Natur: die (gen)editierte Version?

Essay

Ausgestorbene Arten wieder zum Leben erwecken, invasive Populationen mit gentechnischen Methoden ausrotten? Längst wird in Forschungsprojekten darüber nachgedacht, wie Gentechnik im Naturschutz eingesetzt werden könnte – weitgehend unbemerkt von öffentlicher Reflexion und gesellschaftlichem Diskurs.

Die Entdeckung von CRISPR/Cas und anderen Genome-Editing-Verfahren und Durchbrüche in der Bioinformatik und der Laborrobotik eröffnen der Gentechnik ganz neue Gestaltungsspielräume, die weit über die bisherigen Anwendungen hinausgehen. Mit der Entwicklung von synthetischen Genen kann beispielsweise der Rahmen, den die Evolution bisher vorgegeben hat, immer weiter verlassen werden, so dass Limitierungen vor allem nur noch in dem begrenzten Wissen über die Verknüpfung von Gen und Merkmal bestehen.

Der Genetiker Georg Church von der amerikanischen Eliteuniversität Harvard hat es in seinem Buch «Regenisis» so ausgedrückt: «Heute stehen wir in Wissenschaft und Technik an dem Punkt, an dem wir Menschen das, was die Natur bereits hervorgebracht hat, zunächst reproduzieren und dann verbessern können. […] Auch wir können genetische Vielfalt schaffen, die zu der erheblichen Summe beiträgt, die die Natur bereits hervorgebracht hat.»

Neben dem Anspruch, der hier zum Ausdruck kommt, eine bessere Natur herstellen zu können, entdecken Gentechniker den Naturschutz als Anwendungsfeld für sich. Warum nicht eine ausgestorbene Art im Labor neu herstellen und so eine «naturidentische» Version wieder zum Leben erwecken? Wäre es nicht wünschenswert, wenn es die 1914 ausgestorbene Wandertaube wieder gäbe? Eine andere Idee ist, Wildpopulationen außerhalb des Labors direkt in der Natur gentechnisch zu verändern – durch den sogenannten Gene-Drive-Mechanismus.

Was zunächst nach Science-Fiction klingt, ist längst Teil von ganz realen Forschungsprojekten.

So könnten Transgene an alle Nachkommen vererbt werden und sich damit rasant in der Natur verbreiten. Mit dem Mechanismus sollen Populationen sogar gezielt ausgerottet werden – beispielsweise, um einer invasiven Art Herr zu werden.
Was zunächst nach Science-Fiction klingt, ist längst Teil von ganz realen Forschungsprojekten, die weitgehend ohne öffentliche Reflexion stattfinden.

Dabei liegen die Fragen, die sich aus diesen Forschungsansätzen ergeben, auf der Hand: Wo liegen die Risiken eines (gen-)technikorientierten Naturschutzansatzes, der die Probleme lediglich symptomatisch bekämpft, statt die Ursachen zu beheben? Ist es nicht vielleicht auch eine Chance, durch das vermeidlich simple Editieren einzelner Gene eine gefährdete Art resistent gegen eine tödliche Krankheit zu machen? Stellt sich dann aber nicht die Frage, ob und wie der Einsatz von Gentechnik die derzeit gültigen Kategorien im Naturschutz verändert? Ist zum Beispiel ein gentechnisch veränderter Organismus noch schützenswert? Oder eine ursprüngliche Art, wenn sie nach dem Aussterben vielleicht wieder reproduziert werden kann?

Je weiter das Projekt der Synthetischen Biologie, künstliche Natur zu schaffen, voranschreitet, umso größer wird auch ihr Einfluss auf unser Konzept des Lebens und der Natur werden. Bei der Diskussion, ob die Gentechnik im Naturschutz zulässig ist, muss es demnach auch um eine Grenzsuche zwischen der gewordenen und der (gentechnisch editierten) gemachten Natur gehen. Wir müssen uns fragen, ob der Einsatz von Gentechnik im Naturschutz nicht eine kritische Überschreitung dieser Grenze ist. Diese Debatte kann und muss in einem gesellschaftlichen Diskurs geführt werden. Hier kann es auch darum gehen, dem materialistischen Naturbegriff der Synthetischen Biologie ein Naturverständnis entgegenzu- setzen, das von einem Eigenwert der gewordenen Natur ausgeht.


Margret Engelhard ist promovierte Mikro- und Molekularbiologin und leitet das Fachgebiet zur Bewertung gentechnisch veränderter Organismen/Gentechnikgesetz beim Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Bonn.

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