Und sie kämpfen weiter: Die Rolle von Frauen in der US-Politik

Essay

Das vielfältige Engagement von Frauen auf lokaler, regionaler und Bundesebene ist schon lange von zentraler Bedeutung für die politische Entwicklung der USA. Dennoch sind Frauen in politi-schen Ämtern immer noch deutlich unterrepräsentiert. Kann sich das jetzt ändern?

Um das politische Engagement US-amerikanischer Frauen auch nur annähernd zu beschreiben, bedarf es einer genauen Betrachtung des komplexen und vielfältigen Mosaiks hinter der täuschend einfachen Kategorie «Frau».

Ein Drittel der US-Bürgerinnen im wahlberechtigten Alter sind mittlerweile Women of Color, und deren Lebenswelten wiederum unterscheiden sich in großem Maße. Afro-Amerikanerinnen machen andere Erfahrungen als Latinas. Die Erfahrungswelt amerikanischer Ureinwohnerinnen ist nicht dieselbe wie die von Amerikanerinnen mit chinesischen Wurzeln. Welche Formen von sozialer Mobilität oder struktureller Diskriminierung diese jeweils erleben, hängt zudem stark von Bildungsgrad, Alter, Beschäftigungsstatus und Wohngegend ab, ebenso wie die Strategien, mit denen ihr jeweiliges Umfeld darauf reagiert. All diese Faktoren prägen ihr politisches Engagement und Selbstverständnis.

Geschlecht, Bildung, Alter und Wohnort sind als Trennlinien der politischen Spaltung in den USA immer entscheidender geworden. Dazu kommen die in der US-Politik so zentralen rassistisch bedingten Spannungslinien, seit die Bürgerrechtsbewegung der Sechziger Jahre die Demokratische Partei als politische Heimat der Afroamerikaner/innen gefestigt hat. Im Laufe des vergangenen halben Jahrhunderts wurde die Republikanische Partei zunächst hauptsächlich weiß, verankerte sich dann in einer Basis weißer Evangelikaler, und besteht nun zunehmend aus älteren weißen Männern und weißen evangelikalen Frauen. Geographisch gesehen ist die Republikanische Partei als Kraft des bürgerlichen Lebens im ländlichen Amerika allgegenwärtig und in den großen Metropolen kaum präsent. Ihre einst vorherrschende Stellung in den wohlhabenden Vorstädten Amerikas bröckelt zusehends: ein Prozess, der vor allem auf veränderte Ansichten vorstädtischer Frauen zurückzuführen ist.

Die Wahl von Donald Trump im Jahr 2016 vertiefte die Gräben zwischen weißen Amerikaner/innen in Bezug auf Bildung und Geschlecht noch weiter, da sich weiße Frauen mit Hochschulbildung scharf sowohl von Trump als auch von der Republikanischen Partei distanzierten. Weiße Frauen ohne Hochschulabschluss hingegen tendierten zu Donald Trump.

Vor dem Hintergrund dieses Panoramas der Vielfalt fällt das eng gefasste demographische Profil amerikanischer Politiker/innen auf. Gewählte Amtsinhaber/innen beider Parteien auf allen Regierungsebenen waren bis vor kurzem vornehmlich männlich und fast überall vornehmlich weiß. Bei den Zwischenwahlen im Jahr 2018 gewannen zwar mehr demokratische Kandidatinnen als je zuvor und Frauen besetzen nun ein Viertel des US-Senats sowie 101 von 435 Kongresssitzen, für einen Rekordstand sind dies jedoch weiterhin magere Zahlen.

Frauen haben wichtige Führungsrollen

Erhalten hat sich diese Unterrepräsentation trotz der Tatsache, dass in der politischen Praxis das Engagement von Frauen schon lange auf vielfältige Weise und in verschiedensten Räumen von zentraler Bedeutung ist. Frauen mittleren Alters und ältere Frauen nehmen wichtige Führungsrollen ein – von der rechten evangelikalen Pro-Life-Bewegung der 80er und 90er Jahre und den gegen Obama gerichteten «Tea Party»-Konservativen nach 2008 über die neue, gegen Trump gerichtete vorstädtische Mitte-Links-Basisbewegung seit 2016 bis hin zum bürgerschaftlichen Engagement, das in all diesen Jahrzehnten von afroamerikanischen Kirchengemeinden ausging.

Die Vitalität lokaler politischer Strukturen – der formellen und informellen Gruppen und Räume, wo sich Menschen treffen, lernen, debattieren, entscheiden und politisch aktiv werden – beruht auf geschickter organisatorischer und zwischenmenschlicher Arbeit. Doch diese lokale Dimension des politischen Lebens wird oft ignoriert – von Medien, Spender/innen und politischen Berater/innen, manchmal sogar von der Politikwissenschaft. Dabei ist gerade die lokale politische Infrastruktur von großer Bedeutung. Die organisierten Strukturen der Demokratischen Partei haben sich in vielen US-Gemeinden im vergangenen Jahrzehnt weitgehend aufgelöst. Umso wichtiger ist es, dass sie jetzt wiederaufgebaut werden. Dieser Wiederaufbau wird mehrheitlich von Frauen getragen, und zwar von vielen, die in der Politik zwar Außenseiterinnen, in ihren Gemeinschaften jedoch absolute Insider sind.

Das ist die Grundlage für größere Vielfalt in der politischen Repräsentanz. Denn diese entsteht dann, wenn Kandidat/innen von lokalen Netzwerken gewöhnlicher Bürger/innen ausgesucht und gefördert werden. Solche Netzwerke umgehen die Gatekeeper, die in der Vergangenheit mit ihren Annahmen bezüglich Wählbarkeit und ihren eigenen einseitigen Netzwerken dafür gesorgt haben, dass auf den Wahlzetteln systematisch Kandidat/*innen überrepräsentiert waren, die den aktuellen Amtsinhabern ähnelten (meist heterosexuelle, weiße Männer). So wurden in den vergangenen vier Jahren mit einer breiten Unterstützung ehrenamtlicher Helfer/innen etliche vielversprechende Außenseiter-Wahlkämpfe geführt. Die Kandidat/innen waren dabei in vielerlei Hinsicht vielfältiger als die bisherigen Amtsinhaber, was politische Ideologie, Geschlecht, Hautfarbe, ethnische Zugehörigkeit und sexuelle Orientierung angeht.

Auch nach gescheiterter Wahl gaben Frauen nicht auf

Im Jahr 2018 kandidierten viele demokratische Kandidatinnen in Wahlkreisen, wo sie kaum Chancen zu haben schienen; dasselbe gilt für republikanische Kandidatinnen, die im Jahr 2020 gegen demokratische Amtsinhaber ins Rennen gehen. Doch selbst gescheiterte Wahlkämpfe können langfristige Auswirkungen haben. An verschiedensten Orten führen Basisaktivist/innen leidenschaftliche Wahlkämpfe für Bundesstaatsparlamente und den US-Kongress. Und selbst, wenn ihre Kandidatinnen die Wahl verloren, gaben die meisten Freiwilligen nicht einfach auf. Bei ihrer wenig glamourösen, aber unverzichtbaren Arbeit des politischen Organisierens denken sie langfristig: Sie überarbeiten ihre Satzungen, organisieren Picknicks, rekrutieren neue Leute mit neuer Energie, um für Ämter an der Schulbehörde oder beim Grundbuchamt zu kandidieren.

Wenn ganz normale Frauen mit viel Lebenserfahrung die Führung im gesamten Ökosystem der Demokraten übernehmen, auch in formellen Rollen auf lokaler, regionaler und Bundesebene, wird das Gewicht ihrer Stimmen im Großen wie im Kleinen im Meinungsbildungsprozess zunehmen. Dasselbe Muster könnte sich auch bei den Republikanern abzeichnen; es bleibt abzuwarten, ob angesichts des schwindenden Frauenanteils der Partei die verbleibenden Aktivistinnen und aufstrebenden Funktionärinnen die gleiche Durchsetzungskraft entfalten können.

Wirkmächtig könnte das zum Beispiel an der Schnittstelle von Gender, Gesundheit und Arbeit werden, die durch die Coronavirus-Epidemie in den Fokus gerückt ist. Im deindustrialisierten Amerika stellen Arbeitskräfte im Gesundheitsbereich neben dem Dienstleistungssektor vielerorts einen Großteil der Erwerbsbevölkerung. Beide Bereiche werden von Frauen dominiert und sind strukturell resistent gegen die Art von Arbeitsschutz und Gewerkschaftsrechten, die sich (männlich dominierte) Bau- und Industriearbeiter in einigen Regionen des Landes selbst nach lang anhaltendender Erosion bewahren konnten.

Corona könnte neue Verbündete bescheren

Frauen stellen mehr als die Hälfte aller Beschäftigten, die in der Coronavirus-Pandemie als «systemrelevant» gelten. Und diese Berufe fallen im gesamten Beschäftigungsbild für Frauen in diesem Land so stark ins Gewicht, dass jede dritte Frau in einer systemrelevanten Rolle beschäftigt ist. Es ist denkbar, dass die Frauen, die in diesen Bereichen arbeiten, nun neue Verbündete in ihrem Kampf für grundlegende Reformen finden, was sicherere Arbeitsbedingungen oder bezahlte Krankentage angeht. Dass Aktivismus und Führungsrollen innerhalb der breiten gemäßigten Linken in den USA vielfältiger werden, könnte auch den Weg für zentrale Veränderungen ebnen, um der eng verflochtenen Problematik des Rassismus gegen Schwarze, struktureller Ungerechtigkeit und Polizeibrutalität zu begegnen. Diese strukturellen Probleme rückten noch mehr in den Vordergrund, als am 25. Mai in Minneapolis ein Polizist vor den Augen einer fassungslosen Öffentlichkeit den unbewaffneten George Floyd tötete. Im ganzen Land folgte daraufhin eine außerordentliche Welle von #BlackLivesMatter-Protesten, angeführt von jungen Schwarzen Aktivist/innen.

In mehr als 3.000 verschiedenen Gemeinden wurde protestiert, darunter auch in kleinen Ortschaften in ländlichen Regionen sowie in Klein- und Vorstädten, und zwar mit einer bemerkenswert starken Teilnahme weißer Verbündeter, die sich den lokalen Schwarzen Organisator/innen anschlossen. Ein Schild, das bei mehr als einem Protest zu sehen war, lautete: «Als George Floyd nach seiner Mama rief, rief er alle Mütter auf den Plan» Die Formulierung betont das große emotionale Gewicht des «Mutterseins» beim Anstoßen politischer Aktionen: eine Art «maternalistische» Logik, die sich historisch gesehen als wirkmächtig, aber auch als problematisch erwiesen hat. Zu oft in der US-Geschichte konnte dieser Impuls auch re-marginalisierend wirken, indem tiefgreifende, machtbedingte Unterschiede zwischen Frauen einfach unter den universalisierenden rhetorischen Teppich der Mutterliebe gekehrt wurden. Wie die Herausforderungen der Solidarität diesmal bewältigt werden, bleibt abzuwarten.

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