«Für Corona ist allein der Mensch verantwortlich»

Die Evolutionsbiologin Simone Sommer erklärt, warum der Verlust der Biodiversität zu Pandemien wie Corona führt – und warum es sehr wahrscheinlich nicht die letzte sein wird.

Elisabeth Schmidt-Landenberger: Frau Sommer, immer wieder hören wir im ­Moment, dass wir uns auf eine Reihe ­weiterer Pandemien wie Corona einstellen müssen. Sehen Sie das auch so?

Simone Sommer: Unbedingt. In den vergangenen Jahrzehnten haben zoonotische Infektionskrankheiten bei Menschen stark zugenommen, also Krankheiten, die sowohl Tier als auch Mensch befallen können. In der Mehrheit der Fälle wurden sie von Wildtieren auf Nutztiere und Menschen übertragen. Überlegen Sie einmal: HIV kennen wir seit 1981, SARS seit 2002, ­Vogelgrippe H5N1 seit 2003, Schweinegrippe seit 2009, MERS seit 2012, Vogelgrippe H7N9 seit 2013, dann hatten wir den großen Ebolaausbruch 2014 – oft ­tödlich verlaufende Infektionen, die bis heute immer wieder aufflackern. Und Epidemien werden immer häufiger.

Sehr wahrscheinlich haben ja in diesem Fall Fledermäuse das Virus übertragen, wie damals bei Ebola. Auf der Liste der bedrohten Arten stehen die ­Fledermäuse sehr weit oben. Wenn sie aussterben – hat sich dann nicht das Problem, zynisch gesprochen, bald von selbst erledigt?

Das wäre eine Katastrophe. Abgesehen davon, dass es ja noch andere ­Wildtiere und damit Pathogenreservoirs gibt: Fledermäuse erfüllen extrem wichtige Funktionen im Ökosystem, beispielsweise bestäuben sie einen großen Teil der Pflanzen in den Tropen, darunter auch Nutzpflanzen wie die Banane. Sie verbreiten auch viele Samen. Dann, je nachdem, wie sie sich ernähren, regeln sie auch den Insektenbestand. Wenn die Fledermäuse aus unserem Ökosystem verschwänden, gäbe es viel mehr Insekten und mit ihnen neue Krankheiten, die durch sie auf den Menschen übertragen werden.

Das führt uns zu Ihrer zentralen These: Sie und andere Wissenschaftler/innen sagen, dass auch Pandemien wie Corona in unmittelbarem Zusammenhang stehen mit dem Verlust der Biodiversität.

So ist es. Durch Verlust verändern sich nicht nur die Artengemeinschaften, sondern auch die Anzahl der Individuen, die pro Art überleben. Das führt zu einer schwerwiegenden Verschiebung im ganzen Ökosystem – und letztendlich dazu, dass Wildtier, Nutztier und Mensch sehr eng zusammenrücken. So werden Übertragungswege geschaffen, auf die alle Beteiligten nicht angepasst sind.

Bevor Sie uns das näher erklären: Was macht denn ein intaktes Ökosystem aus und warum schützt es uns vor Infektionen oder gar Pandemien?

In intakten Ökosystemen finden wir eine natürlich zusammengesetzte ­Artengemeinschaft mit einer hohen Biodiversität. Dort haben sich die Krankheitserreger und die Wirte über Jahre, Jahrtausende in der Evolution einander angepasst. Die Wirtstiere haben ein abwehrbereites Immunsystem und können mit den Krankheitserregern umgehen. Wenn es in intakten Systemen einmal zu einem Krankheitsausbruch kommen würde, dann würde dieser innerhalb eines kleinen Bereichs bleiben und niemals zu einer Epidemie oder gar Pandemie werden. Es gab mit Sicherheit auch schon früher mal Infektionen, die wir aber gar nicht bemerkt haben, weil sie sich nicht ausbreiten konnten.

Warum ist das so und können Sie ein ­Beispiel nennen?

Nehmen Sie einen Tieflandregenwald mit einer hohen Diversität. Dort ­haben Sie viele verschiedene Mäusearten, verschiedene Rattenarten, verschiedene Hörnchen. Dann kommt eine Infektion rein. Sie kann ein paar Artgenossen infizieren, aber insgesamt bleibt die Anzahl infizierter Tiere relativ gering – unter anderem eben deshalb, weil die ökologischen Nischen mit einer Vielfalt von Arten besetzt sind, die nicht befallen werden können. Ein Virus ist normalerweise ja artspezifisch, braucht eine passende Wirtszelle. Wenn es die nicht findet, kann es sich nicht ausbreiten. Und bei vielen verschiedenen Arten in einem intakten Ökosystem hat es keine großen Chancen.

Umgekehrt heißt das: In einem gestörten Ökosystem wird das Infektionsrisiko höher, weil es weniger Arten gibt? Wie kommt es denn zu dem Artensterben und worin genau besteht die Gefahr für den Menschen?

Wichtig zu wissen ist zunächst, dass wir bei den Arten bezüglich ihrer Reaktion auf Veränderungen ihrer Umwelt zwischen den sogenannten Spezialisten und Generalisten unterscheiden. Die Spezialisten reagieren sehr empfindlich auf Störungen. So hat der Mensch die Lebensräume vieler Tiere durch Rodung, veränderte Landnutzung, Ausbeutung von Ressourcen mehr und mehr verkleinert, degradiert, fragmentiert, was zu einer drastischen Abnahme dieser spezialisierten Arten führt. Das wiederum führt zu einer geringeren genetischen Diversität, unter anderem ihres Immunsystems. Sie werden also anfälliger für neue Krankheiten, ihre Population geht stark zurück; viele Arten sterben komplett aus. Es kommt zu einem regelrechten Aussterbestrudel.

Und wie kommen diese Spezialisten uns Menschen nahe – und übertragen Viren?

Unter anderem über den kommerziellen Wildtierhandel. Denn gerade unter den begehrten und viel gejagten Wildtieren gibt es viele Spezialisten, auch unter den Primaten, also den Affen. Bei ihnen nehmen zoonotische Krankheiten sehr stark zu. Denken Sie an das Bushmeat in ­Afrika. Ebola wurde in Afrika durch Verzehr von Primaten und Fledermausfleisch direkt auf den Menschen übertragen.

Wildtiere wurden doch immer schon gegessen, Bushmeat-Märkte in Afrika und Wet Markets in Asien gibt es auch schon lange. Was hat sich denn plötzlich geändert, dass wir es mit einer Pandemie diesen Ausmaßes zu tun haben?

Ich glaube nicht, dass es ‹plötzlich› gefährlich geworden ist. Ich glaube, Wet Markets waren schon immer gefährlich. HIV ist ja schon über dreißig Jahre alt und ist letztlich auch über Buschmeat erfolgt. Auch SARS, MERS, Ebola. Was dazu kommt, ist die Globali­sierung. Es ist ein Unterschied, ob ein Bushmeat in irgendeinem entlegenen afrikanischen Dorf gegessen wird. Es gab ganz lokal, wahrscheinlich schon viel früher, immer mal wieder Ebola. Aber das waren isolierte Bevölkerungsgruppen. Bei Ebola haben wir – in Anführungszeichen – «Glück» gehabt, dass es größtenteils auf Afrika beschränkt war. Da aber Covid-19 über Aerosole so leicht verbreitet werden kann und wir uns mit Flugzeugen bewegen, konnte man ja zuschauen, wie schnell es sich weltweit verbreitet hat.

Was ist nun mit der anderen Gruppe, den Generalisten? Können sie uns weniger gefährlich werden?

Im Gegenteil. Denn nun passiert Folgendes: Durch den oben beschriebenen Verlust der Spezialisten werden ja viele ökologische Nischen frei. Sie werden jetzt von den anpassungsfähigen Arten, den Generalisten, besetzt, die mit Störungen durch den Menschen sehr viel besser umgehen und auch auf gestörte Lebensräume ausweichen können. Besonders unter den artenreichen Säugetierordnungen finden wir viele Generalisten, das sind an oberster Stelle die Nager, gefolgt von den Fledermäusen. Kommt in so eine Generalistenart eine Infektion, findet ein Virus geradezu ideale Bedingungen sich auszubreiten, weil es auf einen Schlag ganz viele passende Wirtszellen befallen kann.

Generalisten sind doch besonders widerstandsfähig, wie Sie sagen …?

Sie werden oft auch gar nicht selber krank, weil sie durch lange Evolution angepasst sind, aber sie können die ­Viren natürlich weitergeben. Sie sind sehr häufig Pathogenreservoirs, das heißt, sie können eine enorme Menge zoonotischer Viren beherbergen; je mehr ­Tiere einer Art es gibt, desto größer ihre Vielfalt an Viren, dieser Zusammenhang ist wissenschaftlich belegt. Diese Generalisten breiten sich durch den Verlust der Spezialisten immer weiter aus, die Dichte der humanrelevanten Erreger in ihnen nimmt weiter zu – und gleichzeitig kommen sie durch die Beschneidung der Lebensräume dem Nutztier und dem Menschen immer näher: Damit erhöht sich das Risiko einer Übertragung auf neue Organismen – eine neue Zoonose kann entstehen.

Welche Rolle spielt in diesem Prozess die Massentierhaltung?

Eine große. Nehmen wir als Beispiel das Wildschwein, ein Generalist, der auch an Waldrändern, in der Nähe von ­Dörfern und Städten gut leben kann und dort mit den Nutztieren in Kontakt kommt. Trägt das Wildschwein eine ­Infektion in eine Herde von Nutztieren, passiert dasselbe wie oben bei den Generalisten beschrieben: Das Virus findet auf engem Raum ganz viele passende Wirtszellen, in denen es sich niederlassen und vermehren kann. Auch Nutz­tiere tragen mittlerweile eine Menge zoonotischer Viren in sich. Der Weg zum Menschen ist nicht weit, denken Sie an die Vogel- und die Schweinegrippe: Wildlebende Tiere haben Influenza­viren in Massen­bestände übertragen. Eine tickende Zeitbombe.

Welche Rolle spielen Hund oder Katze? Welche die Hausmaus oder die Ratte?

Wir kennen viele Zoonosen, die auch von Haustieren übertragen werden können, zum Beispiel Toxoplasmose und Tollwut. Aber diese können ­keine Epidemien hervorrufen. Wir haben bisher keine Hinweise, dass Haustiere Covid-19 auf den Menschen übertragen können. Es gibt jedoch ­vereinzelte Berichte, dass Menschen Haus- und Wildtiere, zum Beispiel Tiger im Zoo der New Yorker Bronx oder Nerze in den Niederlanden, angesteckt haben sollen.

Spezialisten sterben aus, Generalisten nehmen zu – mit hoher Infektionsgefahr für Wildtiere, Nutztiere und Mensch: Letztlich also eine fatale Kettenreaktion im Ökosystem, die zu Corona geführt hat  und für die allein der Mensch verantwortlich ist?

So sehe ich das, und es sind genau drei Faktoren: Wir zerstören die Lebens­räume der Tiere, dadurch nehmen Infektionen zu und erhöhen damit das Risiko der Übertragung gefährlicher Krank­heiten. Wir betreiben Massentierhaltung und schaffen so einen geradezu idealen Nährboden für Infektionen. Und wir handeln kommerziell mit Wild­tieren, wodurch wir uns jetzt aktuell Covid-19 beschert haben. Die Wissenschaft weist auf all das schon sehr lange hin. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, das ernst zu nehmen. Dann hätte Corona neben all den schlimmen Folgen wenigstens auch etwas bewirkt.

Wir zerstören die Lebensräume der Tiere, dadurch nehmen Infektionen zu und erhöhen damit das Risiko der Übertragung gefährlicher Krankheiten.

 


Simone Sommer ist promovierte Evolutionsökologin und hat im Jahr 2014 die Leitung des Instituts für Evolutionsökologie und Naturschutzgenomik an der Universität Ulm übernommen. Im Zuge ihres Forschungskonzepts «EcoHealth» untersucht sie, wie die Gesundheit von Tieren, Umwelt und Menschen zusammenwirken.

Elisabeth Schmidt-Landenberger ist Redakteurin des Böll.Thema und arbeitet als Medientrainerin und Textcoach in der Politik, bei NGOs und in großen Verlagshäusern.

 

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