Hinter dem Hyperloop – und noch viel weiter

Unser Autor berichtet aus dem Alltag der Zukunft. Es gibt dort Avocadobäumchen ohne Milben – und Deliverydrohnen, Sharing-Roller und autonome Glaskästen, die noch immer Busse heißen.

Von hellblau glimmenden Plasmadüsen angetrieben, rauschen unzählige fancy Luftschiffe über- und untereinander durch die Schluchten der Hundertmillionenmetropole, vorbei an den von überdimensionalen Neonreklamen umsäumten schwebenden Plattformen und bis ins All hinaus ragenden Hochhäusern, auf deren Dächern eine Horde mit Laserkanonen um sich ballernder Spinner eine interstellare Schlacht anzettelt. Haben wir früher mal ernsthaft geglaubt, dass unsere Zukunft so aussehen würde?

Sonnenstrahlen quetschen sich zwischen den Vorhängen vorbei, der absurde Sound futuristischer Waffen und explodierender Aliens hallt durchs Zimmer, wir müssen vor der Glotze eingeschlafen sein. Als wir uns gestern Abend auf der Couch eine bessere Zukunft erträumt haben, hatte das Netz ein paar Filmvorschläge für uns parat. Und so zogen wir uns bei einer schon ziemlich verstaubten Flasche 2018er Spätburgunder zwei, drei Science-Fiction-Schinken rein. Als ob sich die Welt in kürzester Zeit auf den Kopf drehen könnte.

Jetzt stehe ich in Bademantel und Filzpuschen mit einer Tasse Kaffee auf dem Balkon und inspiziere die Blätter der Avocadobäumchen. Alles im grünen Bereich. Keine Milben in Sicht. Auch kein Laserkanonenfeuer oder Plasmadüsen weit und breit. Die Hauptstraße unter mir ist immer noch halbseitig gesperrt, der poröse Asphalt wird durch Strom erzeugenden Solarbelag ersetzt. Ein paar Leute in Orange sammeln Müll auf, ein paar in Grün schieben Hochbeete auf die Parkbuchten. Es ist Montag, kurz vor neun, und alle Fahrzeuge der Stadt sind längst in Dauernutzung.

John liegt komatös zwischen zwei Sofapolstern auf dem Teppich, noch in der Kleidung, in der er eingeschlafen ist. Sieht nicht wirklich bequem aus. John hat bestimmt schon ein Dutzend Mal eine Übernachtung bei mir gebucht. Und mich gestern überredet, persönlich zu dem Casting zu fahren und mich für den Job zu bewerben, anstatt einfach das Holoportfolio hochzuladen. Die wichtigen Dinge erledige man am besten immer noch oldschool, meinte er. Körperliche Präsenz sei ein Zeichen von Würde und Respekt, jedenfalls dort, wo er herkomme.

Die Wohnung ist eigentlich immer von vier, fünf Leuten gleichzeitig belegt, das Auto und alle Räder, Roller und Boards inklusive. Das Sharing regelt das Netz cashless und zuverlässig, mit den meisten Nutzenden spreche ich kein Wort. Mit John schon. Wie etliche Klimageflüchtete aus dem äußeren Ring der unbewohnbaren Zone pendelt er fast wöchentlich hierher, und um Geld zu sparen, fragt er immer, ob er statt zu bezahlen irgendwas reparieren oder programmieren kann. Ich sage eigentlich immer ja. Diesmal hat John den Fernseher und zwei Tablets mit dem Küchenmainboard synchronisiert, damit die Datensätze über mich nicht mehr doppelt und dreifach ins Netz geladen werden.

Der Newsfeed im Badezimmerspiegel zeigt nicht viel Neues. Der öffentliche Hyperloop wird wieder um ein paar hundert Kilometer Magnetschiene ausgebaut, Peking verstößt gegen Umweltauflagen, die US-Präsidentin nörgelt. Genau wie die Krankenkasse, die gestern knappe 3000 Schritte mehr von mir erwartet hat und einen strikteren Ernährungsplan empfiehlt. Könnte euch so passen. Die Rationen aus dem Bioreaktor mögen ja fürchterlich gesund und auf meine Bedürfnisse abgestimmt sein. Nur halt nicht auf meinen Geschmack.

Ist doch merkwürdig: Wir können zum Mars fliegen, aber keine Steaks drucken, die nicht wie Schuhsohlen schmecken. Wir haben den Straßenverkehr in den Städten elektrifiziert und automatisiert, aber den unmittelbaren Luftraum dürfen wir immer noch nicht privat nutzen. Viel zu gefährlich, meint der Senat. Viel zu überfällig, meine ich!

Ich muss an die alten Filme denken. Sie haben uns Weltfrieden und unend­liches Leben versprochen. Dass wir uns nur deshalb nicht mehr bekriegen, weil alle genug mit Naturkatastrophen zu tun haben, hat keiner vorhergesagt. Und dass wir auch trotz gezüchteter Ersatzorgane noch immer sterben müssen. Wir sind neun Milliarden, wir leiden keinen Hunger, wir sind gebildet, und trotzdem treten wir auf der Stelle. Ich will das ändern.

Ich will auf keinen Fall die 3000 Schritte von gestern nachholen. Bin sowieso spät dran. Also schnell mit den Smartglasses die Verbindungen der Öffis gecheckt und raus auf den Flur. Ich halte der Deliverydrohne die Tür auf, damit sie in Ruhe den Kühlschrank auffüllen kann. Vor meinem rechten Auge erscheinen die ersten Optionen, fuck, zur Plattform muss ich es gar nicht erst versuchen. Alle städtischen Lufttaxis ausgebucht. Und kein freier Platz in einem Auto in Sicht. Bleibt also nur der Bus.

Bildnachweise
Lautlos kriecht der autonome Glaskasten über den Asphalt. Schon wieder ein sinnloser Stau, der mir die Zeit raubt. Die Info dazu erscheint links im Sichtfeld. Irgendein nostalgieverrückter Tradi­tionalist hat mit so einer mechanischen Dreckschleuder einen Unfall gebaut, sagt das Netz. Ist in eine viergeschossige Akkutauschstation gebrettert, weil er Kupplung mit Bremse verwechselt hat. Menschliches Versagen. So etwas ist früher wohl ständig passiert. Wie das die Leute ausgehalten haben. Erst irrwitzige vierzig Stunden die Woche arbeiten und dann die restliche Zeit hinter dem Steuer ihrer Autos, entweder Unfälle bauen oder im Stau vergammeln.

Sie hätten darin eine bequeme Freiheit empfunden, so etwas wie Selbstbestimmung, hat mal meine Mutter erzählt. Manche hätten sogar Wert darauf gelegt, Autos zu besitzen, die teurer sein mussten als die der anderen. Eine Art rudimentäres Balzverhalten. Heute unvorstellbar. Oder dass Menschen, selbst wenn sie dicht an dicht nebeneinander lebten, ihre Dinge nicht mit anderen teilen wollten. Schon gar nicht ihre Fahrzeuge, egal, wie viele Sitzplätze frei waren, hat sie erzählt. Sie hat vor meiner Zeit sogar selbst noch in Gütertransportern sitzen müssen, zur Sicherheit, falls die Technik aussetzt und das Fahrzeug nicht mehr selbst fährt. Heute kümmert sie sich um eine ganze Kolonne von Transportern, von zu Hause aus, mit den Händen am Controller anstatt am Lenkrad.

Im alten Finanzdistrikt stehen die alten Wolkenkratzer in voller Blüte. Bäume und Sträucher sprießen aus den Fenstern und Dächern. Hier sieht es so viel netter aus, seitdem die ehemaligen Bürogebäude von den Vertical Farmers genutzt werden. Ursprünglich wohnten dort unzählige Angestellte, die Schreibtische zu Unternehmen zusammengerückt hatten, als das Netz noch für gemeinschaftliches Homeoffice zu langsam war. Und jetzt komme ich mir aus der Zeit gefallen vor, wenn ich das Haus verlasse, nur um meine Kollegen zu sprechen.

Ich gehe noch einmal die Präsentation für das Projekt durch. Wir sind so nah dran, dass die Breitbandversorgung endlich rundläuft. Sobald wir flächendeckend 7G haben, machen wir das Brain-Computer-Interface endlich serientauglich. Dann könnten wir auf alle Controller, Schalter, Hebel und Tasten verzichten. Dann würden wir nicht länger über händische Befehle durchs Netz steuern – sondern mit unseren Gedanken! Wir würden die Welt revolutionieren. Geschichte schreiben. Ich will den Job unbedingt haben.

Dann ploppen eine paar Nachrichten in den Smartglasses auf. Ein paar Top-Bewertungen und neue Buchungsanfragen für die Unterkunft. Und eine Notiz von John. Er schreibt, er könne beim nächsten Mal die Bewässerung für die Avocadobäume optimieren. Ich checke sein Profil im Netz. John und ich, wir geben ein ganz gutes Match ab, empfiehlt der Algorithmus. Ähnliche Werte bei Ausbildung, Diät, Lifestyle und politischen Idealen. Macht zusammen eine Übereinstimmung von 
87 Prozent.

Wie wär's mit einem weiteren Filmabend, schreibe ich John. Vielleicht ein paar alberne Hollywoodentwürfe über Künstliche Intelligenz oder so. Aus einer Zeit, als wir glaubten, die Maschinen würden uns erst die Arbeit nehmen, uns dann enteignen und schließlich ausradieren. Als wir noch Erdöl im Blut hatten und den Fortschritt fürchteten. Wir könnten die Sache mit der Singularität diskutieren. Und dann vielleicht was essen gehen.


Philipp Brandstätter lebt als freier Journalist in Berlin. Er manövriert sich gegenwärtig noch immer mit dem eigenen Fahrrad durch lebensbedrohliche Verkehrsmassen.

Lizenz dieses Artikels: CC-BY-NC-ND 4.0

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