«Viele Landwirte sind Verbündete»

Interview

Axel Vogel, Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Naturschutz in Brandenburg, setzt sich seit Jahren politisch für den Artenschutz ein. Was hat er bisher bewegt? Und wer sind die größten Gegner, wenn es um den Erhalt biologischer Vielfalt vor Ort geht?

Herr Vogel, welche Tierart haben Sie zuletzt gerettet?

Axel Vogel, Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Naturschutz in Brandenburg

Axel Vogel: Eine Eidechse, die in Verteidigungshaltung mitten auf dem Weg stand. Ich habe sie in die Wiese gesetzt. Aber im Ernst, ein Minister kann innerhalb eines halben Jahres keine ganze Art retten. Da braucht es langfristige Maßnahmen. Das Land Brandenburg setzt sich dementsprechend schon seit 1990 erfolgreich für den Artenschutz ein.

Inwiefern?

Die Grundlage wurde mit dem Verbot des Insektizids DDT gelegt. Es war wesentlich dafür verantwortlich, dass die Greifvogelbestände gesunken sind. Das Gift hat die Eier zerstört. Heute verzeichnen wir, wie übrigens ganz Ostdeutschland, einen deutlichen Bestandsanstieg von Kranichen, Fisch- und Seeadlern. Besonders stolz sind wir auf die Rettung der Großtrappe. Anfang der Neunziger gab es deutschlandweit nur noch weniger als 50 Tiere – fast alle in Brandenburg. Mittlerweile leben hier wieder über 300. Ohne unser Arten­hilfsprogramm, das inzwischen auch Teil des seit 2014 aufgelegten Maßnahmenprogramms biologische Vielfalt ist, gäbe es in Mitteleuropa heute vermutlich keine Großtrappe mehr.

Wie haben Sie das geschafft?

Wir haben eine eigene Großtrappen-Zuchtstation aufgebaut und Flächen zum Schutz der Vögel gekauft. Es hat sich sogar ein eigener Verein gegründet. Hilfreich war die Akzeptanz der Bevölkerung für die Maßnahmen. Dadurch konnten wir größere Summen für den Artenschutz bereitstellen. Bei großen Tieren wie Vögeln ist das in der Regel immer leichter, als beispielsweise bei unscheinbaren Insektenarten.

In Brandenburg haben sich auch wieder Wölfe angesiedelt. Da sieht es mit der Akzeptanz nicht ganz so gut aus, oder?

Bei uns leben im Bundesländervergleich die meisten Wolfsrudel, zwischen 250 und 300 Tiere in 49 besetzten Territorien. Gemessen daran haben wir relativ wenig Konflikte, weil wir sehr offen kommunizieren. Im Internet informieren wir über die Standorte der Wölfe und über Präventionsmaßnahmen. Entschädigungszahlungen kann man ebenfalls digital beantragen. Und seit diesem Jahr finanziert das Land nicht nur die Hütehunde der Schäfer mit, sondern künftig auch deren Futter. Der Brandenburgische Schäferverband ist für uns ein Verbündeter, wenn es darum geht, mit dem Wolf zu leben. Auch der ökologische Jagdverband begrüßt und unterstützt den Wolf. Größere Probleme gibt es tatsächlich mit dem Biber, der sich ebenfalls verbreitet hat.

Richtet er Schaden an?

Das kommt vor. Früher ließen sich ­Biber, die eine geschützte Art sind, in solchen Fällen fangen und in einer anderen Gegend aussetzen. Das geht nun nicht mehr, weil alle Reviere besetzt sind. Was mache ich dann mit einem Biber, der sich in einen Deich gewühlt, dort eine Röhre angelegt hat und sich nicht vertreiben lässt? Wir haben daher eine breit diskutierte Biber-Verordnung erlassen, die in vielen Punkten auch von Landnutzern und Naturschutzverbänden mitgetragen wird. Als letztes Mittel erlaubt sie den Abschuss des Bibers. Der einzelne Biber ist damit praktisch das Opfer des großen Erfolges der Ausbreitung seiner Artgenossen.

Es gibt also auch im Artenschutz nichts Gutes ohne eine Schattenseite. Wie schafft man es politisch, die Bevölkerung trotz der potenziellen Nachteile dafür zu ­gewinnen?

Die größte Herausforderung für die Politik sind nicht einzelne Menschen oder Gruppierungen, sondern häufig Unwissenheit, Vorurteile und fehlendes Mitempfinden für andere Kreaturen. Dagegen hilft Aufklärung, und das auch nur in Maßen. Viele Menschen bleiben resistent. Wenn sie glauben, dass ­Wölfe in die Schlafzimmer eindringen und Kinder aus den Betten verschleppen – überspitzt gesagt – , kann man stundenlang diskutieren und es wird sich nichts an der Meinung ändern. Trotzdem muss man es versuchen. Der Eichelhäher ist ein gutes Beispiel, wo wir über Aufklärung mehr Akzeptanz geschaffen haben.

Was ist an ihm vermeintlich schlecht?

Als Rabenvogel steht er eigentlich unter strengem Schutz. Trotzdem wird er in vielen Ländern geschossen. Dort ist man der Auffassung, dass der Eichel­häher Schaden anrichtet, weil er Singvogelnester ausplündert. In Brandenburg zeigt das Logo der Forstverwaltung einen Eichelhäher. Wir begreifen ihn als den größten Helfer des Försters. Wenn Sie aufmerksam durch Brandenburger Wälder gehen, dann finden Sie immer wieder Holzgerüste, Schüttungen in ungefähr zwei Meter fünfzig Höhe, in denen die Förster Eicheln und Bucheckern ausschütten. Die holen sich die Eichelhäher und pflanzen sie ein. Ein Großteil unserer Naturverjüngung ist eine Folge dieser sogenannten Hähersaat, denn die Vögel wissen viel besser als der Mensch, wo ein guter Standort für den späteren Baum ist.

Was den meisten aber nicht bewusst ist?

Daher fördern wir eine breite wald­pädagogische Arbeit, die schon Kindern eine andere Perspektive auf den Vogel vermitteln soll. Denn wenn es nur nach dem Fressverhalten geht, muss man sagen: Auch das Eichhörnchen frisst gelegentlich Singvögel.

Das steht so aber nie in den Kinderbüchern. Dort wimmelt es von süßen, Nüsse sammelnden Tierchen.

Ja, ganz ähnlich verhält es sich mit dem Specht. Er frisst «gemeinerweise» nicht nur Maden, sondern versucht auch an die Nester von Höhlenbrüter zu kommen und frisst deren Eier und Küken. Jedes Tier versucht eben, seine ­Nahrungsbasis zu sichern, und das geht häufig auf Kosten anderer Arten. Das muss man wissen und darf trotzdem nicht übersehen, dass jedes Tier im ökologischen Gefüge eine wichtige Funktion hat.

Dieses Gefüge ist aktuell vom Insektensterben bedroht. Sie hatten zuletzt am Tag der Artenvielfalt davor gewarnt, dass in der Folge zu viele Vogelarten aussterben. Was können Sie in Brandenburg dagegen tun?

Betroffen sind vor allem Vögel der Agrar­landschaft: Lerche, Kiebitz und Rebhuhn. Zum einen verschwinden in Folge von chemisch synthetischen Pesti­ziden die Insekten als Nahrungsgrundlage. Zum anderen gefährdet der Einsatz von landwirtschaftlichen Geräten den Bestand. Viele Leute glauben, dass ökologischer Anbau per se Vogelschutz beinhaltet, weil keine Gifte eingesetzt werden. Tatsächlich kann das Gegenteil der Fall sein. Ein Öko-Landwirt ­möchte ja auch kein Unkraut haben. Die Felder werden stärker mit Maschinen befahren, die auch die Nester von bodenbrütenden Vögeln beseitigen. Daher haben wir nicht nur Förderprogramme für den Ökolandbau aufgelegt, sondern unter­stützen auch Maßnahmen für eine naturschutzgerechte Landnutzung auf allen Flächen.

Was heißt das?

Man kann innerhalb der Getreidefelder beispielsweise kleinere Flächen sich selbst überlassen. Sie müssen zwar gemäht werden, denn sonst kommt die Lerche nicht. Aber die gezielte Auskopplung von Flächen hilft einzelnen Vögeln.

Und was hilft den Insekten?

Unser Insektenschutzprogramm umfasst insgesamt 50 wissenschaftlich geprüfte Einzelmaßnahmen wie zum Beispiel Heckenpflanzungen oder besondere Straßenlampen in Dörfern, die Insekten nicht anziehen. Manche helfen viel und kosten wenig. Das Blüh- und Ackerrandstreifenprogramm zum Beispiel sieht vor, dass auf Flächen entlang der Felder oder quer über die Felder Wiesen- oder Blumensaat ausgebracht wird. Ziel war es, 5000 Hektar dieser Fläche zu gewinnen. Momentan haben wir über 10.000 Hektar. Landwirte haben sie freiwillig zur Verfügung gestellt. Den Ausfall an Ernte und die Arbeit mit der Aussaat bekommen sie finanziell erstattet. Das zeigt, dass viele Landwirte Verbündete beim Naturschutz sind. Wenn die Angebote da sind, werden sie auch wahrgenommen.

Als Gegner begreifen manche den Autobauer Tesla, der in Grünheide eine Fabrik bauen und dafür Kiefernwälder roden will. Geht der Naturschutz vor?

Ich sehe Tesla als wichtigen Baustein für die Energiewende. Mit Tesla kommen wir weg von fossilen Brennstoffen hin zu Antrieben, die aus erneuerbaren Energien gespeist werden. Zudem will Tesla eine CO2-neutrale Fabrik errichten. Dass nun auf dem Gelände, das seit 2002 als Industriegebiet ausgewiesen ist, Kiefernstangenforste als sakrosankt erklärt werden – die jetzt übrigens annähernd erntereif waren –, damit habe ich ein großes Problem. Denn die offene Landschaft, auf die gerne als Alternative verwiesen wird, besteht aus ökologisch wertvollen Wiesen und Heideflächen oder Getreidefeldern. In Brandenburg gibt es rigide Vorgaben für die waldrechtliche Kompensation. Es muss mindestens genauso viel Wald aufgeforstet werden als gerodet wird und zudem ein ökologischer Ausgleich geleistet werden. Am Ende werden wir also mehr und besseren Wald haben, nur nicht genau auf dieser Fläche.


Axel Vogel ist seit Anfang des Jahres Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz. Seit 1991 ist er in Brandenburg politisch aktiv, unter anderem leitete er die Abteilung Ökologie, Naturschutz und Wasser im Landesumweltamt. Von 2009 bis 2020 gehörte er dem Brandenburger Landtag an und war dort Fraktionsvorsitzender der Grünen. Vogel hat Wirtschaftswissen­schaften studiert und ist Gründungs­mitglied der Grünen in Bayern.


Susanne Lang lebt als freie Redakteurin und Autorin in Berlin.

This article is licensed under Creative Commons License