Die Ökologische Transformation wächst – Initiativen in den USA

Dossier

Engagierte Menschen aus Forschung, Kunst, lokaler Politik und Zivilgesellschaft geben der Umweltbewegung eine Stimme und treiben den Kampf gegen den Klimawandel voran.

Beet mit Pflanzen in einer Stadt

Pionierinnen aus der Klimaforschung

Porträt von Eunice Newton Foote

Eunice Newton Foote

US-amerikanische Erfinderin und Forscherin auf dem Gebiet der Atmosphärenchemie mit Fokus auf der Klimawirksamkeit von Treibhausgasen. Als erste Forscherin weltweit erkannte sie einen direkten Zusammenhang zwischen der Kohlenstoffdioxid-Konzentration in der Luft und der Erwärmung der Erdatmosphäre. Damit identifizierte sie eine wichtige Komponente des Treibhauseffekts. Ihre Forschungsergebnisse wurden 1856 bei einer Tagung von einem männlichen Kollegen vorgetragen, da Frauen nicht das Recht hatten, sich zu Wort zu melden. Da verwundert es nicht, dass Eunice Newton Foote auch Frauenrechtsaktivistin war.

 

Porträt von Kate Marvel

Kate Marvel

Als Klimaforscherin entwickelt sie Klimamodellierungen, um die Erderwärmung besser voraussagen zu können.

Dabei untersucht Kate Marvel vor allem den Effekt von Wolken. Als Schriftstellerin und Rednerin kommuniziert sie ihre Forschungserkenntnisse einem breiten Publikum, um auf die gravierenden Auswirkungen des Klimawandels aufmerksam zu machen. Im Magazin Scientific American schreibt sie regelmäßig Beiträge in ihrer Kolumne Hot Planet und erklärt zum Beispiel, warum der globale Klimawandel unsere Existenz bedroht und nicht mit dem Argument «das Wetter hat sich in der Vergangenheit immer wieder verändert» banalisiert werden kann.

Indigene Bevölkerung spielt zentrale Rolle in der Umweltbewegung

Porträt von Xiuhtezcatl Martinez

Xiuhtezcatl Martinez

Mit der Umweltorganisation Earth Guardians kämpft der junge Klimaaktivist und Musiker Xiuhtezcatl Martinez gegen die fatalen Umwelt- und Klimazerstörungen durch die Fossilindustrie und deren Auswirkungen für indigene Bevölkerungsgruppen. Sein Appell: Als globale Bürger*innen müssen wir uns alle für den Erhalt der Erde einsetzen. Bereits im Alter von 14 Jahren schreibt Xiuhtezcatl Martinez den Song «Speak for the Tree» für die Klimakonferenz in Paris 2015.

Are we the last generation of our people
We must rise up and fight for our freedom

If I plant one seed I can grow a whole forest
I can bring back the trees that we all need and cherish
I can feel the pain of the mother earth and I know
That when the sun fades away and the lights burn low
I turn my head to the sky and gaze into the stars
Is this why were really hear is this who we really are
Put down our axes for the future generations
Restore our ancient forests mass reforestations
...

Porträt von Marvin Gaye

Marvin Gaye

(*1939; †1984)

Politische Protestlieder spielen in den USA eine wichtige Rolle und haben eine lange Tradition, ob in der Bürgerrechtsbewegung oder der Umweltschutzbewegung. Bei Protestmärschen und Kundgebungen werden sie von großen Menschenmengen gesungen und entfalten eine eindrückliche Wirkung. Musikerlegende Marvin Gaye beschreibt in seinem Song «Mercy, Mercy Me (The Ecology)» von 1971 die zunehmende Umweltzerstörung.

Whoa, ah, mercy mercy me
Oh things ain't what they used to be, no no

Where did all the blue skies go?
Poison is the wind that blows from the north
and south and east
Whoa mercy, mercy me,
Oh things ain't what they used to be, no no
Oil wasted on the oceans and upon our seas,
fish full of mercury
Ah, oh mercy, mercy me
Ah things ain't what they used to be, no no
Radiation under ground and in the sky
Animals and birds who live nearby are dying
Oh mercy, mercy me
Oh things ain't what they used to be
What about this overcrowded land
How much more abuse from man can she stand?

...

Filme zu Klimawandel und Umweltzerstörung

  • Demonstration mit einem Sarg, auf einem Schild steht "R.I.P. Our Future"
    Paris to Pittsburgh
  • Chasing Corals
  • An Inconvenient Sequel:
  • Truth to Power
  • From the Ashes
  • A Fierce Green Fire
  • The Human Element
  • Before the Flood

Online-Magazine mit klimapolitischem Fokus

Stromproduktion: Erneuerbare Energien erobern den Markt

Der Anteil Erneuerbarer Energien steigt in den USA kontinuierlich an und lag 2019 bei 18 Prozent. Die Kohleproduktion hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als halbiert. Dafür boomt Gas, als neue fossile Gefahr, dank enormer Investitionen in die Fracking-Technologie.

Kostenloser Nahverkehr in Olympia, Bundesstaat Washington

Um den Verkehr in der Stadt Olympia im Bundesstaat Washington zu reduzieren, sind seit Januar 2020 alle Busfahrten kostenlos. Das Angebot wird positiv von den Anwohner*innen angenommen und zeigt bereits Wirkung: Die Anzahl der Nutzer*innen des öffentlichen Nahverkehrs ist im ersten Monat bereits um 20 Prozent gestiegen.

Just-Transition-Bewegung in Kohleregionen

Demo-Schild mit der Aufschrift "Guns, Dept, and Climate Change - Why does Congress hates us?

In den USA hat sich eine Just-Transition-Bewegung in ehemaligen Kohleregionen etabliert, die für eine soziale und ökologische Transformation kämpft. Sie setzt sich aus Umweltorganisationen, Bürgerrechts- und Klimaaktivist*innen, Gewerkschaften und Künstler*innen zusammen, die gemeinsam innovative Ideen für einen Strukturwandel in ihrer Gemeinde entwickeln. Durch Förderprogramme werden ehemalige Kohlearbeiter*innen zu IT-Fachkräften und Landwirten ausgebildet, Forstwirtschaft und Gesundheitswesen werden als neue Arbeitgeber angesiedelt. Mit Kleinkrediten werden Projekte zur Förderung von Erneuerbaren Energien und Energie-Effizienz-Maßnahmen unterstützt.

Die Heinrich-Böll-Stiftung engagiert sich in einem transatlantischen Austausch zwischen Community-Vertreter*innen aus Kohleregionen. Gemeinsam entwickeln sie Strategien und nachhaltige Programme, die den Kohleausstieg möglich machen. Die Erfahrung, dass wir alle voneinander lernen können und unterschiedliche Aspekte mitbringen, motiviert die Akteure, gestärkt ihre Arbeit voranzutreiben.

Solarenergie in Puerto Rico: lokal, resistent und nachhaltig

Puerto Rico ist regelmäßig von Erdbeben und Hurrikans betroffen. Aufgrund seines zentralen Energiesystems kommt es dabei häufig zu Stromausfällen. Durch den Hurrikan Maria im Jahr 2017 wurden 92 Prozent der Gebäude und das Energiesystem in Puerto Rico massiv beschädigt. Tausende Menschen verloren ihre Lebensgrundlage, und trotzdem stellte die US-Regierung nur zögerlich und viel zu spät Hilfsmittel zur Verfügung. In dieser Situation nahm die Organisation Casa Pueblo die Sache selbst in die Hand. Innerhalb kürzester Zeit installierten sie an 150 Orten auf der Insel Solarpanels, um die Energieversorgung für besonders Bedürftige wie ältere Menschen sowie Krankenhäuser und Restaurants zu gewährleisten. Damit leisteten sie außerdem einen ersten wichtigen Schritt hin zu einer lokalen und damit resistenteren, nachhaltigen Energieversorgung in Puerto Rico.

RecoveryPark – Projekt kombiniert Resozialisierung und Urban Farming in Detroit

Mehrere Menschen in einem Gewächshaus
Das RecoveryPark-Team in einem ihrer Gewächshäuser in Detroit.

Ehemalige Straftäter*innen und Menschen mit Drogensucht haben es in den USA besonders schwer, Arbeit zu finden und ein neues Leben aufzubauen. Es fehlt sowohl an einem funktionierenden Sozialstaat als auch an einer Kultur der Resozialisierung. In Detroit (Michigan), wo die Arbeitslosigkeit besonders hoch und manche Stadtteile wie ausgestorben sind, ist die Situation umso prekärer. Das Non-Profit-Unternehmen RecoveryPark bietet innovative Hilfe: Es eröffnet diesen Menschen eine neue Arbeits- und Lebensperspektive, indem es sie ausbildet, ihnen einen bezahlten Job anbietet und sie bei der Wohnungssuche unterstützt. Auf brachliegenden Flächen in Detroit bauen sie in Gewächshäusern Gemüse an, das an umliegende Restaurants verkauft wird. Neben der sozialen Komponente dient das Projekt zugleich einer nachhaltigen und lokalen Lebensmittelversorgung.

Environmental Racism & Environmental Injustice

Umweltzerstörung hängt in den USA eng mit Rassismus und Ungerechtigkeit zusammen. Die Begriffe environmental racism und environmental injustice beschreiben die in den USA traurige Realität, dass umweltschädliche Industrien stets in Wohnvierteln von Menschen mit dunkler Hautfarbe und/oder niedrigem Einkommen angesiedelt werden. Als Konsequenz erleiden sie gesundheitlichen und finanziellen Schaden, während die Fossilindustrie die Profite einstreicht. Umweltstandards sind oft nur lax und werden nicht verfolgt. Sacrifice land nennen sich diese hoch vergifteten und quasi aufgegebenen Landstücke. Zivilgesellschaftliche Organisationen und betroffene Gemeinden haben vehement auf den Zusammenhang hingewiesen und mithilfe von medialer Berichterstattung erfährt diese Ungerechtigkeit in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit.

Beispiel: Death Alley

Zwei Menschen vor einem Schild, dass vor einem hohen Krebsrisiko in der Umgebung warnt
Die Organisation «Concerned Citizens Of St. John Parish» warnt Anwohner*innen vor Krebsgefahr.

Die Region entlang des Mississippi zwischen New Orleans und Baton Rouge in Louisiana ist seit Jahrzehnten bekannt als Cancer Alley (Krebszone), mittlerweile wird sie sogar Death Alley (Todeszone) genannt. Hier leben überwiegend Afroamerikaner*innen. 1957 kaufte DuPont die ehemalige Plantage Belle Pointe, die früher von 150 Sklav*innen bearbeitet wurde. Auf diesem Gelände begann DuPont petrochemische Kraftwerke zu bauen. Im Wissen, welchen toxischen Gefahren sie die Anwohner*innen aussetzten, führten sie die dunkle Geschichte des Rassismus fort. Mittlerweile betreibt die Fossilindustrie – ExxonMobil, Koch, Shell & Co. – hier über 150 Kraftwerke, die durch giftige Emissionen die Luft verschmutzen und krebserregende Stoffe freisetzen.

Eine Studie der Umweltbehörde hat nachgewiesen, dass diese Region das höchste Krebsrisiko in den USA hat, es liegt 50 Mal höher als der Landesdurchschnitt. Und leider überrascht es nicht, dass die Death Alley eine der höchsten Todesraten im Zusammenhang mit dem Coronavirus hat.

Republikanischer Bürgermeister setzt Solar-Revolution in Gang

Rex Parris ist Geschäftsmann, Republikaner und Bürgermeister der Stadt Lancaster in Kalifornien. Der Ort mit seinen 160.000 Einwohner*innen liegt in der Mojave-Wüste, hier scheint das ganze Jahr über die Sonne. Dieses Potenzial für Solarenergie hat Parris erkannt und fing 2014 an, auf öffentlichen Gebäuden wie Schulen, Stadien und dem Rathaus Photovoltaik zu installieren. Mittlerweile sind es mehr als 32.000 Solarpanels. Als Anreiz für private Haushalte oder Firmen wurde ein unbürokratisches Antragsverfahren eingerichtet. Die Genehmigung für ein Solardach dauert keine 15 Minuten. Bereits über 5.000 Hausbesitzer*innen haben Solarpanels installiert. Lancaster kann an manchen Tagen seinen gesamten Strombedarf mit Solarenergie decken. Durch den Umstieg auf Solarenergie spart die Stadt und ihre Schulen jedes Jahr um die 460.000 US-Dollar an Stromkosten ein. Etwa 1.300 neue Jobs in der Solarindustrie wurden geschaffen. Ein chinesischer Elektrobus-Hersteller hat sich in Lancaster angesiedelt und beschäftigt über 500 Menschen. Rex Parris ist auf dem besten Weg, sein Ziel zu erreichen: Lancaster, das Silicon Valley für Erneuerbare Energien.

We Are Still In: US-Städte und Bundesstaaten bekennen sich zu Pariser Klimaabkommen

Im Sommer 2017 erklärte Präsident Trump, dass die USA aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen würden. Damit setzte der Klimawandelleugner ein Zeichen und machte deutlich, dass seine Politik von Nationalismus und Verantwortungslosigkeit geprägt ist. Trump hat weder Interesse, sich an Klimaziele zu halten, noch die internationale Klimafinanzierung zu unterstützen, um Emissionen zu reduzieren. Allerdings wird dies in weiten Teilen des Landes anders gesehen. Das machten Gouverneure und Bürgermeister*innen klar, indem sie sich gegen Trumps Kurswechsel aussprachen. Besonders deutlich in seiner Kritik wurde Bürgermeister Peduto aus Pittsburgh, der unmittelbar klarstellte, dass Trump nicht im Interesse der Menschen seiner Stadt handle.

Daraufhin haben zehn Bundesstaaten – Kalifornien, Connecticut, Hawaii, Minnesota, New York, North Carolina, Oregon, Rhode Island, Virginia und Washington – gemeinsam mit 289 Städten und Kommunen sowie elf Stammesgemeinschaften die Initiative «We Are Still In» ins Leben gerufen. Damit erklären sie, dass sie sich nach wie vor zu den internationalen Klimazielen bekennen und auf lokaler Ebene ihren Kampf gegen den Klimawandel stärker vorantreiben werden. Ihre gemeinsame Erklärung hat durchaus Gewicht, denn sie repräsentieren über die Hälfte aller US-Amerikaner*innen.

Green New Deal verbindet soziale Gerechtigkeit mit Klimaschutz

Demonstration, auf einem Schild steht "We deserve a future"
Sunrise-Movement-Aktivist*innen beim Klimastreik im September 2019 in Providence, Rhode Island.

Mit dem Green New Deal wird in den USA derzeit ein Konzept wiederbelebt, das aus der Ära Roosevelt stammt. Es soll Antworten auf die Klimakrise und die soziale Ungleichheit liefern.

Hervorgebracht wurde der Ruf nach einem Green New Deal im Herbst 2018 durch das Sunrise Movement. Diese Bewegung junger Klimaaktivist*innen hatte sich als Reaktion auf die Wahl von Trump gegründet und über 300 Gruppen landesweit aufgebaut. Sie starteten eine schlagkräftige Kampagne und führten an zahlreichen Orten «Town Hall»-Diskussionen zum Green New Deal durch. Ihre Strategie hatte Erfolg – innerhalb kurzer Zeit mobilisierten sie tausende Unterstützer*innen und beeinflussten maßgeblich die Agenda der Demokratischen Partei.

Der Green New Deal ist nichts weniger als der Ruf nach einer lebenswerten Zukunft und einem neuen Gesellschaftsvertrag für die Vereinigten Staaten von Amerika. Das Konzept sieht einen umfangreichen Umbau des derzeitigen Wirtschafts- und Sozialsystems vor: 100 Prozent Erneuerbare Energien bis 2035, maximale Effizienzsteigerung im Gebäudesektor, ein Nullemissionstransportsystem inklusive Ausbau des Schienennetzes; gut bezahlte Jobs, Weiterbildungsprogramme und bezahlbares Wohnen sowie Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung für alle Bürger*innen. Die «Green New Deal»-Visionär*innen fordern außerdem, Minderheiten zu integrieren und soziale Ungerechtigkeit abzuschaffen. Sie machen deutlich, dass sie Rassismus verurteilen und sich der historischen Verantwortung für Diskriminierung, speziell gegenüber indigenen und Schwarzen Mitbürger*innen, stellen.


Nora Löhle leitet das Energie- und Umweltprogramm der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington, D.C.

 

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