Ideen muss man haben!

Dass sich der Verkehr, vor allem in Großstädten, ändern muss, darüber sind sich mittlerweile die meisten Menschen einig. Doch wie? Jenseits der zähen und kontrovers geführten Debatten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft haben einige Start-ups und zahlreiche Initiativen längst angefangen, die unterschiedlichsten Konzepte zu entwickeln und umzusetzen. Mobilität auf Lastenrädern, mit der Kraft der Sonne und mit ressourcensparenden digitalen Tickets. Auswahl gefällig?

Mit der Sonne auftanken

«Die ideale Welt wäre, wenn jedes Fahrzeug auf der Straße elektrisch fährt und geteilt wird», schwärmt Laurin Hahn. «Daran arbeiten wir.» Als Student hat er mit zwei Kommilitonen ein Auto, den Sion, ausgetüftelt, das sich selbst auflädt: Solarzellen fangen die Kraft der Sonne ein. Sie sind vollflächig in die Karosserie integriert. Doch nicht nur das: Der Sion kann andere E-Autos aufladen. Hahn will aber noch mehr: Die Käufer/innen sollen die Autos mit anderen Menschen teilen. Darum tüfteln die Münchener an einer App, um den Sion ausleihen und zum Mitfahren anbieten zu können. Hahn ist das sehr wichtig: «Nur emissionsfrei und mit Sharing ist Individualverkehr in immer stärker wachsenden Städten für unsere Gesellschaft tragbar.»

Anfangs ob ihrer Vision belächelt, werden die Münchener inzwischen ernst genommen. Heute arbeiten knapp 100 Menschen daran, ihre Ideen auf die Straße zu bekommen – Innovationen, die die großen Autobauer verschlafen haben. Um Sono Motors gründen zu können, erhielten die drei Männer erst von Privatleuten Geld, dann kamen rasch immer mehr private Investoren hinzu. «Darum kann die Serienproduktion starten», sagt Hahn. Der Sion soll ab Mitte 2020 das erste seriengefertigte Solarauto sein – binnen acht Jahren sollen 260.000 Fahrzeuge vom Band rollen. Dafür haben sie im April eine schwedische Fabrik gewonnen. Menschen aus 34 Ländern haben bereits 9.800 Fahrzeuge reserviert. Konkurrenz fürchtet Hahn nicht. Er sagt: «Der E-Mobilitätsmarkt ist noch am Anfang, sodass das Potenzial für neue Geschäftsmodelle enorm ist.»

Laurin Hahn, Jg. 1994, hat Elektrotechnik studiert, bereits mehrere Firmen gegründet und ist heute Chef von Sono Motors.


Keine leeren Lkw mehr!

Der Gedanke kam Rolf-Dieter Lafrenz im Stau: Sooo viele Lkw und ein Viertel davon leer – ein Unding und zu viele Abgase. Könnte Künstliche Intelligenz helfen, die Leerfahrten zu reduzieren? Gedacht, getan. Lafrenz gründete die Spedition Cargonexx, die voll digitalisiert arbeitet: Selbstlernende Algorithmen kombinieren die gewünschten Transporte und Touren im Voraus so, dass die Lkw auch auf den Rückfahrten beladen sind. Die höhere Auslastung dämpft nicht nur die Kosten, sondern vor allem sinken die CO2-Emissionen um zehn Prozent.

Die ersten Schritte des Start-ups finanzierte der Gründer selbst, dann stiegen Privat¬unternehmer ein. Doch Geld ist nicht alles: Nötig sind sehr viele Partner. «Transport- netz und Kundennetz gleichzeitig aufzubauen, war das Schwierigste», berichtet Lafrenz. Trotz Rückschlägen hielt er durch und kooperiert heute mit gut 8.000 Firmen, die mehr als 120.000 Lkw haben.

Doch eine Spedition allein kann den mit 350 Milliarden Euro riesigen Markt für Lkw-Transporte nicht umweltfreundlich machen. Sollen andere sein Geschäftsmodell kopieren? «Ja, unbedingt! Wir brauchen die Verkehrswende ganz dringend: Wenn der Lkw-Transport in den nächsten zehn Jahren um ein Drittel wächst, verpassen wir alle Klimaziele und werden gravierende Verkehrsprobleme bekommen.»

Rolf-Dieter Lafrenz, Jg. 1967, ist Betriebswirt, seit 1996 geschäftsführender Gesellschafter der Schickler Unter¬nehmensberatung und seit 2016 Chef von Cargonexx in Hamburg.

Foto: © Michael Kuchinke Hofer


Voll besetzt von Tür zu Tür

Wie kann man Privatautos, in denen nur eine Person sitzt, in Städten überflüssig machen? Diese Frage trieb die Gründer von Door2door um – und sie entwickelten eine Software für «Ridepooling». Das ist eine flexible Mitfahrgemeinschaft als öffentliches Verkehrsangebot: Per App melden Menschen ihren Bedarf an und können fast überall ein- und aussteigen, dank eines dichten Netzes «virtueller» Haltestellen. «Damit können Städte und Verkehrsunternehmen ergänzend zu Bussen, Tram und U-Bahn dann Mobilität produzieren, wenn und wann sie gebraucht wird», erklärt Sabrina Meyer, Leiterin Kundenmanagement. «Dann fahren Fahrzeuge voll besetzt und die Emissionen sinken deutlich.»

Solch ein Ridepooling startet 2019 in Duisburg, wo es von Door2door schon eine ÖPNV-App gibt, die auch Car- und Bikesharing erfasst. Seit August läuft ein Test in Freyung, um im ländlichen Raum die Lebensqualität zu steigern. Hier könnten flexible öffentliche Sammeltaxis die Abwanderung bremsen und den Zuzug erleichtern.

Fast 100 Menschen aus 35 Nationen arbeiten in dem Start-up für diese Ideen. Gründerinnen und Gründer, Investorinnen und Investoren gaben dafür seit 2012 rund 25 Millionen Euro. Eine kleine öffentliche Förderung «war als Vertrauensbeweis wichtig, weil unsere Kunden auch in öffentlicher Hand sind». Und diese springen an, etwa in Berlin, München, Portugal und Italien.

Sabrina Meyer, Jg. 1986, ist studierte Medienmanagerin, entwickelte bei der DB Regio Bus digitale Innovationen und ist seit 2017 bei Door2door.

 


ÖPNV leicht gemacht

Wie schön wäre es, mit einem Klick sein Ticket zu erhalten, ohne lange an Automaten den richtigen Tarif suchen zu müssen! «Einsteigen, einmal klicken und los geht’s» – so stellt sich Marina Weinehl den öffentlichen Nahverkehr vor. Eine App erkennt, wann die Fahrt beginnt und zu Ende ist, erst dann wird abgerechnet, zum günstigsten Preis. Dafür engagiert sich die Geschäftsführerin der Münchener Firma BlueGo im siebenköpfigen Team. Materialintensive Automaten sollen verschwinden.

Die Idee zur Ticketbuchung per Smartphone entstand im Studium. Fast ein Jahr haben die Gründerinnen und Gründer geforscht. Dann war monatelang Geduld nötig, um einen Partner zu finden. «Es dauert sehr lange, bis man bei Verkehrsgesellschaften an die richtigen Leute kommt», sagt Weinehl. Sie und ihre Mitstreiter blieben beharrlich und kämpften sich durch bürokratische Hürden bei der Firmengründung.

Die Stadtwerke Augsburg sahen das Potenzial und finanzieren das Vorhaben. «Deren Geschäftsführer ist sehr offen für Innovationen», sagt Weinehl gut gelaunt. Zig Mitarbeiter erproben die App, ab 2020 soll ein öffentlicher Test folgen. Künftig will das Start-up von Lizenzeinnahmen leben. Es plant derzeit ein Pilotprojekt für den Aschaffenburger Verkehrsverbund. Weinehl ermuntert andere, sich das Geschäftsmodell anzuschauen: «Wir möchten möglichst viele Firmen inspirieren, einen Beitrag zu leisten, denn wir alleine würden das wegen der Zersplitterung des ÖPNV gar nicht schaffen.»

Marina Weinehl, Jg. 1997, ist Betriebswirtin, arbeitete im Studium bei Apple und gründete 2018 mit Felix Pröhl und Lucas Böhnisch BlueGo.


Fast emissionsfrei unterwegs

Wer rasch etwas versenden will, beauftragt Kurierdienste. Diese transportieren die Sendungen meist in herkömmlichen Autos. Anders das Berliner Fahrwerk Kurierkollektiv: 45 Personen bringen zahllose Dinge mit Fahrrädern und Lastenrädern durch Berlin: Drucksachen, Steuerunterlagen, Zahnersatz. «E-Mopeds wollen wir nicht, weil alles, was damit transportiert werden kann, auch fürs Rad taugt», sagt Patrick Vobis. Nur für so was wie Veranstaltungstechnik müssen die beiden E-Transporter her.

Noch etwas unterscheidet die Berliner: «Wir sind ein Kollektiv.» Da es diese Rechtsform nicht gibt, ist Vobis zwar pro forma Geschäftsführer, aber doch Gleicher unter Gleichen. Die Kurierinnen und Kuriere taten sich 2009 zusammen, um bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen. Denn viele Kurierdienste beauftragen Subfirmen, die keine Mindestlöhne zahlen. Anfangs arbeiteten sie auf eigenen Rädern und ohne Lohn, doch dann entkamen sie dem Dumping. «Wir zahlen ziemlich genau das aus, was wir an Einkünften haben – das entspricht dem Mindestlohn», sagt Vobis. Somit gehen die drei Ziele auf: umweltfreundlich zu sein und selbstorganisiert mit gleichem Lohn für alle.

Patrick Vobis, Jg. 1982, arbeitete als Industriekaufmann in der Papierindustrie und Medizintechnik und seit 2008 als Fahrradkurier.


Text: Susanne Bergius
Fotografie: Michael Kuchinke-Hofer

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