Stopp! Erkläre!

Interview

Wie ist es um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Frauen aus dem Osten und Westen bestellt? Was sagen die «Schubladen» über uns aus, in die wir so gerne andere einsortieren oder einsortiert werden? Auf ein Glas Wodka und Prosecco mit Annett Gröschner (Ost) und Johanna Freiburg (West) von der Performance-Gruppe She She Pop.

Altes Stoppschild vor Bäumen
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She She Pop

Annette Maennel spricht mit Annett Gröschner und Johanna Freiburg über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Frauen aus dem Osten und Westen und ihr Stück Schubladen. 

«Schubladen» ist ein Stück von She She Pop, das sie seit 2012 spielen, zuletzt in Vilnius zu Gast beim Festival Sirenos. In dem Stück kramen die Darstellerinnen in ihren alten Tagebüchern, Poesiealben, Schulheften oder Liedern und nehmen dann das eine oder andere als Fundstück auf, um auf die vergangenen dreißig Jahre zurückzuschauen.

Auf der Bühne sitzen sie sich als drei Paare gegenüber, Frauen zwischen 40 und 50 Jahre alt, aus Ost und West, und werfen sich über zwei Stunden hinweg Ping-Pong-Bälle auf der Lebenslinie zu. Sie erzählen, hinterfragen, greifen an, machen sich lustig, lästern übereinander. Die Texte sind biografisch geprägt, ehrlich, manchmal beklemmend, ohne dass es zu vertraulich wird. Wenn sich die eine der anderen nähert, um aus ihrem Leben zu berichten, heißt es: «Ich habe ein Bild mitgebracht.

Bilder aus der Vergangenheit sind bei She She Pop ein wichtiges Element, um anderen die eigene Geschichte näherzubringen. Was zeigt ihr euch, wenn ihr an eure Kindheit und Jugend denkt?

Johanna Freiburg (JF): Zum Beispiel die Fahndungsplakate von den RAF-Leuten. Die habe ich noch immer sehr vor Augen.

Annett Gröschner (AG): Das finde ich lustig, weil dieses RAF-Fahndungsplakat für mich auch etwas sehr Prägendes hat. Als ich 1983 nach Ostberlin kam, konnte man über die Mauer auf den Bahnsteig der S-Bahn-Station Wollankstraße in Westberlin sehen. Da hingen diese Fahndungsplakate.

JF: Prägend war auch Tschernobyl. Ich war 14. Ich weiß noch, dass ich gerade auf der Konfirmation von einem Kinderfreund von mir war. Die Feier fand draußen im Garten statt, und es fing an zu regnen. Dieses Gefühl, dass die ganze Umwelt jetzt komplett vergiftet ist. Und dieses Halbwissen, was Radioaktivität genau bedeutet.

AG: Und ich habe noch nie so viel Salat in dieser Woche gegessen. Der kam ja nun aus dem Westen zu uns.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, mit den «Schubladen» auf beiden Seiten aufzuräumen?

JF: Im Jahr 1993 gab es dieses Stück «Sesam, Sex und Salmonellen» von uns. Darin ging es um das Erzählen unserer Lebensgeschichte. Es endete mit einem Tagebucheintrag meiner Kollegin Mieke Matzke von 1989: «In der DDR ist gerade Umbruchszeit. Ob ich wohl in zwanzig Jahren einmal denken werde: Komisch, wie wenig mich dieses Weltgeschehen damals interessiert hat?» Und ungefähr zwanzig Jahre später haben wir dann die Idee entwickelt, das Konzept zu wiederholen, aber mit einem ostdeutsch geprägten Gegenüber.

Habt ihr die Themen gemeinsam entwickelt? Habt ihr euch gesagt: Lasst uns über unsere Mütter, über die Schule, über Sex sprechen?

AG: Am Anfang wurden die Themen von She She Pop gesetzt, aber nachher hat das eine Eigendynamik entwickelt.

Und du, Johanna, du hast dann das RAF-Plakat mitgebracht?

JF: Es ging darum, dieses Bild aus der Erinnerung zu beschreiben. Also: «Auf dem Bild sind viele Bilder einzelner Menschen zu sehen. Einige tragen Vollbärte, viele haben lange Haare. Sie sehen aus wie meine Eltern oder Erzieher.»

AG: ... und manchmal habe ich gerufen: «Stopp! Erkläre!» Das ist für uns das Zeichen, dass sich die eine der anderen genauer erklären muss, damit die sogenannten Selbstverständlichkeiten verständlich für alle werden. Erkläre: Wie sehen deine Erzieher aus? Was meinst du? Was war da los? Wer bist du?

«Ich bin in Frankfurt aufgewachsen.»

«Stopp! Erkläre - welches Frankfurt?»

«Frankfurt am Main natürlich.»

«Stopp! Erkläre - wieso ‹natürlich›?»

Was zum Beispiel war anders?

AG: In der DDR waren die sozialen Grenzen viel offener. Professorinnen oder Künstler haben neben Leuten gewohnt, die im Drei-Schicht-System irgendwo in einer Fabrik arbeiteten. Heute sind diese sozialen Gruppen viel stärker voneinander getrennt. Um auch gleich mal mit einem Klischee aufzuräumen: Dieses Bild, dass im Osten alle Frauen gearbeitet haben, alle Kinder in den Kindergarten gegangen sind, stimmt sicher nicht: Ich konnte zum Beispiel nicht in den Kindergarten gehen, weil es nicht genügend Kindergartenplätze gab. Und Johannas Mutter ist in Hamburg arbeiten gegangen, der Vater ist zu Hause geblieben.

JF: Trotzdem war der Blick auf berufstätige Mütter im Osten und Westen verschieden. In der ersten Klasse hatte ich an manchen Tagen nur zwei Stunden Schule, und es gab einfach keinen Ort, wo ich als kleines Kind hingehen konnte, weil es keine Hortbetreuung gab. Das war ein Problem für meine Mutter und für mich. Sie wurde als «Rabenmutter» und ich als «Alien» angeguckt. Das Bild von dem Überbehütetsein der Kinder im Westen ist sicher auch ein Klischee, trotzdem habe ich einen Unterschied zu den Ostkolleginnen gemerkt: Sie haben ein viel weniger sentimentales Verhältnis zu Kindern. Sie sind liebevoll, haben aber mehr Distanz.

Frauen aus dem Westen sind überbehütet und unterentwickelt (Ost über West)

AG: Ich glaube, man wusste, dass man einfach nicht perfekt sein kann. Heute wird den Frauen suggeriert, dass sie in allem und mit den Kindern alles perfekt machen müssen. Da kannst du eigentlich nur Trinkerin oder drogensüchtig werden.

Nächstes Jahr ist die Wende 30 Jahre her. Findet ihr es immer noch wichtig, sich gegenseitig seine Geschichte zu erzählen?

JF: Ich glaube, es ist notwendiger denn je, miteinander zu sprechen. Ich habe den Eindruck, das Versäumnis fällt uns gerade sehr auf die Füße.

AG: Wir Ostdeutschen werden bis heute immer wieder auf unsere Herkunft zurückgeworfen und dass wir dadurch eigentlich nicht so viel wert sind wie die auf der anderen Seite. Ich habe viele Jahre im Westen an der Uni gearbeitet und bin dort auf Lesereisen gewesen. Da herrschte oft eine völlige Unkenntnis darüber, was im Osten war. Und eigentlich wollte es auch fast niemand so genau wissen.

JF: Du spielst darauf an, mit welchem Chauvinismus dort über den Osten geredet wurde?

«Weil ihnen keine Urkunden mehr verliehen werden, fühlen sich die Frauen aus dem Osten ‹unterschätzt›.» (West über Ost)

Die wollen heute noch mit ‹Meister von morgen› angesprochen werden. (West über Ost)

AG: Genau. Sogar wenn sie neben mir standen und wussten, dass ich aus dem Osten komme. Auch jemand wie Peggy Mädler oder auch Barbara Gronau, die ebenfalls bei «Schubladen» dabei sind, die nach der Wende durchgestartet sind und gesagt haben: Es ist scheißegal, wo ich herkomme, ich bin gut – auch sie wurden immer wieder darauf zurückgeworfen, dass sie eben doch eine andere Sozialisation haben.

«Hast du eine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn frühere Selbstverständlichkeiten plötzlich von dir als neue Erfindungen ausgegeben werden?» (Ost über West)

Hast du eine Ahnung, wie das ist, wenn man den Kapitalismus als Zumutung empfindet, aber es fällt einem keine Alternative mehr dazu ein? (Ost)

«Hast du eine Ahnung, wie es ist, wenn dir vorgehalten wird, du bist nicht angekommen, obwohl du immer unterwegs sein wolltest?» (Ost)

Es gibt ein Kapitel bei «Schubladen», in dem wir uns «bekennen» müssen. Wir heben die Hand bei solchen Fragen wie: Bist du links oder bist du liberal? Diese Art von Bekenntnis auf offener Bühne, und wenn es nur das ist: Ich bin Ostdeutsche, das gibt oft Diskussionen mit dem Publikum nach der Vorstellung.


Annett Gröschner wurde 1964 in Magdeburg geboren. Sie veröffentlichte Gedichte, Romane, Reportagen, Dokumentarliteratur sowie Rundfunkfeatures und lebt als freie Autorin in Berlin. Aktuell: «Berolinas zornige Töchter. 50 Jahre Berliner Frauenbewegung».

Johanna Freiburg wurde 1971 in Hamburg geboren, studierte am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft und ist Mitbegründerin des Performance-Kollektivs She She Pop, das gerade sein 25-jähriges Bestehen feierte. Aktuell: «She She Pop. Sich fremd werden. Beiträge zu einer Poetik der Performance».

Annette Maennel, 1964 geboren und aufgewachsen in Dresden, leitet die Abteilung Kommunikation in der Heinrich-Böll-Stiftung.

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