Bio von Anfang an

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Die ökologische Pflanzenzüchtung ist nicht nur eine mögliche Alternative zu CRISPR & Co. – sie ist auch die bessere Wahl.

In der Debatte um Chancen und Risiken neuer Gentechnikverfahren wie CRISPR/Cas wird selten bis nie über Alternativen zu den neuen «Wundertechniken» gesprochen. Ökologische Pflanzenzüchter/innen zum Beispiel bringen ganz ohne Gentechnik immer mehr innovative Sorten auf den Markt. Obwohl sie – anders als die Gentechnik – keine Millionen-Förderung von der öffentlichen Hand oder der Industrie erhalten.

Bio-Züchter/innen ist klar: Mit der Klimakrise wird der Saisonverlauf für die Landwirte immer weniger planbar, Trockenperioden und Starkregenereignisse nehmen gleichermaßen zu. Und natürlich unterscheiden sich Äcker in der Qualität und Struktur der Böden, der Versorgung mit Nährstoffen und der möglichen Konkurrenz durch Wildpflanzen, dem sogenannten Unkraut.

Diese Komplexität wird mit den Vorschriften zur Pflanzenzüchtung nicht abgebildet – im Gegenteil: Das Saatgutrecht schreibt «uniforme» Sorten vor, die sich genetisch nicht verändern dürfen (sog. DUS-Kriterien). Damit wird das System auf den Kopf gestellt: Um genetisch einförmige Sorten erfolgreich anbauen zu können, müssen die Äcker immer mehr «standardisiert» werden.

Die gezüchteten «Populationssorten» sind genetisch vielfältig und passen sich den Anbaustandorten an. Sie übertreffen alle Erwartungen.

Ökozüchter wie Dr. Hartmut Spieß vom Dottenfelder Hof oder Werner Vogt-Kaute von Naturland haben einen besseren Ansatz gefunden: Sie entwickeln «Populationssorten», die genetisch vielfältig sind – und die sich den jeweiligen Bedingungen am Anbaustandort genetisch anpassen dürfen und sollen. Dazu werden verschiedene Linien der jeweiligen Nutzpflanzen wie Weizen oder Ackerbohnen kombiniert und als Mischung gezielt über mehrere Pflanzengenerationen weitergezüchtet. So erreichen die Züchter eine optimale genetische Vielfalt mit Blick auf die wesentlichen Zieleigenschaften der Pflanzen: Toleranz gegenüber Trockenheit, Frost und Staunässe, Zusammensetzung der Nährstoffe, Verarbeitungsqualität oder auch Ertrag.

Die Ergebnisse übertreffen bisher alle Erwartungen: Denn die höhere genetische Vielfalt bringt nicht nur die erhofften Vorteile hinsichtlich der Ertragssicherheit – nach dem Prinzip «irgendetwas wird schon wachsen». Auch die Qualität und Ertragshöhe der Populationssorten liegen fast auf der Höhe genetisch einförmiger Ausgangslinien. Anbauversuche mit der Ackerbohnen-Populationssorte «DetPop» brachten 2014 in Baden-Württemberg sogar die höchsten Erträge aller getesteten Ackerbohnensorten.

Die Vermarktung von Populationssorten wird bisher durch das Sortenrecht behindert, das – wie erwähnt – genetische Einförmigkeit für Saatgut vorsieht. Zwar gibt es eine Ausnahmeregelung im europäischen Sortenrecht, offiziell als «Experiment» bezeichnet. Bisher gilt die Regelung allerdings nur für bestimmte Getreidesorten, also zum Beispiel nicht für die Ackerbohnen, und ist zudem befristet. Damit fehlt den Züchter/innen die nötige Planungssicherheit für ihre Arbeit, schließlich werden für die Entwicklung neuer Sorten in der Regel 10 bis 20 Jahre benötigt.


Friedhelm von Mering ist politischer Referent beim Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V. (BÖLW) und dort u. a. für das Thema Gentechnik zuständig.

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