Hier wimmelt das Leben

Utrecht ist um eine Attraktion reicher: Die Stadt im Herzen der Niederlande beherbergt seit Kurzem das ­größte Parkhaus der Welt – für Fahrräder. Ein glänzendes ­Beispiel für die urbane Infrastruktur der Zukunft.

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Ortstermin am Hauptbahnhof: Tatjana Stenfert Kroese, Leiterin des Bauprojekts für die Stadt Utrecht, führt flotten Schrittes durch das gigantische Gebäude. Auf drei Stockwerken, in Doppelstockanordnung, nichts als Räder und verfügbare Ständer, 350 Meter lang sind die Hallen. Als Dach dient der neue Bahnhofsvorplatz. Im Innern des Gebäudes radeln Radfahrer/innen zu ihrem Stellplatz. Die Radwege sind rot markiert, mühelos erreichen die «fietsers» über den flachen Anstieg die nächst höher liegende Etage. Vis-à-vis rauschen Radfahrer/innen hinunter gen Ausgang. «Hier herrscht Einbahnstraßenverkehr», erklärt Stenfert Kroese. Die Kund/innen können einander sehen, während sie auf den verschiedenen Ebenen ihre Kreise ziehen. Und nicht nur das, auch die Stadt wurde hereingeholt mittels großer Fensterpartien. Auf der Längsseite zum Bahnhof fahren Stadtbusse durchs Bild, laufen Fußgänger. Hinter dem Glas zu Hoog Catherijne, dem Shoppingcenter Utrechts, wird noch gebaut. «Hier werden später die Waren be- und entladen», erzählt die Projektleiterin. Im Parkhaus wimmelt es nur so vor Leben – eine beeindruckende Idee des Architekten.

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Utrecht Centraal ist der zentrale Verkehrsknotenpunkt der Niederlande. «Jeden Tag kommen hier 200.000 Reisende an», sagt Matthijs Keuning, der Pressesprecher der Stadt, auch er ist zugegen bei diesem Rundgang. Wie die Idee zu diesem Parkhaus entstand? Utrecht Centraal musste erneuert und fit gemacht werden für die Zukunft. «Grundlage der neuen Vision war, dass sich für die Fußgänger alles auf einer Ebene abspielen sollte und sie nicht vom Straßenverkehr beeinträchtigt werden», erzählt die Projektleiterin. Für Radfahrer/innen war daher eine eigenständige Lösung geboten. «Sie sollten mit dem Rad ganz nah an den Bahnhof heranfahren und das Rad an einem Ort abstellen können, den wir vorgeben.» Wahllos abgestellte Räder und verwaiste Drahtesel, ein vertrautes Bild in niederländischen Städten, sollten der Vergangenheit angehören.

Eine Dame checkt ein mit ihrem OV-Pass, dem Fahrausweis für öffentliche Verkehrsmittel. Im Keller sind noch 1.047 ­Stellplätze verfügbar, meldet die Leuchtanzeige, die Dame saust los. Stenfert ­Kroese greift zum Smartphone, demonstriert die App, die freie Plätze anzeigt. «Dieses Leuchttafelsystem haben wir in der ganzen Stadt», erläutert sie. Sieben Radgaragen gibt es im Bahnhofsgebiet «mit 22.000 Stellplätzen plus 11.000 in den Betrieben», sagt Keuning. Wir nähern uns dem Bereich, der für Räder mit breiten Lenkern, großen Körben, Kindersitzen reserviert ist. «Bakfietsen müssen in eine andere Garage», erzählt die Projektleiterin, «28 Tage kann das Rad hier stehen bleiben, dann wird es entfernt und kommt ins Depot.» Von den 1.000 Leihfahrrädern weiter vorn sind heute viele unterwegs, «der Bedarf ist groß», sagt Stenfert Kroese. Im Fahrradparkhaus arbeiten 40 Angestellte. Rund um die Uhr sind Mitarbeiter/innen vor Ort. Eine Etage höher befindet sich eine Fahrradwerkstatt.

30 Millionen Euro haben die Stadt und die Niederländische Bahn hier investiert. «Utrecht möchte sich als Fahrradstadt profilieren», sagt Stenfert Kroese, denn was die Erreichbarkeit der Innenstadt anbelange, gehöre dem Rad die Zukunft. Utrecht, eine Stadt mit gut 354.000 Einwohner/innen, hat unter anderem eine grüne Welle fürs Rad eingerichtet, auch der erste Radweg des Landes wurde hier gebaut: im Jahr 1885.

Und die Nutzer/innen, was sagen sie zu dem neuen Riesen? «Übersichtlich», «praktisch», «die Plätze sind leicht zu finden». Isabel van Winden (21) aus Utrecht meint, «es ist prima zu erreichen und bietet reichlich Plätze». Auch lobt sie das freundliche Personal (jede/r wird am Eingang begrüßt) und die Konstruktion: «Zu den Zügen zu gelangen, funktioniert prima.» Und ja, sie fühlt sich sicher im Parkhaus, betont sie auf Nachfrage. Auch Caja de Vries ist angetan. Die 36-Jährige lebt heute in Bilthoven, früher fuhr sie mit dem Bus, jetzt mit dem E-Bike, «das trägt zu meiner Fitness bei». Das neue Fahrradparkhaus findet sie «angenehm offen eingerichtet. Die Atmosphäre ist freundlich, es sieht ordentlich aus, Fahrräder werden nicht gestohlen.» Und: «Utrecht sieht jetzt einfach besser aus. Es stehen nicht mehr überall Räder herum. Ich bin stolz auf das Fahrradparkhaus.» Applaus also von Radreisenden und ein glänzendes Beispiel für urbane Infrastruktur der Zukunft.


Gunda Schwantje lebt als Journalistin in den Nieder­landen und schließt ihr Fahrrad immer an Laternen an.

 

 

 

 

 

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