Der Herr der Äpfel

Über 1.000 Apfelsorten kann Hans-Joachim Bannier anhand von Aussehen und Geschmack unterscheiden und bestimmen. Er ist Pomologe, forscht seit Jahren zu Äpfeln und sagt: Die Versprechen der Gentechnik für den Obstanbau führen ins Leere. Ein Besuch in seinem Obst-Arboretum in Bielefeld.

«Es ist die falsche Jahreszeit», sagt Hans-Joachim Bannier, denn an diesem trüben Januarnachmittag tragen seine Bäume keine Früchte. Nur kleine weiße Schilder an Stämmen und Ästen lassen die Vielfalt dieses zwei Hektar großen Obstgartens erahnen. Man läuft vorbei am Lavanttaler Bananenapfel, rechts der Danziger Kantapfel, daneben der Edelborsdorfer – die älteste deutsche Apfelsorte, die schon vor mehr als 800 Jahren angebaut wurde.

Etwas weiter oben steht der Rote Boskoop, von dem hat man schon mal gehört, daneben Zuccalmaglios Renette und Luxemburger Triumph. Und dann, etwas weiter hinten, strahlen dann doch ein paar rote Äpfel inmitten des winterlichen Graus: Es ist der Jonagold, eine der weltweit am häufigsten angebauten Sorten, und er trägt noch Früchte. Kleine Äpfel übersät mit dunklen Flecken. «So sieht der Jonagold aus, wenn er nicht gespritzt wird», sagt Bannier. Vom Schorf befallen, eine der am weitesten verbreiteten Apfelkrankheiten.

Banniers Obst-Arboretum liegt am Fuße des Teutoburger Waldes, in einem Ortsteil von Bielefeld, der durch ein kleines Waldstück von der Innenstadt getrennt ist. Keine zehn Minuten braucht der Bus vom Hauptbahnhof bis in dieses Apfelparadies mit über 600 Bäumen und knapp 350 Sorten.

Auf dem Gelände steht ein imposantes Fachwerkhaus. Betritt man es, landet man sofort im Hofladen. Grüne Kisten voller Äpfel stapeln sich dort. Rote, grüne, gelbliche und braune. Kleinere und größere, perfekt aussehende und solche, die sich kein Supermarkt zu verkaufen wagte. «Die schmecken super und kosten nur einen Euro das Kilo», sagt Bannier. Andere verkauft er für 3,60 Euro. Seine Kundschaft: Biofans, Pendler, Allergiker. «Bei vielen alten Apfelsorten reagieren Allergiker nicht», sagt Bannier.

In seiner Wohnküche direkt über dem Laden sieht es ähnlich aus wie unten. In jeder Ecke: Apfelkisten. Bannier, blauer Strickpulli, graues Haar, sonore Stimme, reicht Kürbissuppe. Auf dem Tisch eine Flasche Apfel-Quittensaft, auf dem Buffet eine ordentliche Sammlung Obstler. Um zu verstehen, weshalb Bannier die Versprechen der Gentechnik anzweifelt, muss man etwas ausholen.

Moderne Apfelsorten sind hoch anfällig für Krankheiten und nur durch chemischen Pflanzenschutz für den Anbau geeignet.

«Ich bin ein Seiteneinsteiger», sagt der 61-jährige Bannier. Mit 18 Jahren schon wollte er in die Landwirtschaft, traute es sich aber nicht. «Biofans galten damals als Spinner.» Er ging zunächst andere Wege, arbeitete in der Umweltbildung, schrieb Artikel über Umweltthemen. «Das war mir aber zu viel Schreibtisch.» Ende der 1980er Jahre pachtete er dann in Bielefeld die ersten Obstwiesen – zunächst nur als Hobby. Doch schon wenige Jahre später kündigte er die anderen Jobs. Als «Bauer ohne Hof» lebte er zu Anfang noch nicht in dem Fachwerkhaus, sondern in der Stadt und bewirtschaftete seine Obstwiesen.

«Ich wollte dann irgendwann wissen, was ich da eigentlich für Äpfel anbaue», sagt Bannier. 40 verschiedene Sorten waren es, das sah er, das schmeckte er. Aber wie sie hießen, das wusste er nicht. Helfen konnte niemand. Nicht die Bauern der Umgebung, nicht die staatlichen Obstinstitute. 1991 hörte er von einem Apfeltag im Harz, mit einem Experten vor Ort, der Sorten bestimmen könne. Er packte seine 40 Sorten in den Kofferraum und fuhr hin. Und schon nach fünf Minuten nannte der Mann ihm 35 Sorten.

«Wie viele Sorten kennst du?», fragte Bannier den Mann.
«500 vielleicht.»
«Und wie viele von deiner Sorte gibt es?»
«Vier bis fünf vielleicht.»

Die anderen Apfelexperten waren zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre älter als Bannier. «Ich wusste, das kann man nicht aus Büchern lernen, nur bei ihnen. Und wenn es niemand lernt, geht ein Kulturgut verloren.» Also begleitete er die Apfelkundigen in den nächsten Jahren zu Apfeltagen, nahm von dort immer neue Sorten mit nach Hause. Er klebte Kerne in Ordner, schnitt Äpfel auf, zeichnete sie – eineinhalb Stunden pro Sorte – und paukte Apfelsorten wie Vokabeln.

Bannier lächelt. Er weiß, es klingt ein wenig verrückt. Er steht auf, geht in den Nebenraum und kehrt mit drei dicken Ordnern zurück. «08/94, Nr. 75, Croncels Transparent, Kerne frisch dunkelbraun/schwarzbraun, Horberge.» Darüber 17 Kerne von vier Äpfeln dieser Sorte, wuchtig und rund sind sie. «10/94, Nr. 78, Ravensberger, Kerne frisch, schön glänzend, dunkelbraun, Spieker Rotenhagen.» 26 Kerne von acht Äpfeln. Deutlich länglicher als die weiter oben.

So geht es weiter, Seite um Seite. Ordner um Ordner. Kerne von über 1.000 Sorten. In einem anderen Ordner die Zeichnungen und die ausführliche Beschreibung des Aussehens und des Geschmacks.
«Wie viele von Ihrer Sorte gibt es heute?»
«Vielleicht ein Dutzend, die über 300 Sorten bestimmen können.»

Vermutlich, so sagt er, sei er derjenige, der die meisten Sorten kenne. Er lernt und dokumentiert noch immer neue. Irgendwann will er ein Buch veröffentlichen, damit sein Wissen nicht verloren geht. Sein Wissen könnte kostbar sein, gerade in der Debatte um Gentechnik und die damit verbundenen Versprechungen für die Landwirtschaft.

Vor ein paar Jahren untersuchte Bannier 500 moderne Apfelsorten, die von 1930 bis heute gezüchtet wurden, und kam zu dem Ergebnis, dass alle genetisch von fünf «Stammeltern» abstammen, also mindestens eine dieser Sorten im Stammbaum haben: Golden Delicious, Cox Orange, Jonathan, McIntosh und Red Delicious. «Alle diese Sorten sind hoch anfällig für Krankheiten und nur durch chemischen Pflanzenschutz für den Anbau geeignet», sagt Bannier. Er spricht von inzuchtartigen Zuständen. Wie ist es so weit gekommen?

Er erklärt es so: Als um 1930 die ersten Pflanzenschutzmittel auf den Markt kamen, sattelten fast alle Apfelzüchter auf solche Sorten um, die den höchsten Ertrag versprachen. Die Gesundheit spielte keine Rolle, es gab ja die Chemie. Die alten Sorten, die bis dahin angebaut wurden und von Natur aus oft resistent waren gegen Pilze und Bakterien, gerieten in Vergessenheit. «In den folgenden Jahrzehnten wurde munter weitergezüchtet, mit ebendiesen kranken Sorten», sagt Bannier. Das Ergebnis: Fast alle heutigen modernen Sorten lassen sich ohne Einsatz von Chemie nicht anbauen.

Abhilfe versprechen heute Gentechniker. Sie arbeiten seit ein paar Jahren daran, beliebte, aber krankheitsanfällige Sorten resistent zu machen. Etwa, indem sie ein bestimmtes Gen des Wildapfels Malus floribunda einfügen – zum Beispiel mittels der CRISPR/Cas-Methode. Im Ergebnis sollen schorfresistente Sorten entstehen. «Das klingt plausibel», sagt Bannier. «Wenn man keine Ahnung hat.»

Er redet sich in Rage. Seine Hände schlägt er immer wieder gegen die Stirn, als wirke er verzweifelt angesichts des Unwissens. «Selbst wenn dadurch eine monogene Schorfresistenz zustande kommt, hält das höchstens 15 Jahre. Denn mit einem einzelnen Gen kann man nicht eine hoch krankheitsanfällige und verarmte Genetik reparieren», sagt er. Das zeige die Geschichte. Züchter hätten schon vor Jahren auf herkömmlichem Weg schorfresistente Sorten gezüchtet, so gut wie alle mit Hilfe des japanischen Wildapfels Malus floribunda.

Die Äpfel, die wir kennen, machen vielleicht ein Siebtel des Geschmacksspektrums aus.

«Nach etwas mehr als zehn Jahren brach bei fast allen dieser Sorten die Schorfresistenz zusammen», sagt Bannier. Weil sie eben nur auf einem Gen beruhte und nicht auf dem Zusammenspiel vieler Gene, wie es bei vielen alten Sorten der Fall ist. Auch die beliebte Ökosorte Topaz habe ihre Resistenz verloren. Bei vielen alten Sorten dagegen hält die Schorfresistenz seit mehreren hundert Jahren, «weil diese Sorten eben auf breiter genetischer Front resistent sind».

Was wäre die Alternative zur Gentechnik? «Die Züchter sollten sich der historischen Wurzeln bewusst werden und ihre Aufmerksamkeit wieder auf alte, polygen resistente Sorten richten und sie weiterentwickeln», sagt Bannier. Das sei langwieriger, aber langfristig sinnvoller. In dieser Richtung haben wir 80 Jahre Fortschritt in der Zucht verpasst und dürfen nicht weitere 30 Jahre verlieren.»

Was würde er machen, wäre er Landwirtschaftsminister? Bannier denkt nicht lange nach. «Zuerst das Problembewusstsein stärken, und dann viel Geld in konventionelle Züchtung statt Gentechnik stecken.» Außerdem würde er Biodiversität stärker in der landwirtschaftlichen Ausbildung verankern. «Vielfalt spielt dort derzeit kaum eine Rolle.» Die Gentechnik müsste außerdem genehmigungspflichtig bleiben.

Bannier erzählt vom ersten mit Gentechnik gezüchteten Apfel, dem Arctic Apple, der in den USA auf dem Markt ist. «Versprochen werden Sorten, die dem Klimawandel trotzen und krankheitsresistent sind. Was der Arctic Apple kann: Er wird nicht braun, wenn man ihn aufschneidet.» Bannier lacht. «Das ist Gentechnik in der Praxis: den Verbrauchern Frische vortäuschen.»

Dem Verbraucher gehe durch die moderne Züchtung zudem viel verloren. «Die Äpfel, die wir kennen, machen vielleicht ein Siebtel des Geschmacksspektrums aus», sagt Bannier.

Was ist seine Lieblingssorte? «Da gibt es für jeden Monat eine», sagt Bannier. Karmijn de Sonnaville sei toll. Lecker und robust. Vier davon liegen in einer Schale auf dem Tisch. Er nimmt einen Apfel, schneidet ihn beiläufig in vier perfekte Teile und reicht ihn zur Geschmacksprobe. Süß und sauer zugleich. Anders als das, was man aus dem Supermarkt kennt.


Paul Wrusch lebt als Journalist in Berlin und hat sich vorgenommen, in Zukunft jeden Tag einen Apfel zu essen.

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