«Wer kritisiert, wird bestraft.»

Interview

Die Agrarökologin Angelika Hilbeck hat am eigenen Leib erfahren, dass mit kritischer Biotechnologieforschung kein Blumentopf zu gewinnen ist – zumindest in Bezug auf Fördergelder. Der Erfolg kam trotzdem.

Böll.Thema Illustration Angelika Hilbeck
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Böll.Thema: Frau Hilbeck, wie sollte eine Forschung aussehen, die Gentechnik kritisch begleitet?

Angelika Hilbeck: Es sollte mehr Geld in diese Forschung investiert werden, und sie sollte unabhängig sein – das heißt hier vor allem auch gleichberechtigt. Was wir stattdessen sehen, ist eine Asymmetrie: Selbstverständlich wird jeder sagen, dass Mittel in «Risikoforschung» bzw. «Sicherheitsforschung» – wie man das gerne nennt – investiert wurden in den letzten Jahrzehnten. Aber an wen die Gelder gegangen sind und was da alles als Sicherheitsforschung etikettiert wurde!

Ist das auch Ihre persönliche Erfahrung?

Ich habe auch Mittel aus diesen Töpfen bekommen, aber immer nur als Unterabteilung eines übergeordneten und viel größeren Biotechnologie-Förderprogramms. Sowohl die EU- als auch die nationalen Forschungsförderungsprogramme haben ja immer erst mal einen Topf «Biotechnologie» aufgemacht. Und davon ging dann ein kleiner, im Wesentlichen einstelliger Prozentsatz in Bereiche mit dem Etikett «Sicherheit» oder «Risikoforschung».

Sie meinen also, diese Unterstützung ist nicht mehr als ein Feigenblatt?

Im Wesentlichen ja. Und um diese mageren Gelder haben sich dann auch noch etliche Gruppen beworben, die zum Beispiel Grundlagenforschung über das Funktionieren von irgendwelchen transgenen Konstrukten oder Ähnlichem als Sicherheitsforschung etikettiert haben … Also eigentlich sind nur einige wenige Ausnahmeprojekte an Forscher/innen wie mich gegangen. An Forscher/innen, die sich als komplett unabhängig von der Entwicklung und Förderung von Gentechnik verstehen. Aber mit diesem Verständnis waren wir nur wenige.

Werden Forscher denn dafür bestraft, wenn sie es tun?

Wer immer kritische Fragen gestellt hat, womöglich unliebsame Ergebnisse vorzuweisen hat, dessen Forschungsprogramme wurden eingestellt – jedenfalls bekamen sie kein Geld mehr aus diesen Töpfen. Und die Forscher/innen wurden zum Teil dafür gefeuert.

Gibt es denn trotzdem noch kritische Stimmen innerhalb der wissenschaftlichen Community?

Es gibt sie, ja. Aber wenige. Wir versuchen, die kritischen unabhängigen Forscherinnen und Forscher in einem Netzwerk zu organisieren, dem European Network for Social and Environmental Responsibility.

Wer kritische Fragen gestellt hat, bekam kein Geld mehr.

Welche Art von Forschung brauchen wir denn, um die Landwirtschaft zukunftsgerecht aufzustellen?

Da muss man erst mal fragen, welche Landwirtschaft überhaupt gemeint ist. Wie wollen wir die Agrarsysteme gestalten? Wohl wissend, dass die immer industrielleren Formen der Landnutzung, die wir im 
Moment haben, dysfunktional sind und uns an die Wand fahren, um es mal salopp auszudrücken. Das ist mein Verständnis, das aber natürlich nicht von jenen geteilt wird, die das bestehende System aufgegleist haben und davon profitieren – was im Übrigen eher selten die Bäuerinnen und Bauern sind.

Sondern die Akteure der industriellen Landwirtschaft?

Die haben natürlich ganz andere Narrative – obwohl auch sie sich den Problemen nicht mehr völlig verschließen können und inzwischen ähnliche Herleitungen in ihren Narrativen gebrauchen – das ist definitiv ein  Unterschied zu der Zeit, in der ich angefangen habe. Damals – in den 70ern und 80ern – wurde man ja noch in den Bereich der Esoterik  eingeordnet, wenn man gesagt hat, dass das mit dem Klimawandel problematisch werden könnte. Und den Biodiversitätsverlust beklagt hat, die Wasserverschmutzung, die Bodendegradation und so weiter.

Und heute?

Heute greifen das auch Firmen wie BASF und Bayer auf: Das Wasser ist verunreinigt, und die Böden, das Klima verändern sich, und da müssen wir jetzt unbedingt was tun, selbstverständlich ohne die Verursacher und Gründe dafür zu benennen. Kurzum: Sie eignen sich diese Narrative an, um ihre Lösungsansätze anzupreisen. Die natürlich weiterhin in Richtung Abhängigkeit von patentierten Hightech- beziehungsweise digitalen Paketlösungen derselben Industrien gehen, die uns erst dahin gebracht haben, wo wir heute sind.

Welche Art von Forschung könnte dem entgegentreten?

Dezidiert eine Forschung, die eine Transformation der Agrarsysteme in Richtung ökologischer Systeme fördert – und da wird am Ende die Input-Industrie zwangsläufig der Verlierer sein. Denn wir möchten, dass synthetische Pestizide abgeschafft oder zumindest auf ein absolutes Mindestmaß reduziert werden. Da müsste die Industrie sich halt neu erfinden, das verlangen sie ja auch von allen anderen.

Und der Gewinner wäre dann …?

Der Rest der Welt. Alle. Alle, außer der Input-Industrie. Aber weil diese so eine Dominanz und Machtfülle hat, blockiert sie zusammen mit ihren Alliierten – z. B. den Groß-Bauern-verbänden – bislang ziemlich erfolgreich den Fortschritt hin zu einer modernen, produktiven, agrarökologischen bäuerlichen Landwirtschaft. Die größten Fortschrittsblockierer sind die globalen Konzerne, die dieses für sie außerordentlich lukrative System mit aufgegleist haben, wie es heute ist. Und das zu diesen Verwerfungen geführt hat.

Und die Universitäten halten dagegen?

Eher weniger. Die arbeiten ja mit der Industrie oftmals zusammen und helfen mit, deren patentierte Hightechpakete zu entwickeln. Das ist ein Prozess, der ja schon seit Jahrzehnten so läuft. In Amerika kommt keine Universität mehr ohne Corporate Funding aus – und schon gar nicht im Agrarsektor. Aber Industrievertreter oder der Industrie nahestehende Forscher sitzen auch in politischen Gremien, die über Forschungspolitik entscheiden und damit steuern, welche Forschungsfragen und -gebiete überhaupt bearbeitet werden sollen und wer wie viel Geld dafür bekommt.

Sie sind auch in allen anderen Bereichen des Wissenschaftsbetriebs sehr gut vertreten, wie zum Beispiel in den wissenschaftlichen Publikationsjournalen und so weiter. Das eine bedingt das andere. Wenn Sie, sagen wir, 600 Millionen oder auch Milliarden ausgeben, um biotechnologische Institute oder Forschungsbereiche der angewandten Molekularbiologie aus dem Boden zu stampfen, dann werden Sie am Ende eben Tausende Molekularbiologen haben. Und wenn Sie nur ein Zehntel oder Hundertstel davon in agrarökologische Forschung investieren, dann haben Sie eben nur ein paar Hundert, die sich agrarökologisch betätigen oder unabhängige Risikoforschung betreiben. Wie sagt man in Amerika so schön: You get, what you paid for.

Gibt es denn auch Beispiele dafür, wie es besser laufen könnte?

Es ist verblüffend, wie viel sich an Bioforschung respektive agrarökologischen Projekten etabliert hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Im Moment erlebt die Agrarökologie ja geradezu einen Höhenflug, und man kann sich heute stolz hinstellen und sagen «Ich bin Agrarökologin». Da wäre man vor zwanzig oder dreißig Jahren noch ausgelacht worden. Das alles ist nicht wegen, sondern trotz der Brosamen an Forschungsgeldern geschehen. Mit ganz wenig Geld wurde ganz viel erreicht. Man stelle sich nur vor, was dieser Forschungsbereich zu leisten imstande wäre, wenn man in ihn genauso viel Geld investieren würde wie in die Biotechnologie und den IT-Sektor. Oder gar die heutigen Verhältnisse umkehren würde zugunsten der Agrarökologie.


Angelika Hilbeck ist Agrarökologin. Sie forscht und lehrt am Institut für Integrative Biologie im Departement Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich. Arbeitsschwerpunkt: Auswirkungen von gentechnisch veränderten Pflanzen auf Ökosysteme.

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