Falsche Versprechen im Herzen der Soja-Republik

Wohlstand, weniger Produktionskosten, hohe Ernteerträge: Das wurde den Menschen in Argentinien versprochen, als das erste gentechnisch veränderte Sojasaatgut Roundup Ready zugelassen wurde. Falsche Versprechen mit schlimmen Folgen.

Soja-Anbau in Argentinien. Foto von einem Sojafeld
Bildnachweise

Buenos Aires im Frühherbst 1996. In einer rekordverdächtigen Geschwindigkeit von weniger als drei Monaten hat das argentinische Landwirtschaftsministerium des damaligen Präsidenten Menem über die Sommerpause das erste Zulassungsverfahren für das genetisch veränderte Soja-Saatgut Roundup Ready (RR) des US-Unternehmens Monsanto abgeschlossen.

Die Hersteller der Glyphosat-resistenten Pflanze versprechen nicht weniger als eine Revolution auf dem Acker: In Kombination mit dem Herbizid Glyphosat sollen die Ernteerträge in die Höhe schnellen, die Produktionskosten für Landwirte fallen, die Mengen des bis dahin eingesetzten, Pestizid- und Dünger-Cocktails gesenkt, Umweltschäden für Wasserläufe, Böden und Menschen vermieden werden. Argentinien würde wieder zur Kornkammer der Welt und zu Wohlstand kommen. Für ein Land, das gerade infolge der Mexiko-Schuldenkrise 1995 in eine Banken-Krise mit ungewissem Ausgang geschlittert war, kein unbedeutendes Versprechen.

Obschon die damaligen Vorschriften umfangreiche Studien zur Wirkung auf Mensch und Umwelt vorschrieben, wurde in dem Schnellverfahren, wie später kritisiert wurde, offensichtlich nur eine englischsprachige Studie von Monsanto selbst als Bewertungsgrundlage herangezogen und die Wirkung des dazugehörigen Herbizids Glyphosat nicht von unabhängiger Seite in Argentinien untersucht.

In der Tat läutete die Blitz-Zulassung eine phänomenale Umwälzung der argentinischen Landwirtschaft und weiterer Regionen des Landes ein. Binnen weniger Jahre vervielfachten sich die Anbauflächen alleine für Soja von knapp über fünf Millionen Hektar 1996 auf fast 19 Millionen Hektar im Jahr 2018. (Zum Vergleich: Deutschland hat rund 17 Millionen Hektar an landwirtschaftlicher Nutzfläche.). Der Großteil der Ernte wird exportiert, und dient vor allem der globalen Fleischindustrie als billiges Futtermittel.

Insbesondere in den ersten Jahren nach der Krise 2001 verschwanden vor allem in den fruchtbarsten Regionen der Pampa humeda zuerst die typischen Weidelandschaften mit Baum- und Strauchgruppen und die Rinder, dann die kleineren Betriebe. Ab 2010 überrollte der Sojaboom die angrenzenden Regionen in einem unvorstellbaren Ausmaß und Tempo: Bis weit in die westlichen (San Luis, Cordoba) und vor allem nordwestlichen Provinzen (Santiago del Estero, Chaco, selbst Tucumán und Salta), ursprünglich bedeckt mit langsam wachsenden, nativen Wäldern, erstrecken sich nun unendliche Soja-Felder soweit das Auge reicht, bis dicht an den Asphalt der Landstraßen.

Wie irritierend tiefgreifend die landschaftliche Veränderung ausfiel, konnte ich selbst – sprichwörtlich - erfahren: Bei zwei PKW-Überlandfahrten zwischen Chile und Buenos Aires innerhalb eines knappen Jahres (ca. 2012) hatten die Waldflächen um die Provinzhauptstadt San Luis riesigen Soja-Feldern in einer Ausdehnung Platz gemacht, dass wir zunächst vermuteten, uns verfahren zu haben und umdrehten. Nach einer halben Stunde bestätigte schließlich eine Ausschilderung den richtigen Weg und somit auch den rabiaten Eingriff in das Territorium.

Der Verlust dieser nativen Wälder hat selbst in eher kontinental-trockenen Gebieten wie San Luis unerwartete Folgen. So fehlt nun in Zeiten von Regenfällen Biomasse über und insbesondere unter der Erde: da keine Bäume mehr über ihre Wurzeln das versickernde Wasser aufnehmen können, steigt der Grundwasserspiegel und es bilden sich neue Flüsse und Tümpel, die Überschwemmungen auslösen und Kleinlandwirtschaft unmöglich machen. Zum anderen führt, neben dem unaufhörlichen Wachstum der Städte, die Ausdehnung des Sojaanbaus bis an die Stadtgrenzen zu einem Verlust der sogenannten Grüngürtel, in denen traditionellerweise vor allem Gemüseanbau und Tierhaltung zur Versorgung der Region betrieben wurde.

Mittlerweile ist auch in kleineren Provinzstädten die Fläche für Gemüseanbau um 15-30% zurückgegangen. Dies führt nicht nur zu deutlich weniger Diversität im Anbau von Sorten, sondern auch zu einem Konzentrationsprozess und immer längeren Transportwegen – im Ergebnis hat sich das Angebot an Obst und Gemüse in den meisten Städten im Land – auch inflationsbereinigt - drastisch verteuert und in seiner Vielfalt reduziert.

Höhere Dosen von Glyphosat und neue Herbizidcocktails

Das Geschäftsmodell mit der kleinen Soja-Bohne war insbesondere zu der Zeit hoher Soja-Preise von über 500,- US-Dollar pro Tonne selbst für kleinere und mittlere Betrieben von 1.000 Ha wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Bei Mehrfach-Aussaat und Ernten unter günstigen klimatischen Bedingungen lassen sich pro Hektar zwischen 4 und 6 Tonnen Soja erzielen.

Vor allem aber zogen die Gewinnspannen neue Investoren und mit ihnen eine neue Form der Landwirtschaft an: Sogenannte Saatpools von Finanzinvestoren mit Büros in den Städten, die Land in großem Umfang kauften oder pachteten, und auch sämtliche Dienstleistungen wie den Maschinenpark und die Arbeitskraft – sie können über die größeren Flächen und Mengen sehr viel günstigere Preise für Pacht und Dienstleistungen aushandeln. Dies gilt ebenso für Saatgut und die Chemiepakete aus Pestiziden, Herbiziden und Düngemitteln. Der Einsatz von gentechnisch verändertem Soja in Kombination mit Glyphosat ist dabei von elementarer Bedeutung, denn die meisten Pools verfolgen das Prinzip der Direktsaat, bei der nicht mehr gepflügt, sondern gesprüht und das Saatgut direkt in den Boden eingebracht wird. Riesige Felder konnten so kostengünstig bestellt werden.

Dafür aber muss die Menge an Herbiziden, insbesondere Glyphosat, extrem erhöht werden, was die kontinuierliche Degradation der Böden in kurzer Zeit zur Folge hat - und vor allem: eine steil ansteigende Zahl an resistenten Kräutern, die ihrerseits wieder eine stetig wachsende Menge an Herbiziden erfordert. Vor allem seit 2010 nimmt die Zahl der gegen Glyphosat resistenten Pflanzen in rasantem Tempo zu. 2018 sind in Argentinien mittlerweile 32 Pflanzenarten resistent gegen verschiedene Pestizide, was in der aktuellen Anwendungspraxis wiederum zu einer Erhöhung der Dosierung und vor allem zu neuen Kombinationen von Pestiziden mit ungeklärten Risiken führt.

Das frappierende Ergebnis dieser Entwicklung: Von 1996 stieg der Verbrauch glyphosathaltiger Produkte von unter 30 Millionen Liter in Anwendungen auf über 300 Millionen Liter im Jahr 2016.

Spätestens an diesem Punkt bricht das Geschäftsmodell für die kleineren und zum Teil auch die mittleren Betriebe in sich zusammen – erst recht in einem Umfeld sinkender Sojapreise und steigender Energie- und Chemikalien-Kosten. Die niedrigeren Margen rentieren sich nur noch über Skalen-Effekte für die ganz großen Betriebe. Das hatte und hat einen Verdrängungsprozess zur Folge, der über Ausbreitung und das Hinausschieben der Agrargrenze in bisher gemischt genutzten Flächen vor allem Kleinbauern in den nordwestlichen Regionen des Landes - mit zum Teil blutiger Gewalt - aus ihren Siedlungen in die Elendsviertel der Städte treibt.

Infolge dieser Entwicklung sank zwischen 1988 und 2008 (letzter Agrarzensus) die Zahl landwirtschaftlicher Betriebe in Argentinien von 421.000 auf 270.000. In allen Regionen ist der größte Rückgang bei den kleinen und Kleinstbetrieben zu verzeichnen: 2 Prozent der Betriebe besitzen über 50 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche, während 57 Prozent der Betriebe gerade einmal 3 Prozent bearbeiteten. So konzentriert sich das Wohlstandsversprechen dieses Agrar-Modells auf immer weniger Akteure, die zudem oftmals auch nicht vor Ort leben.

Mehr Fehlbildungen und Krebserkrankungen

Doch die vielleicht gefährlichsten Folgen des weitgehend unkontrollierten Pestizid-Einsatzes hat der Arzt und Wissenschaftler Damián Verzeñassi, Professor an der Medizinischen Fakultät der staatlichen Universität Rosario, in 15 Jahren Arbeit vor Ort in den Hot-Spots der Herbizid-Anwendungen der Provinz Santa Fé erhoben. Er hat gemeinsam mit Kolleg/innen und Student/innen in 34 Städten und Dörfern rund 122.000 von insgesamt 172.000 Einwohnern (65,4%) auf außergewöhnliche Erkrankungen untersucht. 

Neben einem signifikanten Anstieg von Fehlbildungen bei Geburten seit dem Jahr 2000 auf nun 7,6 Fällen pro 1000 Geburten (und zahlreichen weiteren Leiden wie Schilddrüsen- oder neurologische Erkrankungen) hat er vor allem eine statistisch signifikante Abweichung der Krebsfälle festgestellt. Während es im Landesdurchschnitt pro 100.000 Einwohner zu 217 Krebserkrankungen zu kommt, sind es in den Soja-Regionen mit 397,4 Fällen fast doppelt so viele.

Dass es zu diesen Zahlen kommt, liegt jedoch nicht nur an der großflächigen Verseuchung von Böden und Grundwasser mit den Herbiziden. Auch die Art der Ausbringung spielt eine Rolle: Die glyphosathaltigen Herbizide werden häufig per Flugzeug auf die Sojafelder ausgebracht – zu jeder Tageszeit, ungeachtet der klimatischen und Wind-Bedingungen, über Schulen und Straßen hinweg bis nah an die bewohnten Dorf- oder Stadtgrenzen.

Bekannt wurde selbst in Deutschland der Fall der Mütter von Ituzaingó, in der Nähe der Stadt Córdoba, die über 15 Jahre lang vor Gericht für eine Anerkennung ihrer Krankheiten, die juristische Verfolgung der verantwortlichen Betriebe und für ein Verbot der Pestizidflugzeuge stritten. Bis zum Jahr 2018 sorgten immer weitere Gerichtsurteile und Gemeindeverordnungen für eine zaghafte Begrenzung der uneingeschränkten Ausbringung aus der Luft, und verboten die Sprüheinsätze unter einer Distanz von 500-1000 Meter zu bewohnten Siedlungen. Einige Kommunen gingen sogar noch weiter und setzten Grenzen von 3.500 Meter.  

Doch die Hoffnung auf einen verantwortlicheren Umgang mit den Herbiziden ist wieder der Ungewissheit gewichen: Seit dem 1. Januar 2019 hat die konservative Regierung der Provinz Buenos Aires - der Partei von Argentiniens Präsidenten Mauricio Macri - die Abstandsgrenzen für Sprüheinsätze aus der Luft und am Boden für die gesamte Provinz wieder aufgehoben. Damit können Flächen, die direkt an Schulen und und gemischt genutzten Gebieten an Siedlungsrändern wie auch Wasserläufen grenzen, wieder besprüht werden – einzig für Schulen gilt ein Verbot ab Punkt 8.00 Uhr morgens, also zu Unterrichtszeiten. Doch bis 7:59 Uhr darf nach diesem Entwurf gesprüht werden - just dann, wenn Kinder in die Schule gehen oder gebracht werden. Eingebracht und unterschrieben hat diese Entscheidung der zuständige Landwirtschaftsminister der Provinz, Leonardo Sarquis – bis zum Amtsantritt 2015 u.a. als Manager von Monsanto in Argentinien tätig.

Nach zahlreichen Protesten setzte Sarquis zwar die Entscheidungen für gerade einmal zwölf Monate aus – doch auch von der nationalen Regierungsebene ist nicht zu erwarten, dass sie interveniert und geltendes Recht durchsetzt. Der zuständige Minister (bzw. nach Kabinetts-Reform Staatsekretär) für Agroindustrie ist Luis Miguel Etchevehere, bis zum Amtsantritt Präsident des mächtigen Bauernverbandes Sociedad Rural.


Michael Álvarez-Kalverkamp ist Politikwissenschaftler und Pressesprecher der Heinrich-Böll-Stiftung. 2008 baute er das Büro Cono Sur der Stiftung in Santiago de Chile auf.

Lizenz dieses Artikels: CC-BY-NC-ND 4.0