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In seinem Buch über «Zentrale Nebensächlichkeiten der Demokratie» hat sich Philip Manow mit Applaus-­minuten, Föhnfrisuren und Zehnpunkte­plänen im Politikbetrieb befasst. Jetzt richtet sich der spöttische Blick des Bremer Politikwissenschaftlers auf 40 Jahre grüne Kraft und Herrlichkeit.

Pullover aus dem Archiv Grünes Gedächtnis

Ausstieg vorn

Atomausstieg, Kohleausstieg, Dieselausstieg … Um welches Problem es sich auch handelt, Ausstieg ist mittlerweile offenbar die Lösung der Wahl. Ein FAZ-Leserbriefschreiber empfahl neulich sogar – nicht ganz ohne Häme – angesichts hoher Grundwasserbelastung und dem Elend der Massentierhaltung: den Agrarausstieg.

Objekt aus dem Archiv Grünes Gedächtnis

Die Kinder derer, die von den 1950er bis zu den 1970ern mit sozialem Aufstieg beschäftigt waren, propagieren den Ausstieg (und finden, dafür müsse man so manchen Abstieg – etwa in der Oberlausitz – in Kauf nehmen). Wie praktisch, dass dabei gelegentlich offenbleiben kann, worein man eigentlich einsteigt, wenn man aussteigt.

Plakat aus dem Archiv Grünes Gedächtnis

Politisch war Bewegung schon immer positiv konnotiert: vorwärts (immer, rückwärts nimmer), avanti, Aufbruch, en marche! Das war auch bei den Gründungsgrünen nicht anders – der postideologische Anspruch lautete, «weder links noch rechts, sondern vorn» zu sein (dazu Mende 2011), was im Rückblick fatal an Schröders «Es gibt keine linke oder rechte Wirtschaftspolitik, sondern nur eine moderne» erinnert. Bewegung ist also gut, noch viel besser ist es, wenn sich gleich die gesamte Gesellschaft bewegt. Das formt sich dann zu sozialen Bewegungen, besser: zu neuen sozialen Bewegungen. Früher war die Aussicht auf individuelles Fortkommen das zentrale politische Versprechen, heute sind die damaligen Aussteiger, deren Bewegung vor allem als langer Marsch durch die Institutionen geplant war, soweit (an)gekommen, dass sie nicht mehr den individuellen Ausstieg aus der Gesellschaft praktizieren müssen, sondern praktischerweise gesamtgesellschaftliche Ausstiege «verschreiben» können.

«Umwelt schützen, Rad benützen»

«Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad» – das war einer der Frauenbewegungsslogans der 1970er.

Sticker aus dem Archiv Grünes Gedächtnis

Die Grünen, vom politischen Gegner mit einer gewissen Bösartigkeit schon mal als «FDP mit Fahrrad» abgekanzelt, waren das perfekte politische Vehikel, um Ökologie und Feminismus voranzubringen. Wie erfolgreich sie damit insgesamt waren, zeigt vielleicht exemplarisch das Bild vom Mann ohne Frau, aber mit Fahrrad.

Peter Altmaier mit Fahrrad

Das Foto entstand übrigens, als der gewichtige Mann auf dem Weg zur «Nacht der Nachhaltigkeit» in einer Kreuzberger Food-Halle war, wo es dann in der Diskussion mit grüner Prominenz unter anderem um den US-Imperialismus auf unseren Tellern ging («Chlorhühnchen»). Auch das wussten die Grünen schon ganz früh: selbst das Essen ist politisch (und mussten es dennoch schmerzhaft am Leib der eigenen Partei erfahren: «a veggie-day keeps the voter away»). Wie listig, die koalitionspolitische Leimrute – Stichwort «Pizza-Connection» – frühzeitig kulinarisch ausgelegt zu haben. Auch den Erfolg dieser grünen Langfriststrategie belegt übrigens das Bild.

Man kann sich aber keinesfalls auf dem Erreichten ausruhen – so wie ein Fahrrad, das auf der Stelle steht, umfallen würde –, mobilisieren doch nun die Rechtspopulisten gegen «eine Welt aus Radfahrern und Vegetariern, die nur noch auf erneuerbare Energien setzen und gegen jede Form der Religion kämpfen» (so der ehemalige polnische Außenminister Witold Waszczykowski). Also, liebe Freundinnen und Freunde, rauf auf die Fahrräder und dann mit neuer Energie, oder meinethalben auch erneuerbarer Energie (E-Bike?), gegen den politischen Feind geradelt.

 More Future

Petra Kellys Lederjacke aus dem Archiv Grünes Gedächtnis

«Wir sind die, die nicht einverstanden sind, die, die dagegen sind. Wir sind die Nonkonformisten!» «Nein, ich bin anders, ich bin nicht so wie ihr – ich bin Konformist! Ich bin dafür.» Auch wenn die Paradoxien des Dagegen-Seins erst vor Kurzem als sogenannter Hipster-Effekt eine gültige wissenschaftliche Formulierung gefunden haben (bei Touboul 2019), waren sie natürlich schon in den 1970er- und 1980er-Jahren gnadenlos am Werk. Das kollektive Distinktionsbemühen entwickelt zwangsläufig seinen eigenen strengen Code. Männer rasieren sich? Na, dann lass ich mir doch, widerständig, wie ich bin, einen Bart stehen – bis Männer überwiegend Bärte tragen, und der Wille nach nonkonformistischen Signalen dazu zwingt, sich zu rasieren. Folglich fächerte sich schon zur Frühzeit der bundesdeutschen Protestbewegung das ostentative Nicht-Einverstanden-Sein nach strengen modischen Regeln auf. Sie betrafen Frisuren wie Bärte, aber auch sonst jedes denkbare Kleidungstück: «Der Hals wurde reich dekoriert: Al-Fatah- bzw. Palästinenser-Tücher für die internationale Solidarität, lila gefärbte Windeln für die Feministinnen, bunt geringelte Wollschals für Ökos oder der Seidenschal für den Dandy wurde später um das leicht transparente und farbenfrohe Halstuch für die gemäßigte Frauenrechtlerin ergänzt» (erinnert Reichardt 2014: 632).

Petra Kellys Lederjacke steht wohl eher für politisches cross-dressing als für den Konformismus im Nonkonformismus: Punk- und Streetfighter-Outfit im Dienste einer ganz sanften Nachricht – Bread not Bombs, als Schlachtruf der Küchenbrigade der Frauen-Arbeits-Gruppe Walldorf. Das ist das grüne Zukunftsversprechen der 1980er: Wenn alle Schwerter zu Pflugscharen geworden sind, kann aus dem No-Future endlich ein More-Future werden.


Philip Manow ist Professor für vergleichende politische Ökonomie an der Universität Bremen. Seine Beobachtungen zur Inszenierung von Politik hat er 2017 unter dem Titel «Die zentralen Nebensächlichkeiten der Demokratie» im Rowohlt Verlag veröffentlicht. Seine aktuellen Bücher sind «Die Politische Ökonomie des Populismus» (2019) und «(Ent-)Demokratisierung der Demokratie» (2020), beide im Suhrkamp Verlag. 

Christian Werner ist Fotograf in Berlin. Neben seiner Tätigkeit für nationale und internationale Magazine konzentriert er sich auf Langzeitprojekte, aus denen mehrere Bücher hervorgegangen sind. In «Stillleben BRD» (Kerber Verlag 2016) und «Bonn. Atlantis der BRD» (Matthes und Seitz 2018) beschäftigte er sich mit dem Verschwinden der Bonner Republik. Zuletzt erschien «Everything so democratic and cool» im Blake & Vargas Verlag. www.christianwerner.org


Literatur:

Mende, Silke (2011), «Nicht rechts, nicht links, sondern vorn»: Eine Geschichte der Gründungsgrünen, München: Oldenbourg Verlag.

Reichardt, Sven (2014), Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren, Berlin: Suhrkamp.

Touboul, Jonathan D. (2019), ‹The hipster effect: When anticonformists all look the same›, in: Discrete & Continuous Dynamical Systems – B 24/8, S. 4379–4415.

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