«Sie müssen ein ganz neues Denken anstoßen»

Interview

Shri Pawan Chamling, Ministerpräsident von Sikkim, hat ein ganzes Land auf Bio eingeschworen. Wie hat er das geschafft?

Böll.Thema - Illustration Shri Pawan Chamling
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Shri Pawan Chamling, Sie müssen ein starkes Motiv gehabt haben, um Ihren Traum von 100% «Bio» in Sikkim umzusetzen. Was hat Sie bewegt, was war Ihr Motor?

Am wichtigsten war mir, Sikkim von den gefährlichen Chemikalien zu befreien, die wir uns über die Böden und unsere Lebensmittel ins Land geholt haben. Kunstdünger und Pestizide haben die Gesundheit unserer Menschen und die Biodiversität gefährdet. Es gab nur einen Weg, und der führt zur biologischen Landwirtschaft. Ich war überzeugt, dass so nicht nur die Existenzen der Farmer gesichert werden können, sondern damit auch ein Beitrag zur Rettung der Erde geleistet wird.

Was waren die größten Herausforderungen, alle Farmer auf Bio umzustellen?

Es geht ja zum einen um ein ganz neues Denken, das Sie anstoßen müssen. Zum anderen müssen Sie die Methoden des biologischen Landbaus auf jeden Bauernhof bringen. Schwieriger aber war es, die Institutionen und die Bürokratie zu überzeugen. Als das Parlament meinen Antrag annahm, die gesamte Landwirtschaft von Sikkim umzustellen, hat der damalige Landwirtschaftsminister Hariaram Pradhan dagegen opponiert und behauptet, dass dies unmöglich sei. Konsequenterweise ist er zurückgetreten. Eine weitere Schwierigkeit war, dass bis dato nirgendwo auf der Welt solch ein ambitioniertes Ziel umgesetzt wurde. Das heißt, wir konnten für unserer großes Ziel keine Strategien von anderen übernehmen.

Können Sie deutschen Poli-tiker/innen ein paar gute Tipps geben, wie wir hierzulande wenigstens das bescheidene Ziel von 20 Prozent Bio erreichen können?

Entscheidend wird sein, dass die Regierung den biologischen Landbau als oberste Priorität in ihre politischen Zielsetzungen festlegt. Demnach kann ich nur empfehlen, die Umstellung des biologischen Landbaus zum Staatsziel zu erklären und entsprechend die Politik und die Gesetze darauf auszurichten.

Vandana Shiva, die Wissenschaftlerin und Umweltaktivistin, fordert, den «Rest der Welt» bis 2050 auf biologischen Landbau umzustellen. Ein verrückter, unrealistischer Traum?

Nein, ganz und gar nicht. Ich stimme Vandana Shiva uneingeschränkt zu. Wenn wir auf der ganzen Welt dieses Ziel annehmen und als globale Mission verstehen, dann schaffen wir es bis 2050, dass konventionelle, agro-chemische und industrielle Landwirtschaft der Vergangenheit angehören. Ich bin mir dessen sogar ganz sicher.

Sikkim hat 2017 den One World Award bekommen. Wie haben die Menschen in Ihrem Land darauf reagiert?

Diese Auszeichnung motiviert uns vor allem, uns noch mehr für unseren Staat zu engagieren. Auch dafür, dass der biologische Landbau sich international noch weiter ausbreitet. Das heißt letztendlich auch noch mehr Arbeit, vor der uns aber nicht bange ist. Für mich persönlich bringt diese internationale Anerkennung große Glücksmomente mit sich. Wir bleiben bescheiden, aber man darf auf solche Anerkennung stolz sein.

Sehnen Sie sich manchmal nach so etwas wie Ruhestand, um etwa mehr Zeit für Ihre Passion der Poesie und des Schreibens zu haben?

Nun, ich betrachte mein politisches Engagement wie meine Leidenschaft für Literatur und Poesie als Teil meines kreativen Lebens. Ich bekomme sehr viel Energie durch die Politik, was meine Kreativität befeuert. Ich erwische mich aber schon bei dem Gedanken, dass ich mich eines Tages ganz der Literatur und dem Gedichteschreiben widmen möchte. Aber wegen der Liebe, die ich zu den Menschen von Sikkim empfinde, und weil es mir Freude macht, diesen zu dienen, werde ich der Politik noch eine ganze Weile treu bleiben.


Shri Pawan Chamling ist seit 1994 der amtierende Ministerpräsident des indischen Bundesstaates Sikkim.

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