitzenpositionen der Medien stellen Ex-DDR-Bürger/innen eine Rarität dar. Dies ist für die westdeutsche Medienlandschaft weniger verwunderlich, aber auch die ostdeutsche wird weitgehend von «Westlern» bestimmt. Fast alle ostdeutschen Tageszeitungen sind in der Hand großer Konzerne aus dem Westen und werden von Westdeutschen geleitet.

Auffällig ist, dass die Lage im politischen und im öffentlich-rechtlichen Bereich durchweg besser ist. Dies gilt für die beiden öffentlich-rechtlichen Sender (insbesondere den MDR), vor allem aber für die erste Reihe der Politik. Mittlerweile stammen vier der fünf Ministerpräsidenten im Osten aus der früheren DDR. Nur in Thüringen regiert mit Bodo Ramelow ein zu Beginn seiner Karriere westdeutsch sozialisierter Politiker.

Vormals westdeutsche Biografien finden sich aber immer noch recht häufig in den ostdeutschen Länderkabinetten. Hier stammt von den in der Regel zehn Kabinettsmitgliedern im Durchschnitt ein gutes Drittel aus dem Westen. Sucht man umgekehrt nach Ex-DDR-Bürgerinnen und -Bürgern in den Regierungen der westlichen Bundesländer, so wird man nach wie vor nicht fündig. Johanna Wanka als ehemalige Wissenschaftsministerin in Niedersachsen bleibt eine Einzelerscheinung. Auf Bundesebene sind mit Merkel und Giffey auch nur zwei von 16 Regierungsmitgliedern in der DDR aufgewachsen.

Damit wird deutlich: Arbeiterkinder, Frauen, Personen mit Migrationshintergrund oder Personen mit einer ostdeutschen Biografie sind in den deutschen Eliten vor allem auf Bundesebene weit unterproportional vertreten. Die Pluralität der Gesellschaft spiegelt sich hier in keiner Weise. Gerade die wirtschaftlichen Eliten sind sehr homogen, während es im politischen Kontext etwas besser aussieht. Ursächlich dafür sind unterschiedliche Rekrutierungsmuster. Besonders negativ ist es in den Kreisen, die sich über Kooptation rekrutieren. Da bei einer Kooptation letztlich nach dem Muster der Ähnlichkeit vorgegangen wird, die dort schon sitzenden Elitemitglieder Personen suchen und auswählen, die im Grundsatz so sind wie sie selbst, haben Personen mit ganz anderen Biografien und einem anderen Habitus kaum eine Chance.

Am stärksten wirkt dieses Muster in der Wirtschaft, wo nur wenige Personen, manchmal auch mit dem Alleineigentümer sogar nur eine einzige, entscheiden, wer in eine Spitzenposition berufen wird. Ähnlich ist es in den privaten Medien. Am stärksten von diesem Muster weicht die Politik ab. Hier ist es beim innerparteilichen Aufstieg zwar auch wichtig, es wird aber durch die Abhängigkeit von Wahlerfolgen auf der innerparteilichen wie vor allem auf der öffentlichen Ebene immer konterkariert. Dementsprechend ist die politische Elite bezogen auf die Bevölkerung noch am repräsentativsten zusammengesetzt.

Eine durchgreifende Veränderung der mangelnden Pluralität ist auch in den jüngeren Alterskohorten nicht zu verzeichnen. Am ehesten gibt es sie wieder in der Politik, wo Frauen und Migranten deutlich stärker vertreten sind als früher. Dafür sind aber Arbeiterkinder gleichzeitig massiv unterrepräsentiert.

Eliten sind von der Gesellschaft entfremdet

Die mangelnde Repräsentativität der Eliten ist nicht nur symbolisch ein gewichtiges Problem, sondern auch inhaltlich. Eliten besetzen einerseits – schon qua Definition – die wichtigen Machtpositionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft; andererseits weichen sie in ihren Werten und Normen stark von der Bevölkerung ab. Das kann durchaus spürbare Auswirkungen auf wichtige Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft haben, und es hat sie auch.

Studien zeigen, dass die Eliten in Deutschland sich in ihren Einstellungen signifikant von der Gesamtgesellschaft unterscheiden.

Deutlich wird dies besonders bei sozialpolitischen Fragen wie der Bewertung von sozialer Ungleichheit. Eine umfassende Befragung der Inhaber der 1.000 wichtigsten Machtpositionen in Deutschland hat 2012 ergeben,1 dass die Eliten soziale Unterschiede als weitaus unproblematischer ansehen als die Bevölkerung insgesamt und Maßnahmen zu ihrer Reduzierung dementsprechend häufiger ablehnen.

Diese Differenz hat im Wesentlichen mit der sozialen Rekrutierung der Eliten zu tun, weil soziale Ungleichheit von ihnen als umso gerechtfertigter empfunden wird, je höher die eigene Herkunft ist. Und die Elitemitglieder stammen nun mal zu knapp zwei Dritteln aus den oberen vier Prozent der Bevölkerung, waren also schon vor dem Erlangen ihrer eigenen Elitenpositionen Teil der oberen Bevölkerungsschichten.

Die kurzen Ausführungen verdeutlichen zweierlei: Die bundesdeutschen Eliten spiegeln in keiner Weise die zahlreichen Facetten der Gegenwartsgesellschaft und weisen gerade in sozialen Fragen eine von der Gesamtgesellschaft deutlich abweichende Grundeinstellung auf. Schon aus diesen Gründen wäre eine Pluralisierung der Eliten wünschenswert. So könnten mit der verstärkten Rekrutierung Ostdeutscher für Elitepositionen gleich zwei Dimensionen verändert werden: Zum einen könnte aufgrund der Sozialstruktur der ehemaligen DDR der Anteil von Personen aus der Arbeiterschaft in den Eliten massiv verstärkt werden, und zum anderen würde ihr Blick auf die soziale Lage auch aufgrund der realen Verhältnisse in den ostdeutschen Bundesländern vermutlich kritischer ausfallen.

Zwar gibt es keinen mathematisch exakten Zusammenhang zwischen Herkunft und politischer Einstellung der Elitemitglieder, es gibt aber eine hohe Wahrscheinlichkeit. Obwohl soziale Aufsteiger/innen einem erheblichen Anpassungsdruck unterliegen und ihre eigene Lebenssituation sich nach dem Eintritt in die Elitekreise auch weit von der der normalen Bevölkerung entfernt, bleiben sie dennoch deutlich sensibler für soziale Ungerechtigkeiten, wie die Elitenbefragung von 2012 gezeigt hat.

Das hat auch klare politische Konsequenzen.

So plädieren nicht nur unter den Spitzenpolitikern, sondern selbst unter den Topmanagern die Arbeiterkinder sehr viel häufiger für höhere Steuern auf hohe Einkommen, Vermögen und Erbschaften als ihre reich aufgewachsenen Pendants. Eine stärkere Vertretung von Ostdeutschen in den Eliten würde außerdem mit großer Wahrscheinlichkeit die Sensibilität gegenüber den dramatischen biografischen Brüchen bei vielen ehemaligen DDR-Bürger/innen und den damit verbundenen Ängsten deutlich verstärken.

Mehr Pluralität einfordern!

Aus all diesen Tatsachen ergibt sich eine klare Schlussfolgerung: Die deutschen Eliten müssen repräsentativer, sprich vielfältiger in Bezug auf ihre soziale und regionale Herkunft sowie ihr Geschlecht werden. Passiert das nicht, wird sich die Entfremdung zwischen den Eliten und großen Teilen der Bevölkerung verstärken. Politisch wäre das gleichbedeutend mit einer weiter wachsenden Wahlenthaltung und einer weiteren Zunahme rechtspopulistischer Strömungen. Beides gilt es zu stoppen.


1 Hartmann, Michael: «Soziale Ungleichheit – Kein Thema für die Eliten?» im Campus  Verlag (2013).

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