Das Inferno im Paradies

Kommentar

In Baghjan, Indien, hat eine Öl- und Gasfontäne inmitten eines Naturschutzgebietes einen irreparablen Schaden angerichtet. Diese Tragödie hat aufs Neue gezeigt: Es ist höchste Zeit, in einer Debatte über Biodiversität ganz neue Fragen zu stellen.

Landschaft und Hütten in Assam

Inmitten der Covid-19-Pandemie, als die Welt durch den Lockdown im Stillstand erscheint, kommt es plötzlich, Ende Mai, an einer Bohrungsstelle eines Ölfelds zu einer gewaltigen Eruption. Seitdem sprüht ein gefährliches Gemisch aus Öl und Gas mit Hochdruck aus der Erde in ein ursprüngliches Paradies: Baghjan. Ein empfindlicher Biodiversitätshotspot inmitten des Dibru Saikhowa National Parks und dem Maguri Motapung Beel – im Bundesstaat Assam, Nordost-Indien.

Eine Explosion folgt und verwandelt das Umland in ein brennendes Inferno, mit irreparablen Schäden an der Natur, an Tieren, Pflanzen, Flüssen, Feuchtgebieten und an den Menschen der umliegenden Gemeinden. Die Ölgesellschaft und die Landesregierung scheinen hilflos bei Versuchen, die Austrittsstelle zu reparieren. Während Umweltschützer/innen kritisieren, dass eine Ölbohrung inmitten eines Naturschutzgebietes überhaupt genehmigt werden konnte, zerbricht eine vorsichtige Balance zwischen einer aggressiven nationalen Infrastrukturentwicklung, den Interessen von Investoren und einer historisch sensiblen politischen Struktur der Region.

Viele Wochen später ist die Gegend noch immer wie in dichten Nebel gehüllt, das ohrenbetäubende Zischen der Öl- und Gasfontäne liegt in der Luft. Wie schwere Regentropfen fällt das giftige Kondensat auf die Vegetation. Monsunregen und sonnige Abschnitte wechseln sich ab, auf den Pflanzen und Bäumen bildet sich eine klebrige Ölschicht. Nutz- und Wildtiere, die mit dem Kondensat in Berührung gekommen sind, haben kaum Chancen zu überleben. Tausende Menschen sind vor der Katastrophe aus ihren Häusern geflohen und kampieren in Schulgebäuden und Notunterkünften. Die hygienischen Bedingungen sind mangelhaft, Abstand halten unmöglich. Die Katastrophe schlägt den Menschen auf die Seele und zusätzlich sind sie durch das Covid-19-Virus bedroht.

In Schreiben an die Medien und Behörden heben Umweltschützer/innen und die Bevölkerung hervor, dass der Naturpark und das Feuchtgebiet ökologisch sensible Systeme sind. Die Gegend ist bekannt für ihre Artenvielfalt, seltene Zugvögel, Wildpferde, Flussläufe, die bedrohte Fischarten beheimaten, auch für das Schwemmland mit seiner einzigartigen Vielfalt an Kräutern, Pflanzen und Bäumen. Sie fordern eine Erhebung des Schadens, seiner Folgen für die Wirtschaft, für die Umwelt und die Gesundheit der Menschen.

Nachhaltige Entwicklung als Makulatur

Während der ätzende Öl- und Gasregen weiter fällt, verstricken sich lokale Endscheidungstragende in ein Netz aus politischen Einflüssen. Sie diskutieren endlos über eine angemessene Kompensation des Schadens an den Menschen, der Natur und die sofort notwendigen Säuberungen. Eine kurzfristig getroffene Entscheidung, die Ölbohrungen zu stoppen, wird genauso schnell wieder revidiert. Schließlich wird die Erhebung des Schadens an mehrere renommierte Institutionen delegiert, die jedoch die lokalen Gegebenheiten nicht kennen. Die größte indigene Gruppe der Moran, die seit Jahrzehnten in Baghjan lebt, erfährt erst durch diesen Vorfall, dass ihre Ländereien bereits vor 20 Jahren für die Ölbohrungen verpachtet wurden.

Auf nationaler Ebene geht derweil eine jahrelang debattierte Entscheidung über die Notwendigkeit von Umweltverträglichkeitsstudien im Vorfeld von Infrastrukturprojekten in die nächste Runde. Gleichzeitig werden landesweit Auktionen genehmigt, die den Kohleabbau an Privatinvestoren vergeben. Ein solches Projekt soll nur einige Kilometer entfernt von Baghjan begonnen werden, inmitten des Dehing Patkai-Elefantenreservats.

Die Tragödie um Baghjan ist ein Extrembeispiel für andere Fälle, in denen sich das Streben nach wirtschaftlicher Entwicklung katastrophal auf die Natur auswirkt. Weder die Interessen noch das lokale Wissen der Bevölkerung werden berücksichtigt, unverantwortlich geplante und fehlerhafte realisierte Projekte sind die Folge. Baghjan steht auch für Regionen, in denen Menschen, die seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur leben und wirtschaften, gemeinsam mit ihren natürlichen Lebensräumen ausgebeutet werden. Der Titel „Nachhaltigkeit“, der den Entwicklungsjargon der Post-Rio-Ära wie kein anderer geprägt hat, ist nichts weiter als ein Wortspiel. Seine Bedeutung wird einer wirtschaftlichen Entwicklung und einem Konsumverhalten geopfert, die zum Verfall von lokalem Wissen, Ökosystemen und Biodiversität führen.

Eine neue Geographie der Reflektion

Auf Baghjan blickend erkennen wir, dass es sich nicht um eine abgetrennte Zone handelt, sondern um eine biogeografische Region. Gelegen an einer historischen Handelsstraße und einem Eisenbahnkreuz aus dem Jahr 1882 verbinden sich hier die Landschaft Südostasiens mit dem restlichen indischen Subkontinent. Ebenso ist Baghjan Teil einer der größten „Landinseln“ der Erde: Nordostindien, mit Indien verbunden, doch umgeben von Ländern Südasiens, Ostasiens und Südostasiens. Die Biodiversität dieser Region dehnt sich weit über diese Landesgrenzen hinaus als Teil einer von weltweit acht biogeografischen Gebieten. Es zieht sich von den östlichsten Regionen Afghanistans durch Süd-, Ost- und Südostasien bis nach Kambodscha, verbunden durch gemeinsame Landschaften und Vegetation. Der mächtige Brahmaputra fließt als einer der längsten Flüsse der Erde vorbei an Baghjan, als der östlichste Fluss Südasiens und der westlichste Fluss Ostasiens. Und wir erkennen trotz unterschiedlicher nationaler Grenzen gemeinsame Kulturen, tribale Ursprünge, gleiche Lebens- und Landwirtschaftstraditionen, spirituelle Praktiken und Rituale und gemeinsame Sprachen. Insgesamt entsteht auf diese Weise eine neue Geografie, erwachsend aus einer gemeinsamen Biodiversität.

Durch das Prisma einer biogeografischen Region gesehen, stellen sich neue Fragen an eine zukünftige Debatte über Biodiversität: Warum sprechen wir über Biodiversität in einem Verständnis von Natur als etwas, das dort draußen liegt, entfernt von uns Menschen und unserem täglichen Leben? Warum nähern wir uns dem Thema Biodiversität mit theoretischen Analysen, als sei es ein abstrakter Gegenstand und aufgeteilt in Sektoren wie Ressourcenmanagement, Umweltschutz, Klimawandel und Nachhaltigkeit? Und: Wie müssten sich unsere theoretischen und methodischen Herangehensweisen verändern, wenn wir in unseren Analysen die Trennung zwischen Mensch, Kultur und Natur aufheben würden?

Dies sind keine neuen Fragen. Dennoch: In einem Jahr vor dem nächsten Biodiversitätsgipfel und einem Jahr des Lebens mit und Lernens von einer Pandemie, sollten wir diese Fragen noch einmal anders stellen. Boaventura de Sousa Santos proklamiert die Notwendigkeit einer neuen Ökologie des Wissens, losgelöst von westlichen epistemologischen Konzepten und basierend auf einem Verständnis, dass es niemals nur ein Wissen und eine Art zu Wissen geben kann. Und, dass eine auf dieser Erkenntnis basierende Re-Interpretation der Welt nur in Momenten der tatsächlichen Auseinandersetzung mit dieser Welt entstehen kann. Bruno Latour betont die Unabdingbarkeit des Erfassens des terrestrischen Raums als einer kritischen Zone für ein neues Verständnis des menschlichen Denkens und Handelns als eine Art Landeanflug auf ein neues klimatisches Regime.

Die anhaltende Tragödie von Baghjan bestätigt diese Überlegungen der Notwendigkeit einer Dekonstruktion entwicklungsorientierten Denkens und des Erkennens neuer ökologischer und politischer Landschaften als de-kolonialisierte, multidisziplinäre Räume. Baghjan zeigt, dass unsere Ansätze und Methodologien umgestaltet werden müssen, um ein traditionelles Wissen und Handeln lokaler Gemeinschaften zu erkennen, welches uns Menschen nicht als getrennt von der Natur, sondern als Teil eines Systems konstanter Verbindungen verstehen. Ein neues Verständnis von Biodiversität benötigt darum zuallererst ein theoretisches und konzeptionelles Ent-lernen, Ent-theorisieren und dechiffrieren unseres Wissens, unserer Sprache und der Weise, wie wir Biodiversität betrachten, während Biodiversität ein Teil unseres Daseins ist.

Debatten zur Vorbereitung einer neuen globalen Biodiversitätsvereinbarung im Jahr der großen Pandemie sollten deshalb die Gelegenheit nutzen, ein neues Verständnis des Menschen als Teil eines sich immer wieder erneuernden ökologischen Systems der Gegenseitigkeit zwischen menschlichen und mehr als menschlichen Wesen, also Pflanzen, Wäldern, Tieren und Flüssen zu kuratieren. Oder, wie Andreas Weber schreibt, einer Ontologie oder einer neuen Kosmologie des Co-seins und Co-existierens als Teil einer neuen Ökologie der Partizipation (s.u.).

Gegen Ende meiner Arbeit an diesem Beitrag lerne ich, dass „Baghjan“ im Assamesischen „Fluss des Tigers“ bedeutet, und, dass entlang einer Überlieferung der Moran ein Tiger kommt, um von dem Fluss zu trinken, der durch ihr Dorf fließt. Die Menschen identifizieren sich selbst symbolisch mit dem Tiger, seit Jahrhunderten verteidigen sie ihre Gemeinschaft und Umwelt gegen Einflüsse von außen. Was wir von den Moran, der Tragödie um Baghjan und von der Pandemie lernen können, ist deshalb vor allem, dass es Zeit ist, innezuhalten, zuzuhören und wahrzunehmen.

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