Ein Aufruf an die nächste Generation

Wo wir stehen

In Zukunft werden sich die USA und die EU noch stärker um die Beständigkeit und Vitalität ihrer Beziehung bemühen müssen. Am wichtigsten wird dabei sein, dass der künftige Dialog die gesellschaftlichen, demographischen und politischen Realitäten auf beiden Seiten des Atlantiks widerspiegelt. Das bedeutet zum Beispiel, dass in Washington und Brüssel alle Teile der Gesellschaft vertreten sein müssen.

Illustration Fuß mit Kaugummi am Schuh

In den vergangenen siebzig Jahren waren die Vereinigten Staaten von Amerika und Europa engste Verbündete. Geeint durch ihre gemeinsame Geschichte und hervorgehend aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs bauten sie ihre Beziehung auf einem Fundament von Diplomatie, Wirtschaft, Sicherheit und gemeinsamen Werten auf. Heute steht die Zukunft dieser Beziehung jedoch auf dem Spiel. In den vergangenen Jahren haben Donald Trump und seine Regierung die europäischen Verbündeten derart brüskiert, dass die Beziehung bis in ihre Grundfesten erschüttert scheint. Politische Führungsfiguren und Bürger/innen auf beiden Seiten des Atlantiks stellen mittlerweile den Nutzen der transatlantischen Partnerschaft offen in Frage.

Junge Frau sitz auf einem Bett mit Bettwäsche im Muster der USA-Flagge, dahinter Poster an der Wand

Wir stehen heute daher an einem Scheidepunkt. Dies ist zugleich eine Gelegenheit, der amerikanisch-europäischen Partnerschaft neues Leben einzuhauchen und sie so zu gestalten, dass sowohl politische Prioritäten als auch die Entscheidungsträger/innen auf beiden Seiten des Atlantiks aktuelle gesellschaftliche Realitäten widerspiegeln.
Jahrelang hatten die Verfechter/innen der transatlantischen Beziehungen in Wissenschaft, Politik und Regierungskreisen zumeist eine persönliche Verbindung zu ihren Verbündeten jenseits des Atlantiks. Oft hatten die Eltern oder Großeltern im Zweiten Weltkrieg gekämpft, einige waren während des Höhepunkts des Kalten Krieges in Europa bzw. in den Vereinigten Staaten gewesen und hatten dort aus erster Hand erlebt, wie wichtig transatlantische Eintracht in Zeiten globaler Unsicherheit ist. Nun aber rücken geopolitische Ereignisse wie der Zweite Weltkrieg und der Kalte Krieg in den Geschichtsbüchern immer weiter nach hinten, und damit schwindet auch die Zahl derer, die noch persönliche Verbindungen zu diesen Ereignissen haben. In Zukunft werden sich die transatlantischen Partner daher noch stärker darum bemühen müssen, die Beständigkeit und Vitalität der Beziehungen zu wahren.

Die nächste Generation außenpolitischer Denker/innen in den Vereinigten Staaten (in diesem Beitrag ist mit «nächster Generation» die Generation Z der Jahrgänge 1996–2010 und die Millennials der Jahrgänge 1981–1996 gemeint) konzentriert sich heute zunehmend auf andere geopolitische Brennpunkte wie den Indopazifikraum und den Nahen Osten. So wächst prozentual der Anteil der US-Amerikaner/innen, die im nichteuropäischen Ausland studieren.

Außerdem stellen nach Angaben des US-Außenministeriums «Studierende der MINT-Fächer, also Landwirtschaft, Ingenieurwesen, Gesundheitswesen, Mathematik, Informatik und Physik oder Biowissenschaften, mit 25 Prozent den größten Anteil der Studienaufenthalte im Ausland». Aus dem Bereich der Sozialwissenschaften kommen hingegen nur 17 Prozent. Überdies ist diese Generation als erste in einer vollständig digitalisierten und global vernetzten Welt aufgewachsen. Viele wollen einfach ins Ausland, um ihre internationalen Freund/innen aus virtuellen Netzwerken auch im realen Leben zu treffen.

Damit auch die nächste Generation Interesse daran zeigt, amerikanisch-europäische Beziehungen in ihre berufliche Laufbahn einzubeziehen, müssen sich die ihr zugrunde liegenden Prioritäten ändern. Zu lange war die transatlantische Partnerschaft von einer viel zu eng gefassten Vision geprägt, die vor allem auf Sicherheit und Verteidigung abzielte. In den Gesprächen zwischen transatlantischen Partnern geht es oft um russische Aggression, militärische Strategien und Verteidigungsausgaben. Doch das sind nicht die Themen, die die nächste Generation beschäftigen. Die Millennials (und die noch jüngere Generation Z) in den USA sind mit dem Scheitern des Irak-Kriegs groß geworden. Auf sie wirkt die Welt weniger bedrohlich als auf ihre älteren Mitbürger/innen, und sie stehen weitaus weniger hinter der Idee des «amerikanischen Exzeptionalismus».

Laut einer Studie des Center for American Progress fühlen sich die Millennials in den Vereinigten Staaten «dem traditionellen internationalen und militärischen Engagement weitaus weniger verpflichtet als ältere Kohorten und befürworten weitaus stärker globales Handeln in Fragen wie Klimawandel, Menschenrechte und würdevolle Lebensstandards für alle Menschen». Dasselbe gilt weitgehend auch auf der anderen Seite des Atlantiks: Laut Eurobarometer machen sich jüngere Europäer/innen «Sorgen über Rassismus und andere Formen von Diskriminierung sowie über den Klimawandel. Sie sind proeuropäischer eingestellt als frühere Generationen und eher bereit, noch weitere politische Befugnisse an Brüssel abzugeben».

Checkpoint Charlie in Berlin

Militarismus ist eindeutig keine treibende Kraft für die nächste Generation; viele sind sogar offen dagegen. Die steigende Popularität der progressiven Linken in den Vereinigten Staaten bzw. der Europäischen Grünen in der EU zeigt, dass sich die politischen Prioritäten verändern. Das bedeutet, dass wir Gefahr laufen, die nächste Generation außenpolitischer Denker/innen zu verlieren, wenn eng gefasste Sicherheitspolitik weiterhin die Triebfeder der transatlantischen Beziehungen bleibt. In Zukunft muss die Beziehung auf Themen fußen, welche die Prioritäten der jungen Generation auf beiden Seiten des Atlantiks besser widerspiegeln, also Klimawandel, Menschenrechte oder die Benachteiligung großer Bevölkerungsteile. Sicherheit und Verteidigung sind dabei zwar nach wie vor wichtig, sollten aber im Rahmen einer breiter gefassten transatlantischen Zusammenarbeit betrachtet werden.

Damit dieser Wandel stattfinden kann, müssen alle, die mit transatlantischen Beziehungen befasst sind, auf allen Ebenen die heutige gesellschaftliche Demographie besser repräsentieren. Wer zum Beispiel einmal an einer großen Konferenz zur amerikanischen oder europäischen Außenpolitik teilgenommen oder an einem Runden Tisch in Washington, Berlin, Brüssel oder London gesessen hat, weiß, dass dort immer noch mehrheitlich weiße, männliche Teilnehmer am Tisch sitzen, oft aus der Generation der Babyboomer. In Europa vertreten nur vier Prozent der aktuellen Europaparlamentarier/innen ethnische Minderheiten, obwohl diese 10 Prozent der EU-Bevölkerung ausmachen. In den Vereinigten Staaten sind nur 22 Prozent des 116. Kongresses People of Color. Dieser Wert ist zwar höher denn je, allerdings identifizieren sich 39 Prozent der US-Bevölkerung als nicht-weiß. Frauen stellten 2018 nur ein Drittel des außenpolitischen Personals der US-Regierung, deutlich weniger als ihr Anteil an der gesamten Erwerbsbevölkerung des Landes (47 Prozent). In der EU sieht es etwas besser aus, doch auch dort sind nur etwa 40 Prozent der derzeitigen Europaparlamentarier/innen Frauen.

Junge Person, dahinter die Syline einer Stadt

Im vergangenen November verfasste eine Gruppe progressiver transatlantisch gesinnter Millennials vor diesem Hintergrund einen offenen Brief. Darin ging es um die Notwendigkeit, den «Transatlantic so White»-Kreislauf aufzulösen. Es heißt dort: «Wenn die Beziehungen zwischen den USA und Europa das Vorankommen aller Menschen befördern sollen, müssen in den Gängen in Washington und Brüssel auch alle Segmente der Gesellschaft vertreten sein und in den Diskurs über die Zukunft der transatlantischen Beziehungen einbezogen werden.» Dies bedeutet, «Pipelines für vielfältige und repräsentative politische Führung aufzubauen und in unseren eigenen Regierungseinrichtungen Inklusion zu praktizieren». Auch bedeutet es, «Veranstaltungen und Konferenzen wie die People of African Descent Week im Europäischen Parlament – die von mehreren Mitgliedern des Congressional Black Caucus unterstützt wurde – auf die Hauptbühne zu stellen und nicht mehr an den Rand des transatlantischen Diskurses zu delegieren».

Eine starke transatlantische Partnerschaft erscheint vielen als eine Selbstverständlichkeit – das muss aber nicht unbedingt so bleiben. Die transatlantische Beziehung in ihrer gegenwärtigen Form bedurfte Jahrzehnte enger Zusammenarbeit und gegenseitiger Vertrauensbildung. Leider haben uns die vergangenen Jahre gezeigt, wie zerbrechlich sie ist und wie leicht jahrzehntelange Bemühungen und Fortschritte zunichtegemacht werden können. Die transatlantischen Beziehungen sind stark genug, um vier Jahre Belastung zu überstehen, doch wenn es auf unbestimmte Zeit so weitergeht, werden sie irgendwann nicht mehr zu retten sein. Das darf nicht geschehen. Es liegt an der nächsten Generation, dafür Sorge zu tragen.

 


Rachel Rizzo ist Adjunct Fellow am Center for a New American Security und Fellow der Robert Bosch Stiftung.

 

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