Willkommen in Sikkim

100 Prozent Biolandbau ist möglich. Ein kleiner indischer Bundesstaat macht es vor – und hat damit das Herz unseres Autors Bernward Geier erobert.

s muss ein anderes Indien sein. Es ist weder laut noch hektisch, und auf den Straßen liegt kein Plastikmüll. Es gibt viele Bäume, unzählige Bäche, Flüsse und Seen – und Wasserfälle mit kristallklarem Wasser. Die Affen sind frech wie überall. Sie säumen mit ihren Clans die Hauptstraße und posieren gerne mit den Neuankömmlingen für einen Schnappschuss. Beeindruckende Terrassenfelder und Bauernhöfe an steilen Hängen in schwindelerregender Höhe. Bio-landbau, wie Touristen sofort erklärt wird, 100 Prozent Biolandbau. Seit 2016.

Selbst wenn man nicht an Wunder glaubt, kann man von den ersten Minuten an in diesem kleinen Land nur staunen. Staunen über das, was möglich ist, wenn einer Vision Taten folgen. Die Vision hatte Shri Pawan Chamling, ein Bauernjunge aus Sikkim, der eine steile politische Karriere hingelegt hat und jetzt Ministerpräsident des Bundesstaats ist.

Viele hielten ihren Präsidenten für einen Fantasten

Das ehemalige Königreich Sikkim befindet sich im Nordosten Indiens und grenzt an Nepal, China und Bhutan. Mit 7.000 Quadratkilometern ist es das kleinste Flächenland Indiens. Die meisten der 650.000 Einwohner leben in ländlichen Regionen. Nur 25 Prozent wohnen in kleinen Städten. Mit 30.000 Einwohnern ist die Hauptstadt Gangtok die größte Stadt des Bundesstaates Sikkim.

Shri Pawan Chamling wuchs auf einem Bauernhof auf und ging als Erwachsener in die Politik. 1994 wurde er zum ersten Mal zum Ministerpräsidenten gewählt. Als er vor 15 Jahren verkündete, ganz Sikkim auf Biolandbau umstellen zu wollen, hielten ihn viele für einen Fantasten, wenn nicht sogar für einen Spinner. Mittlerweile wurde der stets zurückhaltend auftretende Chamling zum fünften Mal in seinem Amt bestätigt und trägt den Beinamen «grünster indischer» Ministerpräsident.

Im Jahr 2017 wurde Chamling für sein Engagement mit dem One World Award der Biofirma Rapunzel ausgezeichnet. Dieser wird an Menschen und deren Projekte vergeben, die «im Sinne einer positiven Globalisierung diese Welt innovativ und engagiert zu einer besseren Welt machen».

Einfach war die Umstellung nicht. Die Farmen in Sikkim sind klein, und es gibt viele. Es gibt 65.000 Bauern, und im Schnitt bewirtschaftet jeder von ihnen nur um die 1,5 Hektar Acker. Und sie alle mussten erst einmal überzeugt und im Biolandbau geschult werden. Das war eine echte Herausforderung bei den vielen kleinen, größtenteils sehr abgelegenen Höfen.

Kluge Strategien waren gefragt – und bald gefunden. So wurde Kunstdünger nicht einfach verboten, sondern unattraktiv gemacht, indem die staatliche Subvention für Chemiedünger jährlich um zehn Prozent gekürzt wurde. Bereits nach ein paar Jahren war kein Bauer mehr an Kunstdünger interessiert.

Biobauer wurden die Landwirte in Sikkim natürlich nicht nur, indem sie Agrarchemie wegließen. Sie wurden richtig geschult, von Beamten, die ihrerseits vorher in ökologischen Landbaumethoden ausgebildet worden waren. So lernten sie zum Beispiel, Kompost herzustellen und damit zu düngen. Sikkim setzt insbesondere auf die sogenannte Wurmkompostierung. Wie produktiv die sein kann, sieht man zum Beispiel an den Maisfeldern mit ihren drei bis vier Meter hohen, saftig grünen Pflanzen. Besonders beeindruckend sind auch die aprikosengroßen Kardamomtriebe, die hier geerntet werden.

Biotee und Biokardamom werden exportiert

Auf dem Weg zu 100 Prozent Bio war es auch wichtig, eine Zertifizierung zu etablieren und einen Markt für die Ware aufzubauen. Heute werden alle Farmen nach internationalem Standard zertifiziert. Der einzige große Landwirtschaftsbetrieb, die staatlichen Temi-Teegärten, tragen seit kurzem sogar das Fairtrade-Siegel. Für den Verkauf der vielen Bioprodukte wurde auf dem großen Markt in der Stadt Gangtok ein eigener Biomarkt etabliert. Inzwischen gibt es auch kleine Bioläden und Ab-Hof-Verkauf. Einige Produkte wie Tee und Kardamom werden exportiert. Ein kluger Schachzug, um Bio weiter zu fördern, ist ein Gesetz, das ab 1. April gilt. Dann darf kein konventionelles Gemüse und Obst mehr nach Sikkim eingeführt werden.

Das Dorf Bul liegt hoch oben in den Bergen. Hier bauen 285 Familien in «Eiger-Nordwand»-Steillagen Obst, Gemüse und Blumen an. Die Terrassenfelder sind schmal und erinnern an ausgelegte Handtücher. Ein Bauer bearbeitet hochkonzentriert mit einem kleinen Pflug samt Kuhgespann den Boden. Unglaublich, wie trittsicher die Kühe auf der Stelle wenden: hoch, drehen, runter, und schon ist der Boden gepflügt.

In Sikkim ist man stolz darauf, Bauer zu sein

Familie Gurung bewirtschaftet einen Biobetrieb in Bul. Auf dem Hof leben – typisch für Sikkim – drei Generationen. Neben den hochbetagten Großeltern und dem Landwirtehepaar packt auch die junge Generation mit an. Die Nachfolge ist hier überhaupt kein Problem. Dank der Zukunftsperspektiven und des Vorbilds der Eltern, die stolze und erfolgreiche Bauern sind, bleibt die Jugend in Sikkim durchaus auf dem Land.

Besucher sind in Bul immer und gerne ein Anlass, ein Fest zu feiern. Entsprechend freundlich ist die Begrüßung. Schmuck wie orange-gelbe Tagetes-Blumenkränze und bunte Seidenschals werden verteilt, später spielt Musik, die Menschen singen und tanzen. Nach vielen leckeren Gerichten aus Kartoffeln und Gemüse, gegrilltem Hähnchenfleisch, Fleisch vom Yakrind und Chang, ein nach Federweißer schmeckendes Getränk aus vergorener Hirse, spricht Frau Gurung eine Einladung zum Essen aus. Wie bitte? Schon wieder essen? «Klar, bisher gab es doch nur Snacks», antwortet sie.

Auf dem Hof Kühe, Ziegen und viele Komposthaufen. Sie sind ebenso wie die Fässer mit biologischen Pflanzenschutzmitteln beschriftet, denn der Betrieb der Familie ist das Lernzentrum für alle Farmer in Bul. Auf den Feldern werden unter anderem Kartoffeln, Kohl, Möhren, Lauch, Knoblauch und Ingwer angebaut. Wirtschaftlich besonders attraktiv ist der Anbau von Kardamom, für den Sikkim weltweit der wichtigste Produzent ist. Besonders schön sind die kleinen Blumenfelder, die es überall zu bestaunen gibt – und die auch zum Einkommen beitragen. Bei der Führung über den Hof wird schnell klar, wer hier das Sagen hat. Frau Gurung hat stolz die Felder gezeigt, den Kompost erklärt und alle Fragen beantwortet. Was hat ihr Bio gebracht? «Ein gutes Einkommen und eine sichere Zukunft für die Familie», war ihre Antwort.

Sikkim hat noch viel mehr zu bieten als biologischen Landbau. 30 Prozent des Landes sind als Nationalpark oder Naturschutzgebiet ausgewiesen. Der Kanchengdzonga-Nationalpark ist der einzige Park der Welt, der gleichzeitig UNESCO-Biosphärenreservat und UNESCO-Weltkulturerbe ist. Benannt ist er übrigens nach dem dritthöchsten Berg der Welt, dem über 8500 Meter hohen Kanchengdzonga – auch Schlafender Buddha genannt. Für die Einwohner von Sikkim ist der Berg heilig, weshalb er auch nicht von Sikkim aus bestiegen werden darf.

Beeindruckend sind auch die strengen Regeln, die den Tieren und der Umwelt zugutekommen. So darf in Sikkim weder gejagt noch gefischt werden. Auch das Fällen von Bäumen ist verboten. Als Strafe für einen gefällten Baum muss der Täter zehn neue pflanzen. Einmal im Jahr wird mit dem Projekt «10 Minuten für Mutter Erde» das ganze Land mobilisiert. Dann pflanzt quasi die ganze Nation Bäume.

Die Energieversorgung erfolgt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien. Der Strom aus Wasserkraft- und Solaranlagen wird sogar exportiert und trägt maßgeblich zum Staatshaushalt bei. Das Vermeiden von Müll und Recycling sind in Sikkim beinahe Staatsziele. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei Plastik. Bei allen staatlichen Institutionen und öffentlichen Anlässen wird Wasser nur aus Glasflaschen und in Gläsern serviert.

Nach sechs Tagen wird der Willkommenstorbogen zum Abschiedstorbogen. Es ist schwer, Sikkim zu verlassen. Bis zur nächsten Reise bleiben die Eindrücke und Fotos, die zeigen, dass das alles kein Traum war. 100 Prozent Bio ist tatsächlich machbar. Würden sich doch nur alle Politiker von Ministerpräsident Shri Pawan Chamling inspirieren lassen.


Bernward Geier war 18 Jahre lang Direktor des Welt-Bio-Verbands IFOAM – Organics International. Heute lebt er auf einem Biobetrieb nahe Köln.

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