Weltrettung aus dem Labor?

Was sich tatsächlich hinter Genome Editing, also CRISPR / Cas, Gene Drives & Co. verbirgt.

Pflanzen, die dem Klimawandel trotzen. Lebensmittel ohne Allergene, Hühner, die immun gegen Vogelgrippe sind, Mücken, die keine Malaria übertragen. Das Ende von Aids, Krebs oder Alzheimer und die Lösung für den Hunger in der Welt. Die Versprechen der neuen Gentechnik könnten kaum größer sein. Grund genug, einmal genau hinzuschauen, was sich konkret dahinter verbirgt.

Genome Editing fasst neue gentechnische Verfahren wie TALEN, ZNF, ODM und CRISPR/Cas zusammen, die das Erbgut gezielt verändern. Mit ihnen können Gensequenzen eingefügt, gelöscht oder in ihrer Wirkung verstärkt, ja «umgeschrieben» werden. Das bekannteste und am häufigsten angewendete Verfahren ist CRISPR/Cas. CRISPR steht für sich wiederholende Abschnitte in der DNA von Bakterien, die ihnen zur Immunabwehr von Viren dienen. Cas ist eine Nuklease, also ein Enzym, das Nukleinsäuren spaltet. CRISPR erkennt bestimmte Gensequenzen in der Zelle, Cas «schneidet» dort einen oder beide Stränge der DNA. In der Folge versucht die Zelle, die DNA zu reparieren. Dadurch wiederum entstehen Mutationen, die die ursprüngliche Funktion verändern. Der große Unterschied zu allen anderen Techniken – auch der alten Gentechnik – ist die Genauigkeit, mit der die Änderung durchgeführt werden kann. CRISPR/Cas ist außerdem günstig und lässt sich in fast allen Organismen anwenden – in Pflanzen, Tieren, Mikroben, Viren und auch in menschlichen Zellen.

Jede neue Technologie birgt neben möglichen Chancen Risiken

CRISPR/Cas erlaubt weitreichendere Eingriffe, als bisher möglich waren. Es kann ganze Genfamilien auslöschen, «umschreiben» oder DNA an mehreren Orten im Erbgut gleichzeitig verändern. Derzeit wird etwa an einem Weizen gearbeitet, der weniger Gluten enthalten soll. Dafür soll CRISPR/Cas 35 der insgesamt 45 Gliadine ausschalten. Gliadine sind ein Hauptbestandteil des Glutens und für die Pflanze wichtige Speicherproteine. Es entsteht so eine komplett neue Pflanze. Niemand weiß, welche unerwünschten Eigenschaften sie hat, wie sie auf Umwelteinflüsse reagiert und was passiert, wenn sich deren Pollen unkontrolliert in der Natur ausbreiten. Es besteht also mindestens dasselbe Risiko wie bei der klassischen Gentechnik – das deswegen auch genauso überprüft werden muss.

Umso bedenklicher ist, dass CRISPR/Cas für eine Technologie angewendet werden soll, die ganz vorsätzlich mutierte Gene in Wildpopulationen «aussetzt»: die hoch umstrittenen Gene Drives. Dabei wird mittels Genschere eine veränderte DNA mit erwünschten Merkmalen in das Erbgut eingebaut – und zwar so, dass sich diese Mutation auf alle kommenden Generationen vererbt. Das kann ganze Spezies verändern – also Mücken hervorbringen, die keine Malaria übertragen, oder sie mit unfruchtbaren Weibchen ganz auslöschen. Ein radikaler und riskanter Eingriff in das Ökosystem mit unabsehbaren, unkontrollierbaren und möglicherweise verheerenden Folgen: Was, wenn eine Mückenart ausstirbt, die wiederum anderen Tieren als Nahrung dient? Was, wenn sich die Sterilität auf Arten überträgt, die Blüten bestäuben?

Die neue Gentechnik weckt gewaltige ökonomische Interessen

Jede neue Technologie birgt neben möglichen Chancen Risiken. Auch beim Genome Editing können ungewollte Veränderungen der DNA auftreten. Eine einzige veränderte Eigenschaft kann den ganzen Stoffwechsel so komplexer Organismen wie Pflanzen beeinflussen. Es sollte selbstverständlich sein, dass diese Produkte, die durch Genome Editing entstehen, auf Nebenwirkungen und die Risiken für Mensch, Tier und Umwelt geprüft werden müssen. Entsprechend urteilte der Europäische Gerichtshof im Juli 2018: Alle Organismen, die durch Genome Editing verändert werden, fallen unter das bestehende Gentechnikgesetz.

Der EuGH habe sich «von einem ominösen Bauchgefühl» leiten lassen, kommentierte die Süddeutsche Zeitung, es habe «die Angst gewonnen». Wann immer solche Gegensätze – «Ängste versus Wissenschaft» – konstruiert und Kritiker diffamiert werden, sollte man stutzig werden. Ebenso, wenn Labore die Weltrettung ausrufen. Hungerbekämpfung, Dürreresistenz – all das versprach ja auch schon die klassische Gentechnik. Doch in den vergangenen 20 Jahren wurden fast ausschließlich solche gentechnisch veränderten Organismen auf den Markt gebracht, die gegen Herbizide wie Glyphosat immun sind, Pflanzengift produzieren oder beides zusammen. Profitiert haben vor allem Agrar- und Saatgutkonzerne.

Aber auch die neue Gentechnik weckt gewaltige ökonomische Interessen. In den vergangenen fünf Jahren ist nicht nur die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen rasant gestiegen, sondern auch der Patentanmeldungen. Ein Hintergrundpapier von Testbiotech, dem Institut für unabhängige Folgenabschätzung der Biotechnologie, listet auf, welche Agrarkonzerne Patente auf Grundlage der CRISPR-Technologie haben: Bayer, Monsanto, DuPont und Syngenta. Darüber hinaus haben Bayer, Monsanto und DuPont in den USA Verträge mit Erfindern der DNA-Scheren etwa am Massachusetts Institute for Technology (MIT) und der Universität von Kalifornien, um deren Patente zu nutzen. In vielen Fällen dienen ihnen die neuen Verfahren nur als technische Hilfsmittel zur Erzeugung weiterer Pflanzen, die resistent gegen Herbizide sind und Insektengifte produzieren. Die neue Technologie stärkt ihre Marktmacht und Monopolstellung und hilft, das schädliche Kerngeschäft zu erweitern.


Kathrin Hartmann ist Journalistin und Buchautorin. Zuletzt ist im Blessing Verlag «Die grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell» erschienen. Es ist das Buch zum Dokumentarfilm «Die grüne Lüge» von Werner Boote, in dem sie selbst mitwirkt.

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