Desto mutiger müssen wir träumen

Der American Dream ist entsetzlich und fantastisch zugleich, aber er ist ein Traum – und genau deshalb kann unsere Autorin nicht ganz loslassen.

Zeichnung von der Skyline einer Stadt auf einer Wolke

Ich wollte immer nach New York. Diese Stadt ist so ein Sehnsuchtsort, der nicht mal dadurch uncool wird, dass Millionen andere Menschen ebenfalls ihre Träume und Erwartungen in sie hineinpressen. Wie macht sie das? New York ist Projektionsflächenmainstream, aber merkwürdigerweise ist das egal. Egal, ob andere sich auch vorstellen, mit Papiertütenschnaps auf einer Feuerleiter zu sitzen, weil wir das in unzähligen Serien gesehen haben. In meinem Film wäre ich trotzdem die Einzige gewesen: Die Einzige, die den Mut aufbringt, sich ins Ungewisse zu stürzen. Die ein winziges Apartment in Chinatown bezieht, sich tagsüber in endlosen Hochhausschluchten verläuft, abends vor Heimweh fast umkommt, aber morgens ihr Glück wieder kaum fassen kann. In New York wäre ich eine der vielen gewesen, die alles tun, um eine der wenigen zu werden. In Deutschland war es immer andersherum.

Ich wollte nach New York, also sparte ich Geld und kaufte ein Flugticket. Wenn ich heute von dieser Reise erzähle, nenne ich folgende Eckpunkte: ein überteuertes Zimmer in einem katzenhaarigen Airbnb in Bushwick. Eine unverhoffte Rooftop-Party mit Lichterketten, Liveband und Blick auf die Skyline. Eine Radtour nach Long Beach auf einem knallroten Singlespeed namens Lobster. Schlendern durchs MoMA. Schlendern durch den Central Park. Ein wahrhaftiger Turm aus Pancakes, von denen der Ahornsirup tropft, und ein echter Milkshake in einem echten Diner während des Roadtrips durch Vermont. Was war zuerst da, all die Filme oder dieser Ort? Wieder egal. Das alles verzaubert dich, wenn du jung und verliebt bist.

Aber dann wirst du erwachsen, und je erwachsener man wird, desto weniger will man in die USA. Weil Erwachsenwerden immer von diesem unsäglichen Realismus begleitet wird, vom «Sehen, was ist». Was in den USA ist? Donald Trump. Idioten mit Handfeuerwaffen. Ein kaputtes Gesundheitssystem. Turbokapitalismus.

Polizeigewalt. Und auch viel zu teures Gemüse. Je älter man wird, desto weniger kann man diesen Dingen aus dem Weg gehen. Wer älter wird, verlernt das Träumen ohne aber. New York ist magisch, aber ich habe noch nie so viele Obdachlose gesehen. Dieser Roadtrip durch Vermont war atemberaubend, aber dann haben sie im Radio vom 21. school-shooting berichtet.

Wer die Gleichzeitigkeit von Glück und Schmerz nicht erträgt, begräbt die USA-Liebe und kuschelt sich ins europäisches Erhabenheitsgefühl ein. Hier ist auch nicht alles gut, aber immerhin besser. Extreme sind weniger extrem, Wegschauen ist ein bisschen einfacher – noch. Hier bleiben wir realistisch und machen uns keine falschen Hoffnungen. Aber was, wenn man sich nicht nur keine falschen, sondern gar keine Hoffnungen mehr macht?

Der American Dream ist entsetzlich und fantastisch zugleich, aber er ist ein Traum – und genau deshalb kann ich nicht ganz loslassen. Je erwachsener man wird, desto mutiger muss man träumen. Nicht, um die eigenen Ansprüche runterzuschrauben, sondern um nicht gleich wegzulaufen, wenn man auf den Boden der Realität knallt. Auch deshalb brauchen wir die USA, und die USA brauchen uns Träumende: Um weiter auf das Allergrößte zu hoffen, against all ugly odds.


Lin Hierse ist taz-Redakteurin und Kolumnistin («Chinatown»).

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