Die Entdeckung Amerikas

In Bildern

Eine neue Generation ist auf dem Weg, die USA zu einem  besseren Ort auf der Welt zu machen. Sie kämpfen gegen den Klimawandel und für Frauenrechte, gegen Rassismus  und für den Schutz von LGBTQI.

Menschen auf Demonstration

Waffengewalt

Debbie Goldberg, 18, Philadelphia, PA

Bild von Debbie Goldberg

Kinder müssen zur Schule gehen können, ohne dass sie Gefahr laufen, erschossen zu werden. Diese simple Forderung hat mich mit 16 Jahren dazu bewogen, mich der Bewegung «March for Our Lives» anzuschließen. Ich weiß noch genau, was mir damals, am 14. Februar 2018, durch den Kopf gegangen ist, an jenem Tag, als ein Attentäter in der Marjory Stoneman Douglas Highschool in Parkland, Florida, 17 Menschen erschossen hat: Das kann überall passieren, auch an meiner Schule. Wir Schüler*innen haben uns zuerst dafür eingesetzt, dass wir ein Sicherheitsprotokoll bekommen. Niemand wusste genau, was zu tun ist, wenn jemand mit einer Waffe in das Schulgebäude spaziert. Das war uns aber nicht genug. Deswegen organisierten wir eine der größten Graswurzelbewegungen in der jüngsten Geschichte der USA. Wir haben Hunderttausende auf die Straßen gebracht. Im Wahlkampf sind die Waffengesetze ein wichtiges Thema, und das haben wir alles geschafft ohne die LobbyKraft und das Geld, das die National Rifle Association (NRA) gegen uns und unseren Protest einsetzt.

Plakat Demonstration

Klimawandel

Caleb Nauman, 23,  Lancaster, PA

Bild von Caleb Naumann

Meine Familie ist evangelikal geprägt und glaubt nicht an den Klimawandel. Irgendwann habe ich mich als Jugendlicher selbst gefragt: Kann es sein, dass die Wissenschaft doch recht hat? Ich habe mich also mit den Fakten beschäftigt und wurde zum Klimaaktivisten. An der Universität habe ich mich dann so richtig politisiert. Dort habe ich realisiert, wie einflussreiche Lobbyisten die Zukunft unseres Planeten entscheiden. Dabei geht es ihnen um Profite und die Erhaltung des Status quo. Wer die Welt vor dem Kollaps retten möchte, muss aber radikal denken. Ich habe mich daraufhin der Sunrise-Bewegung hier in Lancaster angeschlossen. Wir haben zum Beispiel das Washingtoner Büro von Nancy Pelosi, Sprecherin des Repräsentantenhauses, besetzt. Unsere Strategie: Die Demokraten dazu bewegen, Zusagen im Sinne des Klimaschutzes zu machen. Mit Konservativen kann ich allerdings auch gut sprechen, vielleicht nicht direkt mit Republikanern. Die vielen Farmer in unserer Region spüren täglich den Klimawandel. Diese Menschen sind offen für grüne Lösungen.

Diskriminierung

Andre D. Carroll, 29, North-Philadelphia, PA

Bild von Andre D. Carrol

Ich habe meinen Vater nie richtig kennenlernen dürfen: Seit ich neun Monate alt war, sitzt er fast durchgehend wegen eines Drogendeliktes im Gefängnis. Meine Mutter hatte ihr ganzes Leben mit ihrer Drogenabhängigkeit zu kämpfen. Deswegen hat mich meine Oma hier in Germantown aufgezogen. Dies ist eine arme Gegend von Philadelphia, in der fast ausschließlich Schwarze leben. Und eigentlich hat «das System» für mich vorgesehen, dass ich so wie mein Vater im Knast lande. Nur durch viel Glück und die Fürsorge meiner Großmutter werde ich bald meinen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften abschließen. Ich engagiere mich in der Lokalpolitik, arbeite als Mentor im Projekt «Brothahood», das sich um Jungs kümmert, die irgendwie auf die schiefe Bahn geraten sind. Das System behandelt sie vor Gericht wie Erwachsene. Einer meiner Schützlinge sitzt wegen eines Autodiebstahls zwei Jahre im Jugendarrest: Er ist 14 Jahre alt. Ich möchte für ihn ein Vorbild sein. Oft bin ich der einzige Schwarze in den politischen Entscheidungsräumen der Stadt. Ich kämpfe dort gegen Widerstände und erzähle meine Geschichte, damit sich etwas ändert.

Menschen auf einer Demonstration
Frau ruft auf einer Demonstration

Frauenrechte

Sakeena Alkateeb, 24, Charlottesville, VA

Bild von Sakeena Alkateeb

Als ich 15 Jahre alt war, wurde ich von meinem damaligen Freund mehrfach vergewaltigt. Ich war damals wütend auf mich selbst, weil ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte, wie ich mich von dieser Gewalt selbst befreien konnte. Ich habe erst später verstanden, dass es die herrschenden Strukturen sind, die mich überhaupt in diese Situation gebracht haben. Männer werden so erzogen, dass sie ihre Machtpositionen missbrauchen, um Frauen zu unterdrücken. Man glaubt Überlebenden nicht, niemand hört einem zu, in der Schule wird nicht über sexualisierte Gewalt gesprochen. Und dann kam #metoo. Ich war anfangs skeptisch, ob das was bringen wird, habe aber schnell verstanden, dass diese Debatte einen Unterschied macht. Auf meinem Campus an der University of Virginia habe ich deswegen das Gespräch mit Studierenden und vor allem cis-männlichen Professoren gesucht. Ich habe den Eindruck, dass viele hier ihre Denkweise verändert haben und nun kritischer auf frauenfeindliche Strukturen blicken. Eines habe ich dabei gelernt: Wenn ich nicht für mich als Frau spreche, dann tut es niemand.

Rassismus

Jessica Peck, 21, Charlottesville, VA

Bild von Jessica Peck

Kurz vor den Präsidentschaftswahlen 2016 habe ich meinen 18. Geburtstag gefeiert. Ich durfte damals also knapp mitwählen. Meine Großeltern sind sehr konservative Menschen und so habe ich schon mit jungen Jahren den größten Fehler meines Lebens begangen: Ich habe Donald Trump gewählt. Seitdem ist aber sehr viel passiert. Ich habe mich über Rassismus und weiße Privilegien informiert, um meinen Beitrag als privilegierte Weiße gegen ein System der Unterdrückung zu leisten. Jetzt, wo ich es besser weiß, möchte ich eine Verbündete sein, vor allem, indem ich diskriminierten und rassifizierten Menschen zuhöre. Ich habe gelernt, dass ich als weiße Person Rassismus bestärke, wenn ich nicht dagegen aktiv ankämpfe. An meiner Hochschule, in der Kirche, in meinem Alltag versuche ich nun, gegen den systematischen Rassismus in den USA, gegen die erdrückende Diskriminierung von Schwarzen und People of Color zu kämpfen. Und bei der kommenden Wahl werde ich garantiert nicht nochmal so einen schlimmen Fehler begehen.

LGBTQI-Rechte

Fernando Revelo La Rotta, 28, Chicago

Bild von Fernando Revelo La Rotta

Es gibt viele queere Aktivist*innen, die behaupten, dass der Kampf für LGBTQI-Rechte weitestgehend abgeschlossen sei: Jetzt, wo schwule und lesbische Paare heiraten können, in fast jeder Mainstream-Fernsehserie eine schwule Rolle auftaucht und Unternehmen queere Konsument*innen entdeckt haben. Für viele queere Menschen in den USA geht es aber weiterhin ums Überleben. Man kann zum Beispiel queer und latinx sein – und als Latinx hat man ganz andere Probleme in diesem Land. Generell fühlen sich hier seit einigen Jahren mehr Menschen dazu ermächtigt, Schwule, Lesben oder Transsexuelle zu diskriminieren, angefangen beim schiefen Blick auf der Straße, über die Verweigerung von Dienstleistungen bis hin zu Hassrede und Angriffen. Das Einzige, was uns weiterbringt: Netzwerke für Queers of Color aufbauen und die eigenen Communities stärken. In einer Stadt wie Chicago müssen wir dann noch darauf aufpassen, dass unsere sicheren Räume nicht vom Mainstream oder privilegierten Queers entdeckt und gentrifiziert werden. Es ist also ein andauernder Spagat zwischen Öffnung und Selbstschutz.


Mohamed Amjahid ist Journalist und Buchautor. Er war Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung. Die USA bereiste er im Rahmen eines ThomasMann-Fellowships. 2017 erschien sein Buch «Unter Weißen».

Carolyn Drake lebt als Fotografin in  Kalifornien. Für ihre Langzeit-Arbeiten,  die sich mit dominanten historischen  Narrativen und entsprechenden Alternativen beschäftigen, wurde sie mehrfach aus- gezeichnet (u.a. mit dem Lange-Taylor Prize und dem Anamorphosis Prize).

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